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Oliver Teutsch
Fabian Böker- Sabine Schramek
Bluttat am Frankfurter Hauptbahnhof geschah vor den Augen vieler Reisender. Mutmaßlicher Täter schoss Opfer gezielt in den Kopf und wollte dann mit dem Zug flüchten
Die Tat gleicht einer Hinrichtung. Vor den Augen zahlreicher Reisender im Frankfurter Hauptbahnhof schießt ein Mann einen anderen hinterrücks nieder. 17 Stunden nach der Tat präsentiert Dominik Mies, Sprecher der Frankfurter Staatsanwaltschaft, die nüchternen Fakten zu der grausigen Tat. Demnach näherte sich der 54-jährige mutmaßliche Täter am Dienstagabend gegen 21 Uhr auf Gleis 9 einem 27-Jährigen. Er schoss ihm aus nächster Nähe von hinten in den Kopf. Nachdem das Opfer zu Boden ging, gab der Schütze zwei weitere Schüsse in den Kopf ab.
Danach flüchtete er und warf dabei die Waffe – eine Pistole – weg. Laut Polizei wurde die Waffe im Rahmen einer intensiven Suche schließlich gefunden, nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte der Schütze die Pistole in Richtung des Tatorts geworfen, an dem das Opfer verstarb. An Gleis 7 wollte der Schütze dann in einen Zug steigen. Das verhinderte eine Streife der Bundespolizei, die durch die Schüsse auf die Tat aufmerksam geworden war und den Verdächtigen am Gleis festnahm. Am Mittwoch sollte dieser dem Haftrichter vorgeführt werden. Ob der dem Antrag der Staatsanwaltschaft auf Untersuchungshaft nachkam, war bis Redaktionsschluss noch nicht klar.
Ebenso unklar sind alle Fragen zu Motiv oder Beziehung von Opfer und mutmaßlichem Täter. Beide sind türkische Staatsbürger. Der 27-Jährige hatte keine Meldeadresse in Deutschland, der 54-Jährige wohnt in Baden-Württemberg. Polizeibekannt ist er bisher nicht gewesen. Oberstaatsanwalt Mies konnte weder etwas zu der Frage sagen, ob sich beide kannten, noch dazu, ob der Schütze berechtigt war, eine Waffe zu tragen.
Nach Angaben der Polizei kam für den 27-jährigen jede Hilfe zu spät, er verstarb noch am Tatort. Innerhalb von Minuten wurde der Bahnhof von Polizei und dem Notfallmanagement der Bahn gesperrt, Dutzende Einsatzkräfte mit Helmen drängten die vielen Reisenden aus dem Bahnhof. Rettungswagen parkten rund um den Bahnhof. „Uns wurde eine Person mit einer Schusswunde am Kopf gemeldet“, so ein Sprecher der Bundespolizei. Züge, U- und S-Bahnen, Busse und Straßenbahnen standen still, niemand kam weiter. Auch die Straßen rund um den Hauptbahnhof waren von der Polizei mit Einsatzwagen und Blaulicht gesperrt worden. Für 25 Minuten war der Hauptbahnhof komplett gesperrt.
Auch in den Stunden darauf kam es noch zu zahlreichen Zugausfällen und Verspätungen. Der unmittelbare Bereich um den Tatort zwischen den Gleisen 7 und 9 blieb für Stunden gesperrt. Die umfangreiche Spurensicherung dauerte bis gegen 4.30 Uhr an. Die Tat wurde mutmaßlich auf Video aufgenommen. Zumindest gibt es am Gleis eine Videoüberwachung. Die Aufnahmen sollten der Landespolizei für die weiteren Ermittlungen zur Verfügung gestellt werden, sagte ein Sprecher der Bundespolizei.
Die Tat befeuert wieder die Sicherheitsdebatte rund um das Verkehrsdrehkreuz. Erst im Juni hatten die Stadt Frankfurt und die Deutsche Bahn auf Initiative von Frankfurts Polizeipräsident Stefan Müller im Hauptbahnhof eine Waffenverbotszone für die Nachtstunden eingerichtet. Klaus Vornhusen, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für Hessen, hatte dazu angemerkt: „Wir wollen den Hauptbahnhof zu einem noch sichereren Ort machen“ und gleichzeitig eingeräumt, das Drehkreuz mit täglich rund 450 000 Reisenden sei bislang „nicht immer eine gute Visitenkarte“ für die Deutsche Bahn gewesen.
Am Hauptbahnhof dürfen seit 1. Juni zwischen 20 und 5 Uhr im Bahnhofsgebäude keine Waffen nach dem Waffengesetz sowie Messer mit feststehender oder feststellbarer Klinge mit einer Länge von mehr als vier Zentimetern mitgeführt werden. Zuvor war bereits im Bahnhofsviertel, das auch wegen seiner offenen Drogenszene als ein Kriminalitätsschwerpunkt der Stadt gilt, ein Waffenverbot eingeführt worden. Nach Angaben der Bundespolizei hatte sich seit den Corona-Jahren die Zahl der Gewaltdelikte mit Waffengebrauch im Hauptbahnhof mehr als verdoppelt: von 80 im Jahr 2019 auf 176 im Jahr 2022.
In einer ersten Reaktion auf das Tötungsdelikt am Dienstagabend forderte die innenpolitische Sprecherin der AfD-Fraktion im hessischen Landtag, Sandra Weegels, anlasslose Gepäckkontrollen an Bahnhöfen. Es herrsche „dringender Handlungsbedarf“. Eine weitere Möglichkeit seien auch stationäre Gepäckkontrollen an den Eingängen – analog zu den Sicherheitskontrollen an Flughäfen.
Der Fall sei erschütternd, sagte Hessens Innenminister Roman Poseck. „Ich verstehe auch, dass er zu Sorgen bei den Menschen im Hinblick auf die Sicherheit in unseren Bahnhöfen führt“. Zunächst gelte es, die Motivlage zu klären.
Klar sei aber auch, dass mehr für die Sicherheit gemacht werden müsse. „Unabhängig vom konkreten Fall gehören für mich dazu ein strengeres Waffenrecht, mehr Kontrollbefugnisse für die Polizei und eine konsequente Anwendung des Ausländerrechts. Wir müssen Ausländer, die bei uns Waffen und Messer gegen andere Menschen einsetzen, konsequent in ihre Heimatstaaten zurückführen“, sagte der CDU-Politiker. mit dpa


