Nidda - Eine Geburt ist keine Show, die Arbeit einer Hebamme kein leichtes Brot. Die Rahmenbedingungen sind denkbar schlecht: Großer Einsatz ist gefragt, doch dieser wird schlecht bezahlt. Denise Schauermann aus Nidda-Fauerbach liebt ihren Beruf, wählte die Selbstständigkeit und erzählt, warum sie den großen Moment bewusst ausspart.
Wenn sich Promis mit Babybauch nach einem mehrstündigen Making-of im sanften Licht des Fotografen scheinbar unbeschwert räkeln und diese Bilder auf Instagram posten, kann das irritieren. Da gibt es keine tollkühnen Hormone, keine Verzweiflung über das gefühlte Leben in einer Wurstpelle, keine ignoranten Partner und auch keine angeschwollenen Beine.
Zwischen Instagram-Storys und der Wirklichkeit ist noch jede Menge Luft. „Wenn sich Erstgebärende das anschauen, fallen schon einige in ein Loch“, erzählt Denise Schauermann. Die 34-Jährige ist Hebamme, hat ihre Praxis in Nidda-Fauerbach, begleitet im Jahr etwa 70 Frauen durch diese Lebensphase.
Schon als 17-Jährige stand für sie fest, dass sie diesen Beruf ergreifen will. 2010 absolvierte sie ihr Hebammenexamen am Universitätsklinikum Marburg, arbeitete danach fünf Jahre im Bürgerhospital in Frankfurt. Die Kreißsäle dort sind voll. 2014/2015 wurden dort 3000 Kinder zur Welt gebracht, im vergangenen Jahr etwa 4000. Schauermann berichtet: Jede Hebamme betreut zwischen zwei und vier Frauen parallel, eine Eins-zu-eins-Betreuung ist Wunschdenken.
„Die Ärzte messen mit Ultraschall. Wir Hebammen haben unsere Hände, unser Gefühl und vor allem unsere Erfahrung.“ Letztere sei Gold wert, um eine Frau gut durch die Schwangerschaft, die Geburt und das Wochenbett zu begleiten. Und doch spart sie in ihrer freiberuflichen Tätigkeit die Niederkunft aus.
FIXE KOSTEN
Ob Nachsorge , Stillhilfe, Fragen zur Ernährung, ein ermutigendes Gespräch - in der Regel benötigt Denise Schauermann mindestens eine Stunde pro Hausbesuch. Die Krankenkassen haben dafür 20 Minuten angesetzt.
Die Hebamme rechnet vor: Sie bezahlt monatlich 657,51 Euro für die Renten- und Sozialversicherung, 1031,89 Euro für ihre Krankenversicherung. Hinzukommen circa 1000 Euro jährlicher Beitrag für den Hebammenverband. Hebammen, die Geburtshilfe leisten, zahlen 12 659,28 Euro für ihre berufliche Haftpflichtversicherung. Geburten sind nicht ohne Risiko.
Die Anzahl der Beitragszahler ist im Vergleich zu anderen Verbänden gering. Krankenkassen beteiligen sich unter gewissen Bedingungen mit einem Sicherstellungszuschlag. Doch die finanzielle Last bleibt hoch, die Arbeitsbedingungen sind schwierig. Viele Hebammen steigen aus. Laut Landkarte der Unterversorgung des Deutschen Hebammenverbandes suchen aktuell bundesweit 48 414 Frauen eine Hebamme. myl
In ihrer Praxis hat sie ein gemütliches Behandlungszimmer. Neben der Liege sind Blutdruckgerät und Desinfektionsmittel platziert. In dem Kursraum stapeln sich Gymnastikmatten, am Rand warten Hula-Hoop-Reifen auf ihren Einsatz. Die Farben wirken harmonisch, die Deko dezent. Poster an den Wänden erklären den Geburtskanal. Schauermann hält ein Modell eines Frauenbeckens in der Hand. Ihre eigene Praxis war für sie ein wichtiger Schritt.
2015 wurde sie zum ersten Mal selbst Mama. „Es war eine erzwungene, aber sehr willkommene Pause“, erzählt sie. Denn fest angestellte Hebammen arbeiteten immer am Limit, der Schichtdienst sei mit einer Familie nicht vereinbar. „Wer zu 100 Prozent arbeitet, ist nach einem oder eineinhalb Jahren mental und physisch ausgebrannt.“ Das erlebte Schauermann damals am eigenen Leib. Sie geriet ins Zweifeln, stellte sich die Frage: Bin ich oder ist das System dafür verantwortlich? Eineinhalb Jahre nach ihrem Examen ließ sie sich im Bürgerhospital auf 80 Prozent herunterstufen und arbeitete nebenher für einige Stunden freiberuflich. Angestellte Hebammen werden mäßig bezahlt. In Gehaltsrechnern werden die durchschnittlichen Monatsgehälter mit 3300 Euro angegeben.
Ihre Kinder sind mittlerweile neun und sechs Jahre alt. Heute betreut sie Frauen, die im Umkreis von 25 Kilometern um Fauerbach wohnen, während der Schwangerschaft, im Wochenbett und der Zeit danach. Zudem bietet sie Rückbildungskurse, Still- oder Breikostberatung an. Die Nachfrage ist groß, Hebammen sind rar. Es empfiehlt sich, sich auf die Suche zu machen, sobald der Schwangerschaftstest trocken ist. Zwischen zehn und 20 Anrufe muss eine werdende Mutter einkalkulieren. Auch Schauermann ist sehr oft ausgebucht, muss immer wieder Anfragen ablehnen, gibt aus Kapazitätsgründen keine Geburtsvorbereitungskurse.
Überhaupt ist eine gute Organisation wichtig. Fünf bis sechs Frauen im Monat will sie betreuen. Manchmal überschneiden sich die Termine. Im vergangenen Jahr hatte sie sich überreden lassen und zeitweise zehn angenommen - was eindeutig zu viel war. Wenn die Familie sonntags frühstückt und es plötzlich „Milchstau“ heißt, wissen alle Bescheid. Mama kann nicht mit auf die Radtour, sondern muss dringend zu einer verzweifelten Schwangeren fahren. Die Familie, inklusive ihrer Eltern, trägt den Beruf mit.
Für die zweifache Mutter hat ihr Beruf jedoch nichts an seiner Faszination eingebüßt. Die Schwangerschaft und Ankunft eines Kindes bleiben für sie immer noch ein Wunder. Die Geburt, der Geruch des Kreißsaals, Atemzüge zwischen zerreißendem Schmerz und purem Glück, Momente zwischen Bangen und guter Hoffnung stehen für sie für die Kraft des Körpers. Die Geburt sei eine Grenzerfahrung und ein Neuanfang. So liebäugelt sie damit, zumindest für ein paar Stunden in der Woche wieder bei diesen intensiven Ereignissen dabei zu sein. Die Schwangerschaft und Geburt seien so ehrlich, dass sie kein Posen benötigen.