Protesttag der Apotheken

Weniger Geld und Personal, dafür höhere Belastung: Apotheken protestieren am Mittwoch

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Wer am Mittwoch (15. November) ein Medikament aus der Apotheke braucht, könnte vor verschlossenen Türen stehen. Viele Apotheken sind beim bundesweiten Protesttag dabei.

Kreis Kassel – Wer am Mittwoch (15. November) ein Medikament aus der Apotheke braucht, könnte vor verschlossenen Türen stehen. Viele Apotheken in Stadt und Landkreis machen beim bundesweiten Protesttag auf ihre Situation aufmerksam: zu wenig Geld, viele Notdienste, wenig Perspektive und dann auch die Sparpläne des Gesundheitsministers. Ein Überblick:

Forderungen der am Mittwoch streikenden Apotheker

Dabei geht es vor allem um mehr Geld. Laut Landesapothekenkammer hat es seit 2004 nur eine dreiprozentige Erhöhung der Zuschläge gegeben. Neben der Inflation sind aber auch die Betriebskosten gestiegen. Um 180 Prozent, glaubt man dem Apotheker Bernd Grünewald aus Lohfelden. „Die Roherträge gehen immer weiter runter.“ Vieles sei bisher überbrückbar gewesen. Aber: „Das Polster ist aufgebraucht, jetzt geht es an die Substanz.“

Auch Bernd Grünewald von der Neuen Apotheke zum Rathaus in Lohfelden ist beim heutigen Protesttag der Apotheken dabei und fordert mehr Unterstützung von der Politik.

Manche Apotheker sehen die Gesundheitsversorgung gefährdet. „Die Betriebskosten werden nicht aufgefangen“, sagt beispielsweise Alina Lang von der Brunnen-Apotheke in Hofgeismar. Viele junge Kollegen hätten Existenzängste. Manche brauchen gar ein Zweiteinkommen, um ihre Familie ernähren zu können.

Erhöhter Abschlag

Anfang des Jahres hat die Bundesregierung den Apothekenabschlag erhöht. Für jedes Medikament, das über die Ladentheke geht, zahlen Apotheken eine Abgabe an die Krankenkassen. Statt bisher 1,77 Euro sind das nun 2 Euro. Dem stehen 8,35 Euro Festzuschlag entgegen, den die Apotheken pro Medikament bekommen. Die Erhöhung bedeutet für 18 000 Apotheken in Deutschland nach Berechnungen des Verbands eine Belastung von 120 Millionen Euro im Jahr. 

Hinzu kommt der Fachkräftemangel. Eine bessere Bezahlung für Personal müsse erst erwirtschaftet werden. Das sei schwierig, wenn die Politik stattdessen die Abschläge für Apotheken auf Medikamente erhöhe (siehe Hintergrund). „Wir sind in der Honorierung komplett abhängig von der Politik“, erklärt Alina Lang.

Auch der Medikamentenmangel zehre an den Kräften. „Fast eine Vollzeitkraft kümmert sich nur darum, woher wir Medikamente bekommen. Das ist ein riesen Aufwand“, sagt Stephan Parzefall, der die Postapotheke in Kassel und die Hubertus-Apotheke in Hofgeismar leitet.

„Es muss mehr Geld ins System“, sagt Anja Claus von der Rosen-Apotheke in Trendelburg. Sonst sei es kein Wunder, wenn Apotheken schließen.

Schließungen: Immer weniger Apotheken auch im Landkreis Kassel

Laut Kammer gibt es im Landkreis seit 2011 acht Apotheken weniger, in der Stadt haben im selben Zeitraum 16 geschlossen. In Hessen ist die Zahl der Apotheken um mehr als zehn Prozent zurückgegangen. Die Kammer befürchtet, dass sich der Trend zur Schließung beschleunigt, erklärt Geschäftsführer Matti Zahn. Momentan gibt es im Landkreis 51, in Kassel noch 47 Apotheken.

Notdienste: Neue Aufteilung eine Zumutung für Patienten?

Diese Lage hat dazu geführt, dass im nächsten Jahr die Bezirke für Notdienste angepasst werden. Mit der neuen Aufteilung wird Patienten dann zugemutet, 25 statt bisher 20 Kilometer zur nächsten Notdienstapotheke zu fahren. „Im Landkreis ist es möglich, dass im Einzelfall etwas längere Wege zur nächsten dienstbereiten Apotheke zurückgelegt werden müssen“, heißt es von der Kammer. Für Kassel werde sich die Versorgungssituation nicht ändern. Die durchschnittliche Entfernung zwischen den Notdienst-Apotheken bleibe aber weiterhin unter 25 Kilometern.

Für einige Apotheken im Landkreis bedeutet die neue Einteilung eine Entlastung. Die Trendelburger Rosen-apotheke etwa hat in diesem Jahr 53 Dienste leisten müssen, „im nächsten sind es nur noch 30“, sagt Anja Claus.

Weil Trendelburg und Hofgeismar bisher in zwei unterschiedlichen Bezirken lagen, hatten oft auch beide Dienst, schildern Apotheker. Das könnte sich jetzt ändern. Für die Brunnen-Apotheke in Hofgeismar bleibt die Belastung des 24-Stunden-Diensts hingegen ungefähr gleich. Inhaberin Alina Lang sieht das Problem eher in der Zukunft, wenn weitere Betriebe schließen. „Dann sind wir perspektivisch wieder öfter dran.“

Apotheker Bernd Grünewald aus Lohfelden sieht auch einen positiven Effekt: Es seien nämlich längst nicht alle Nutzer des Notdienstes echte Notfälle wie etwa Schnullerkäufe.

Apotheke light: Pläne von Karl Lauterbach sorgen für Unmut

Kritisch sehen alle befragten Apotheker den Vorschlag von Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Der will mit reduziertem Angebot von abgespeckten Apothekenfilialen Kosten sparen. Diese Light-Apotheken machen aber weder Notdienste, noch könnten sie selbst dringend benötigte Medikamente im Labor herstellen, so die Kritik. Auch die Beratung fiele geringer aus, argumentieren Apotheker. „Da leidet die Qualität“, sagt Apothekerin Anja Claus. (Valerie Schaub)

Rubriklistenbild: © Valerie Schaub

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