VonSabrina Mehlerschließen
Wenn nächsten Monat der Rest des neu gestalteten Tiergartens eröffnet – mitsamt der Fläche des früheren Heimattiergartens in der Hohle – wird ein langes Kapitel voller Streit, verletzter Gefühle und Misstrauen zu Ende gehen. Anstatt Verein übernehmen jetzt Stadt und Kinder-Akademie die Trägerschaft.
Fulda - Wer im vergangenen halben Jahr am Landesgartenschau-Gelände des Sonnengartens unterwegs war, der wunderte sich: Während im neuen Tiergarten-Teil auf dem Plateau Rinder und Ziegen auf der Wiese umherspringen oder in neuen Stallungen schlummern und neue Wege barrierefrei durch den Mini-Zoo führen, ist der einst als Heimattiergarten bekannte Teil unten in der Hohle gesperrt.
Fulda: Tiergarten-Areal öffnet am 21. Oktober seine Pforten
Aus zwei Gründen: Die Bauarbeiten für die Neugestaltung dauerten hier zum einen länger. Und zum anderen ist erst jetzt klar, welcher Träger die gesamte Einrichtung mit neuem Konzept übernimmt. Der Streit zwischen Stadt Fulda und dem Verein Heimattiergarten verhinderte wohl eine frühere Einigung.
Um zu verstehen, warum sich der Verein unter Vorsitz von Peter Weber und die Stadt nicht grün sind, muss man ins Jahr 2016 zurückblicken, als das Veterinäramt die zeitweise Schließung des Heimattiergartens bewirkt hatte. Weber hat heute noch Zweifel, ob das notwendig war, und argwöhnt, die Stadt wolle den Verein abschaffen. Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld (CDU) sagt:„Das Veterinäramt hatte damals Bedenken im Blick auf die Haltungsbedingungen der Tiere.“ Jeder Besucher habe damals wahrnehmen können, „dass hier etwas passieren muss“.
Die Fläche in Neuenberg gehört der Stadt: „Deshalb kann uns nicht gleichgültig sein, was hier geschieht. Wir müssen dem Tierwohl bestmöglich Rechnung tragen“, unterstreicht der OB. Daher habe sich die Stadt schon seit 2015 Gedanken gemacht, wie der Zoo zukunftsfähig aufgestellt werden kann: also wie eine artgerechte Haltung möglich ist, wie mehr Weide- und Auslaufflächen geschaffen werden können, welche Tiere gehalten werden, wie die Einrichtung attraktiver wird und wie die Fläche barrierefrei gestaltet werden kann. Die Lösung hieß LGS – und damit einhergehende Fördermittel des Landes für nötige Investitionen.
In Kooperation mit dem Verein Heimattiergarten habe die Stadt entsprechende Planungen auf den Weg gebracht: Weitere Flächen wurden gekauft, so dass sich der Tiergarten von 1,8 auf 3,8 Hektar vergrößerte. Die kleinen Gehege wurden aufgemöbelt und neue Wegeverbindungen geschaffen. Das Umweltzentrum, dessen Vorsitzender der Oberbürgermeister ist, wurde mit ins Boot geholt, um die Ehrenamtlichen auch professionell zu unterstützen.
Neue Leiterinnen
Die Fuldaerin Marion Gottschalk (48) ist gelernte Gymnasiallehrerin, lebte und arbeitete bereits in einem Nationalpark an der Ostsee im Bereich der Umweltbildung und gehört seit Januar dieses Jahres der Geschäftsleitung des Umweltzentrums an.
Rieke Trittin (39) kommt aus Gersfeld, ist studierte Agrarwissenschaftlerin und seit November 2022 Leiterin des Umweltzentrums. In ihrem Heimatort sitzt sie für die SPD in der Gemeindevertretung.
Die wohl größte Neuerung: die Abschaffung der Futtertüten. Mensch und Tiere sollten sich „auf Augenhöhe begegnen“ und einander ohne Futter als Lockmittel nahekommen, lautete das Ziel. Doch daran entzündete sich Streit : Streicheln sei doch vorher schon möglich gewesen, ohne dass Besucher die Tiere fütterten, entrüstete sich der Verein, dem nun überdies eine sichere Einnahmequelle verlorenging.
Hinzu kamen Auseinandersetzungen mit Dr. Bianca Reith als Angestellte beim Umweltzentrum, die als pädagogische Tierärztin den Tiergarten von 2016 bis vor Kurzem geleitet hatte und auch Mitglied des Vereins war. Der Verein warf ihr jedoch vor, keine praktischen Erfahrungen zu besitzen.
Als Tiere starben, gab es wechselseitige Vorwürfe, dies sei auf falsche Behandlungen zurückzuführen. Belegen lässt sich nichts davon. Der Verein versuchte dennoch, Bianca Reith aus dem Verein zu drängen. Das gelang nicht. Im Sommer kündigte sie ihren Job jedoch und arbeitet nun in der Seelsorge. Aktuell prüft sie wegen der Vorwürfe rechtliche Schritte.
Mittlerweile war außerdem klar geworden, dass Vereine als Träger eines Tiergartens „nicht passend“ seien, sagt Wingenfeld und weist auf haftungsrechtliche und organisatorische Gründe hin. „Es geht um einen wirtschaftlich anspruchsvollen Betrieb.“ Deshalb ist künftig nicht mehr das Umweltzentrum Träger, sondern Stadt und Kinder-Akademie im Zusammenspiel. Letztere sei ein etablierter, sehr professioneller Träger, sagt Wingenfeld, und soll Seminare, Workshops und andere Angebote für Kinder ausarbeiten.
Wir müssen dem Tierwohl bestmöglich Rechnung tragen.
Darüber hinaus bleibt die Kooperation mit dem Verein Heimattiergarten bestehen: In der Hohle am alten Eingang, wo auch das Vereinsheim steht, erhält er einen eingegrenzten Bereich für das Vereinsleben. Zudem sollen Mitglieder sowie Mitarbeiter des „Wirgartens“ kooperativ zusammenarbeiten. „Ob das funktioniert, wird sich erweisen“, sagt Wingenfeld.
Rieke Trittin und Marion Gottschalk, die beide der Geschäftsleitung des Umweltzentrum angehören, werden zusätzlich für die Kinderakademie in der Leitungsfunktion für den „Wirgarten“ tätig.
Die „Symbiose“ zwischen Stadt und Kinder-Akademie soll dabei helfen, „einen verlässlichen und innovativen Betrieb sicherzustellen“, hofft Wingenfeld. Am Samstag, 21. Oktober, wird der gesamte Tiergarten eröffnet. Der OB hat eine Bitte: „Hier entsteht etwas Neues. Bitte erwarten Sie nicht, dass von Anfang an gleich alles perfekt ist. Wir sind offen für Vorschläge und laden Interessierte ein, sich einzubringen.“
Eine Chronik der Entwicklung des Tiergartens von den 60er Jahren bis heute finden sie in der Mittwochsausgabe im Print oder im E-Paper der Fuldaer Zeitung.
Im Tiergarten in Fulda-Neuenberg sollen sich Menschen und Tiere näher kommen. Nach der Landesgartenschau soll es im „Wirgarten“ pädagogische Angebote und Führungen geben.

