Unwetterschäden

Unwetter über Kassel und Nordhessen: Größter Schaden seit 30 Jahren in der Landwirtschaft

+
Tristesse am Fuße der Weidelsburg: Auf den Feldern von Familie Hocke hat das Unwetter erhebliche Schäden angerichtet. Im Bild Benjamin Hocke auf dem zerstörten Maisfeld.
  • schließen

Das extreme Unwetter vor wenigen Tagen hat ein großes Chaos hinter sich zurückgelassen. Die Wetterereignisse belasten auch die Landwirtschaft Nordhessens sehr.

Nordhessen/Kreis Kassel – Das Unwetter der vorigen Woche hat allein auf den Feldern in Nordhessen Schäden von mindestens sechs Millionen Euro angerichtet und eine Fläche von mehr als 15 000 Hektar verwüstet. Das berichtet Jürgen Schuldig-Fritsch, Sprecher der Versicherung Vereinigte Hagel, bei der ein Großteil der Landwirte in der Region versichert sind.

„Als ich die ersten Schäden in den Altkreisen Kassel und Wolfhagen besichtigt habe, ist es mir kalt den Rücken heruntergelaufen“, sagt der Regionalleiter. „Seit 30 Jahren hat es ein solches Schadensereignis in Nordhessen nicht mehr gegeben.“

Unwetter über Kassel und Nordhessen: 30 Versichungsmitarbeiter begutachten die Hagelschäden in der Region

Das Unwetter habe auf 100 Kilometern eine Schneise von Fuldatal bis Willingen geschlagen. Die Vereinigte Hagelversicherung hat in den vergangenen Tagen Mitarbeiter aus Thüringen und anderen Bundesländern in die Region beordert, um die Schäden zu schätzen. 30 Mitarbeiter seien aktuell unterwegs, um zuerst Gerste und Mais zu schätzen. In Martinhagen habe es eigens für das Ereignis eine Schulung gegeben.

„Wir arbeiten auf Hochtouren und geben die Felder bereits bei rund 80 Prozent Schaden zum Umbrechen frei, damit die Landwirte noch schnell neu einsäen können“, so Schuldig-Fritsch. Die Betreiber von Biogasanlagen und die Tierhalter seien schon nervös, da sich durch die Verluste ein Maismangel abzeichne. Für die Schätzung der Schäden an Raps und Weizen, die ab nächster Woche anstehen, werden sogar 80 Schätzer unterwegs sein. „Das wird uns noch bis Mitte Juli beschäftigen.“

Erst die Trockenheit und dann der Hagel belasten die Böden in Nordhessen

Massive Hagelschäden gibt es laut Johannes Gerhold, Sprecher des Kreisbauernverbandes Kassel, vor allem in Fuldatal-Rothwesten, Vellmar und im Wolfhager Land bei Balhorn, Ehlen und Naumburg.

Ausgerechnet Bereiche mit zum Teil schwierigen Böden, in denen die Trockenheit der vergangenen Wochen ohnehin schon enorme Probleme bei den Pflanzen verursacht habe, seien jetzt doppelt betroffen. „Die meisten Landwirte haben zwar die Versicherung, aber wer für seine Tiere Futter anbaut, muss nun auf dem Markt zukaufen“, so Gerhold.

„Es ist natürlich auch unfassbar frustrierend, die Schäden auf den Feldern zu sehen. Da steckt so viel Arbeit drin“, erklärt Landwirt Heiko Missal aus Espenau. Den Bereich bei Rothwesten, wo seine Felder sind, bezeichnet er als das Epizentrum des Unwetters. Holunder, Zuckerrüben, Mais und Getreide seien komplett zerstört. » 

Gewitter über Kassel und Nordhessen: In Naumburg entstehe durch Weidelsburg immer wieder eine Schneise

Auch das Maisfeld bei Naumburg erinnert an eine Steppenlandschaft. Hier und da scheinen noch Maispflänzchen überlebt zu haben, ein Großteil ist zerstört oder wird schon gelb. Der Boden ist durch den Starkregen verdichtet und fest wie Beton. Das Unwetter der vergangenen Woche hat auf den Feldern zwischen Ippinghausen und Naumburg ganze Arbeit geleistet.

Dass hier der Hagel einschlägt, ist für Landwirt Thomas Hocke aus Naumburg allerdings nichts Neues: „Wir hatten in diesem Bereich schon mehrfach Schäden.“ Schuld sei die Weidelsburg. Durch den Berg entstehe in Richtung seiner Ländereien immer wieder eine Schneise. „Da ist eine Versicherung unbedingte Pflicht.“

Thomas Hocke und sein Sohn Benjamin warten täglich auf die Gutachter der Versicherung. Die Versicherung helfe zwar beim Ausgleich der Schäden, Thomas Hocke hat aber ein ganz anderes Problem: „Geld kann ich nicht verfüttern. Ich produziere mein eigenes Futter für die Milchviehhaltung.“ Da auch rund 90 Prozent der Gerste und ein Teil des Weizens hin sind, muss der Bio-Landwirt jetzt zukaufen. Und das wird teuer. Denn auch das erworbene Getreide muss die Bio-Richtlinien erfüllen.

Andere Landwirte profitieren von moderaten Regenfällen

Das Tiefdruckgebiet der vergangenen Woche mit starkem Gewitter, Hagel und Regen hat sehr unterschiedliche Auswirkungen für die Landwirtschaft im Kreis Kassel: Während das Unwetter vorwiegend in den Altkreisen Kassel und Wolfhagen die genannten Schäden angerichtet hat, profitierten andere Landwirte, beispielsweise im Altkreis Hofgeismar, zum Teil von moderaten Regenfällen. Diese sorgten nach wochenlanger Trockenheit endlich für Entspannung auf den Feldern.

„Ich stehe gerade auf meinem Zuckerrübenfeld, hier ist alles gut, wir hatten Glück“, so Jörg Kramm, Kreislandwirt und stellvertretender Vorsitzender des Regionalverbandes Kurhessen, der auch für Hofgeismar zuständig ist. Zwar standen auch hier die Pflanzen in den vergangenen Wochen unter Trockenstress, doch der Regen kam vergangene Woche hier vorwiegend als Landregen vom Himmel. Unter anderem Zuckerrüben, Kartoffeln oder Mais profitierten. Allerdings gab es auch Ausreißer, so waren zum Beispiel Erdbeerfelder vom Hagel zerschlagen worden. (Bea Ricken)

Seit 2019 auffallend geringe Schäden

Bei der Vereinigten Hagel handelt es sich um eine Solidargemeinschaft, bei der laut Sprecher rund 75 Prozent der Landwirte aus der Region als Anteilseigner versichert seien. Das wirkliche Ausmaß der Schäden dürfte noch höher sein, da mit rund 25 Prozent noch andere landwirtschaftliche Versicherungen mit im Boot sind und ein Teil der Landwirte mit Schäden keine Versicherung hat. Laut Sprecher gab es in den vergangenen drei Jahren auffallend geringe Schäden. (ewa)

Kommentare