Lahn

Erinnerung an die „Kunststadt“: Diese Großstadt in Hessen gab es nur 31 Monate

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Eine Brücke überspannt in Wetzlar die Lahn. In der gleichnamigen Kunststadt kam eine richtige emotionale Verbindung allerdings nie zustande. (Archivfoto)
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In Mittelhessen entstand in den 1970er Jahren eine „Kunststadt“. Ihre kurze Existenz hat bis heute Auswirkungen auf die Region.

Kassel/Gießen – In Nordhessen könnte bald eine neue Gemeinde entstehen. Die Bewohner von Neukirchen, Otterau und Oberaula im Schwalm-Eder-Kreis haben die Möglichkeit, über eine Vereinigung ihrer drei Kommunen abzustimmen. Dieser Bürgerentscheid, der parallel zur Europa-Wahl stattfindet, könnte dazu führen, dass sie zukünftig als eine einzige Gemeinde mit rund 12.000 Einwohnern anerkannt werden. Der Name für diese potenzielle neue Gemeinde steht noch nicht fest, aber nach der Abstimmung können Vorschläge in einem Wettbewerb eingereicht werden.

Das Land Hessen unterstützt diese Initiative und hat unter anderem eine Machbarkeitsstudie finanziert. Einer der Schlussfolgerungen dieser Studie ist, dass die drei Gemeinden durch eine Fusion erhebliche finanzielle Einsparungen erzielen könnten. Es wird geschätzt, dass jährlich etwa 1,1 Millionen Euro in den Gemeindekassen verbleiben würden. Darüber hinaus hat Hessen eine zusätzliche Schuldentilgung von 4,3 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Diese Maßnahme ist Teil des sogenannten Schutzschirmgesetzes, das in Hessen Kommunen bei der „freiwilligen Fusion“ unterstützen soll.

Seit der Einführung dieses Gesetzes haben sich bereits andere Kommunen in Hessen zusammengeschlossen. Im Norden des Bundeslandes fusionierten die Gemeinden Oberweser und Wahlsburg 2020 zur neuen Gemeinde Wesertal mit etwa 5000 Einwohnern. Im Süden Hessens vereinigte sich die Stadt Beerfelden zwei Jahre zuvor mit den Gemeinden Hesseneck, Rothenberg und Sensbachtal zur Stadt Oberzent mit rund 10.000 Einwohnern. Durch diese Fusion wurde Oberzent auf einen Schlag zur drittgrößten Stadt Hessens.

„Kunststadt“ Lahn wurde 1977 geschaffen

Allerdings waren alle diese Beispiele eher kleine Projekte, die von den Bürgern gewünscht wurden. Eine unfreiwillige Vereinigung, eine „Zwangsehe“, wurde dagegen in den 1970er Jahren von mehreren Gemeinden in Mittelhessen eingegangen. Die tief wurzelnden Städte Wetzlar und Gießen bildeten 1977 zusammen mit 14 kleineren Gemeinden die „Kunststadt“ Lahn.

Diese Fusion fand im Rahmen der großen Gebietsreform in Hessen statt. Ab dem 1. Januar waren etwa 160.000 Menschen Einwohner der Stadt Lahn und somit Teil eines der größten Experimente in der Geschichte der westdeutschen Stadtplanung nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Großteil dieser neuen „Lahnbürger“ kam aus der Kaiserstadt Wetzlar (damals etwa 50.000 Einwohner) und der etwa 17 Kilometer entfernten Universitätsstadt Gießen (damals etwa 74.000 Einwohner). Beide Städte haben eine lange Geschichte und legen großen Wert darauf.

Die Großstadt Lahn war jedoch nur von kurzer Dauer. Die Einwohner konnten und wollten sich nicht mit ihrer neuen Heimatstadt identifizieren. Sie machten ihren Unmut deutlich: Autos wurden mit dem Spruch „Wenn ich Lahn seh, krieg‘ ich Zahnweh“ beklebt (ein Spruch, der bis heute in der Region gebräuchlich ist), neu aufgestellte Ortsschilder wurden überklebt und schließlich wurde die verantwortliche Regierung abgestraft.

