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Hessen: Rechtsruck auch an Schulen

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Im Februar protestieren Frankfurter Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte am Main gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft. Der macht auch am Schultor nicht Halt.
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Zahl der Vorfälle habe deutlich zugenommen, warnt die Landesvertretung der Schülerinnen und Schüler. Gewerkschaft GEW schlägt zudem Alarm wegen des Mangels an Lehrkräften.

Die Lage an den Schulen in Hessen ist besorgniserregend. Zu dem Schluss kommt, wer am Mittwoch die gemeinsame Pressekonferenz der Vertretungen von Eltern und Schülerschaft sowie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Frankfurt verfolgt. Nicht nur fehlen viele Lehrkräfte, sondern es gibt auch mehr rechtsextreme Vorfälle in Schulen. Außerdem bleibt der Ausbau des Ganztagsangebots an Grundschulen ein Mysterium. Niemand scheint zu wissen, ob und wie es voran geht. Ab August 2026 haben die Kinder der ersten Klassen einen Rechtsanspruch auf Ganztagsschule.

Wenigstens scheint die Digitalisierung bei der jungen Generation fortzuschreiten. Zumindest nutzt die stellvertretende Sprecherin der Schülerinnen und Schüler des Landes ein Tablet für ihren Redebeitrag, im Gegensatz zu Gewerkschafter und Elternsprecher, die ihre Notizen noch auf Papier mitbringen. Was Nele Vogel allerdings vorträgt, lässt die Begeisterung schwinden. So hat das Kultusministerium allein 2024 (bis Juli) 87 Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund an hessischen Schulen erfasst.

„Die Zahl der Vorfälle ist deutlich gestiegen“, sagt Vogel. Prominente Beispiele sind etwa die Schüler, die in Wiesbaden bei einem Film über den Holocaust den Tod von Millionen von Menschen beklatscht haben. Oder ausländerfeindliches Gejohle auf einem Pausenhof im Main-Kinzig-Kreis zur Melodie des Discohits „L’amour Toujours“. Besagte 87 Fälle seien lediglich „die Spitze des Eisbergs“, sagt Vogel bedrückt. Viele Vorfälle regelten die Schulen intern, würden sie also gar nicht ans Schulamt melden: rassistische, sexistische und antisemitische Diskriminierungen, die einem rechten Gedankengut entspringen würden. Der Landesrat der Schülerinnen und Schüler fordert daher vehement mehr Geld für Demokratiebildung und Sozialarbeit an den Schulen. „Um rechte Tendenzen früh zu erkennen und ihnen rechtzeitig entgegenwirken zu können.“

Zur Bildungsarbeit zählten etwa verpflichtende Besuche von Gedenkstätten der NS-Zeit. „Nur durch die direkte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit können wir junge Menschen sensibilisieren“, sagt Vogel. Auch sollte die NS-Zeit fest in den Lehrplänen und Curricula aller Schulformen fest verankert werden, also nicht nur Thema an der gymnasialen Oberstufe sein.

Wichtiges Thema an Grundschulen sollte der Ausbau des Ganztagsangebots sein, findet Thorsten Sprenger, stellvertretender Vorsitzender des Landeselternbeirats. Nur erhalte der Beirat dazu kaum Info. Anfragen bei den Kommunen hätten bestenfalls zögerlichen Rücklauf.

„Die Politik muss ausreichend finanzielle Mittel bereitstellen und die Qualität der Angebote flächendeckend sicherstellen“, mahnt Sprenger darum vorsorglich. Nicht alle Schulen hätten schließlich genügend Räume oder Platz für eine Mensa. Dazu komme der qualitative Anspruch. Die Kinder sollen nachmittags ja nicht nur betreut werden. Die Nachmittagszeit soll auch pädagogischen Ansprüchen genügen, dafür braucht man Personal.

Das ist das Stichwort für den GEW-Vorsitzenden Thilo Hartmann. Qualifiziertes Personal fehlt den Schulen nämlich an allen Ecken. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler steige dafür. „Wir rechnen mit einem sich weiter zuspitzenden Lehrkräftemangel“, sagt Hartmann. Im vergangenen Jahr lag die Zahl der unbesetzten Stellen bei knapp 1000. „Es ist davon auszugehen, dass sich die Situation auch in diesem Schuljahr nicht verbessern wird.“

Zumal viele Engpässe in der Statistik gar nicht auftauchen. Etwa die Stellen, die die Schulen gar nicht versuchen zu besetzen, weil Personal fehlt. Dafür gibt es dann Geld für Hilfskräfte. 6000 bis 7000 Stellen in Hessen sind zudem nicht mit Fachkräften und in Vollzeit besetzt, sondern mit Vertretungskräften. Das Land bemühe sich nicht, diese nachträglich auszubilden, weiter zu qualifizieren, zu entfristen, kritisiert Hartmann. Stattdessen dürften sie nie länger als fünf bis sieben Jahre bleiben, weil sie sich sonst womöglich auf eine feste Stelle einklagen könnten.

Aktuelle Zahlen hat die Gewerkschaft noch keine. „Das Ministerium ist da vorsichtig.“ Auch die FR verweist man freundlich auf den kommenden Freitag. Da möchte Minister Armin Schwarz (CDU) in einer eigenen Pressekonferenz in Wiesbaden die Lage an den Schulen erläutern.

Thilo Hartmann erwartet da nicht viel Erhellendes. Das Ministerium stelle die personelle Ausstattung der Schulen gerne rosiger dar, als sie sei. Verweise etwa darauf, mehr Plätze in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern geschaffen zu haben. Bei den Studiengängen für Grundschulen und Gymnasien mag das noch stimmen, unkt Hartmann.

Bei den Gesamtschulen, den beruflichen und den Förderschulen würden die Lücken aber immer größer. Ohnehin erreiche nur die Hälfte der Lehramts-Studierenden auch einen Abschluss. Die anderen springen nach dem Praxisschock im Praktikum bereits während des Studiums ab.

Künftig steige die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte also, referiert Hartmann. Themen wie Integration, Inklusion, Digitalisierung, gesellschaftliche Vernetzung fielen dem zum Opfer, unkt der Gewerkschafter. Unterricht falle aus, was besonders den Bildungserfolg derjenigen gefährde, bei denen das Elternhaus aus Zeit-, Sprach- oder anderen Gründen nicht unterstützen könne und sich womöglich auch keine Nachhilfe leisten könne.

Skeptisch ist Hartmann auch gegenüber dem neuen Förderinstrument von Land und Bund, dem Startchancen-Programm. Daraus erhalten Schulen zwar mehr Geld für Bau und Personal. In Hessen ist letzteres aber kaum noch zu finden. In ihrer Not könnten die Schulen verstärkt auf Hilfskräfte zurückgreifen. Die heißen im Programm Schulhelferinnen und -helfer. Was sie an Qualifikationen mitbringen müssen: einigermaßen Deutsch sprechen und ein einwandfreies Führungszeugnis haben. „Die zunehmende Deprofessionalisierung bereitet uns große Sorgen.“

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