VonSteven Mickschschließen
Die Frankfurter LGBTIQ-Community kritisiert am Aktionstag „Idahobita“ die mangelnde Akzeptanz in Teilen der Bevölkerung. Verbale Angriffe seien Alltag. Es brauche noch mehr Aufklärungsarbeit, fordern manche.
Die Kränze, die am „Frankfurter Engel“ niedergelegt werden, sind so bunt wie die Regenbogenflaggen, die von den Menschen drum herum geschwenkt werden. Der Engel ist das „Mahnmal Homosexuellenverfolgung“ und erinnert an die Verbrechen der NS-Zeit. Auch wenn sich die Situation für die LGBTIQ-Community seitdem verbessert hat, zeigen die Wortbeiträge am Aktionstag „Idahobita“, dass es immer noch Verbesserungspotenzial gibt.
Der Aktionstag ist stets am 17. Mai und erinnert an jenen Tag im Jahr 1990 als die Weltgesundheitsorganisation beschloss, Homosexualität von der Liste der psychischen Krankheiten zu streichen. Der Begriff wird „Eidahobita“ ausgesprochen, weil er aus dem Englischen kommt und übersetzt als Abkürzung für Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter*-, Trans*- und Asexuellenfeindlichkeit steht.
In diesem Jahr lautete das Motto des Aktionstags an der Hauptwache „Unsere Liebe, unsere Rechte, unsere Identität, unsere Demokratie. Für eine Gesellschaft ohne Diskriminierung und Ausgrenzung“.
Man habe sich bewusst an das Jubiläum der Nationalversammlung in der Paulskirche angelehnt, sagen die Organisator:innen der Regenbogencrew der Aidshilfe Frankfurt. Aber Demokratie und „Idahobita“ seien auch sonst miteinander verflochten, sagt René Kreibich von der Regenbogencrew in seiner Ansprache nach dem Love Walk zum Mahnmal. Die Verfassung garantiere Freiheit und Gleichheit für alle Menschen. Auch die Community habe ein Recht darauf, frei und ohne Angst vor Gewalt und Diskriminierung zu leben. „Wir müssen geeint für diese Rechte einstehen und unsere Stimme erheben.“ Denn noch immer erlebe man Ausgrenzung, in anderen Ländern gar Verfolgung, wenn man sich oute.
Verbale Entgleisungen erlebt auch Sebastian „Kinjah“ Herrmann immer wieder. Erst vor wenigen Tagen, ist der 26-Jährige in Hanau mit einem Freund Händchen haltend durch die Stadt gelaufen. Es habe nicht lange gedauert, bis der erste Mann „Scheißschwuchteln“ gerufen habe, erzählt er im Gespräch mit der FR. Und bei der „Idahobita“-Veranstaltung in Hanau habe ein Passant gesagt, „die Scheißschwuchtelflaggen hängen hier wieder“. Solche Sprüche höre er häufig. Gewalt habe er hingegen – zum Glück – noch nicht erfahren.
„Ich möchte Freude, Freunde und viel Liebe haben.“ Damit dies noch häufiger gelinge, brauche es mehr Aufklärung. Nicht nur auf Events wie dem CSD oder dem „Idahobita“, sondern vor allem auch in der Schule. Hier müsse die Politik noch aktiver werden und die Themen nicht nur am Rande behandeln.
Dass die Politik sich bewegt, zeigt der Gesetzesentwurf zum Selbstbestimmungsgesetz, das das Transsexuellengesetz ablösen soll. „Das Transsexuellengesetz ist verfassungswidrig und seine Ablösung seit langem überfällig“, sagt Sue Ehmisch, als transsexuelle Person selbst betroffen. Der Entwurf des neuen Gesetzes weise jedoch immer noch Schwächen auf. So ist aktuell nach Antragsstellung auf eine Geschlechtsänderung beim Standesamt eine dreimonatige Karenzzeit vorgesehen. Erst nach deren Ablauf soll die Entscheidung tatsächlich wirksam werden. Kurios: Selbst im veralteten Transsexuellengesetz war keine Karenzzeit enthalten. „Wer zu der Entscheidung gekommen ist, sein Geschlecht zu ändern, ist sich dessen auch sicher“, sagt Ehmisch. Auch Transfrauen als Gefahr darzustellen, die etwa ihre Geschlechtsänderung ausnutzten, um Frauen in der Sauna zu begaffen, sei falsch.
Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne) war noch in Genf, ließ die Anwesenden aber mit einer vorgelesenen Rede an ihren Gedanken teilhaben. Sie thematisierte Regenbogenfamilien, in denen mindestens ein Elternteil lesbisch, schwul, bisexuell, transgeschlechtlich und intergeschlechtlich ist. Noch immer kämpften diese Menschen mit erheblichen Hürden bei der Anerkennung als Familie. Häufig könne ein Elternteil nur über den Weg der Stiefkindadoption als Elternteil anerkannt werden. Ein langwieriges und strapaziöses Verfahren. Auch fehle es in Frankfurt an einem Regenbogenfamilienzentrum oder Geburtsvorbereitungskursen speziell für Regenbogeneltern.