Schildertausch in Gießen. Den Präfix „Lahn“ waren die Bürger nach Protesten und nur 31 Monaten wieder los. (Archivfoto)

Stadt Lahn war geplant als wirtschaftlicher Gegenpol zu Rhein-Main-Gebiet und Nordhessen

Die Idee für die Großstadt Lahn kam von der Landesregierung in Wiesbaden. Die dortige sozialliberale Koalition wollte mit der Fusion von Gießen und Wetzlar einen wirtschaftlichen Gegenpol zu den Zentren Hessens im Rhein-Main-Gebiet und in Nordhessen schaffen. Die Entscheidung wurde erst drei Jahre zuvor unter dem Namen „Gesetz zur Neugliederung des Dillkreises, der Landkreise Gießen und Wetzlar und der Stadt Gießen“ verkündet. Bei der nächsten Kommunalwahl im März 1977 machten die Bürger ihrem Ärger Luft und wählten die CDU. Die SPD und FDP erlitten schwere Wahlniederlagen und mussten viele kommunale Ämter abgeben.

Im Dezember 1977 legte der Magistrat der Stadt Lahn eine offizielle Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein und besiegelte damit das Ende der Stadt. Der damalige SPD-Ministerpräsident Holger Börner, der sich keinen weiteren Stimmenverlust leisten konnte, reagierte. Mit den Worten „Gießen wird wieder Gießen, Wetzlar wieder Wetzlar“ verkündete Börner im September 1978 (kurz vor der Landtagswahl) das Ende der Stadt Lahn. Am 1. August 1979 wurde dieser Schritt schließlich vollzogen und die „Zwangsehe“ zwischen Gießen und Wetzlar endete nach nur 31 Monaten.

Börner entschuldigte sich bei den Bewohnern der Stadt Lahn. „So alte bedeutsame Städte wie Gießen und Wetzlar mit ihrer reichen Vergangenheit, ihrer unterschiedlich geprägten Struktur und ihrer Eigenart kann man nicht gegen den Willen der Bürger zu einem neuen künstlichen Gebilde zusammenfügen“, gab er in einer Nachricht zu. „Hier lag der Fehler, und die Bürger haben es uns letztlich gesagt. Deshalb bin ich dafür eingetreten, diese Zwangsehe wieder aufzulösen.“

Die Großstadt Lahn hat jedoch bis heute Auswirkungen. Zahlreiche Bauprojekte waren bereits genehmigt und der überstürzte Zusammenschluss von ungleichen Partnern war teuer: Die Stadt galt als die am höchsten verschuldete in Deutschland.

Bei der Neuordnung wurden dann die Bürger gefragt

Auch in der Folgezeit profitierte Gießen nicht von der Idee der Großstadt Lahn. Denn die Politik hatte ihren Kurs geändert und bei der Neuordnung der Region die Bürger nach ihrer Meinung gefragt. Nur die Einwohner des gemütlichen Lützellinden fühlten sich zu Gießen hingezogen. Darüber hinaus verlor Gießen seinen Status als kreisfreie Stadt und bildet nun lediglich das Zentrum des neuen „Kreis Gießen“. Dies hat bis heute Auswirkungen: Gießen besteht fast ausschließlich aus der Kernstadt, einen typischen „Speckgürtel“ wie in den meisten vergleichbaren Städten gibt es in der Universitätsstadt nicht.

Wetzlar erging es besser: Dort schlossen sich Dutenhofen und Münchholzhausen an. Neben den beiden Zentren entstanden die Gemeinden Wettenberg und Lahnau. Darüber hinaus gibt es noch Heuchelheim an der Lahn, das kurz vor der Gründung der Großstadt Lahn aus zwei kleineren Gemeinden fusioniert wurde.

Die damaligen Bürgermeister hatten Hoffnung für die neue Großstadt in Hessen. Dies ist zumindest die Sicht von Otto Malfeld (SPD), dem damaligen Oberbürgermeister von Wetzlar, und Bernd Schneider (SPD), dem damaligen Oberbürgermeister von Gießen, die die Deutsche Presse-Agentur zum 25. Jubiläum der Stadtgründung interviewte. Rückblickend sehen die beiden im Ende von Lahn eine verpasste Chance für Mittelhessen.

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Hätte die Zwangsehe nicht so überstürzt geschlossen werden müssen, so die beiden ehemaligen Bürgermeister gegenüber der dpa im Jahr 2004, hätte sie funktionieren können. „Mit vier weiteren Jahren Zeit hätten wir uns schon aneinander gewöhnt“, sagte Schneider damals. Malfeld wollte einen Stufenplan über zwei Legislaturperioden umsetzen, aber das scheiterte offenbar am FDP-Fraktionsvorsitzenden im Wiesbadener Landtag.

Die Aussichten auf eine erfolgreichere Vereinigung in Nordhessen sind jedoch gut. Die notwendigen Unterschriften für ein Bürgerbegehren wurden schnell gesammelt. Es gibt durchaus Vorteile einer Fusion, es könnte sich um eine einvernehmliche Hochzeit im Sinne aller Partner handeln. (spr)

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