Viele veränderungswillige Landwirte sind von Planungsunsicherheit frustriert. Denn Tierwohl-Labels verändern sich schneller als Stallbau möglich ist.
Münster/Damme – Trotz einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Schweineerzeuger denken viele Betriebe nach wie vor ans Aufgeben. Ursache sei vor allem mangelnde Planungssicherheit und damit eine fehlende Perspektive für die Landwirte, sagt der Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN), Torsten Staack, in Münster.
Die Betriebe verzeichneten zwar gestiegene Schlachtpreise. Nach wie vor werde aber der tierschutzgerechte Umbau von Ställen durch viele gesetzliche Hürden gebremst – trotz der Bundestagsbeschlüsse für eine gesetzliche Tierhaltungskennzeichnung und für eine Änderung des Baugesetzbuches, sagte Staack. Das Handeln der Berliner Ampel-Koalition wirke immer noch unkoordiniert, sagte er.
Kritisch sei die Lage vor allem für die Ferkelerzeuger, die sich aufgrund gesetzlicher Fristen entscheiden müssten, ob sie ihr Geschäft weiterbetreiben wollen oder aufgeben. Wegen der unklaren gesetzlichen Lage, etwa im Bau- oder Umweltrecht, sei es kaum möglich, Finanzierungen für die notwendigen Umbaumaßnahmen zu bekommen. Die gesetzlichen Bestimmungen zur Haltung von Sauen waren 2021 geändert worden. Eine dreijährige Übergangsfrist laufe im kommenden Jahr aus, sagte Staack.
Schweinehaltung in Niedersachsen wird immer schwieriger
Kritik übte die ISN auch an der nun beschlossenen Tierhaltungskennzeichnung. Sie habe für ihren Betrieb einen Maststall nach Tierwohlkriterien geplant, sagte die Landwirtin Luisa Kruthaup aus dem Landkreis Vechta. Während der fünfjährigen Planungszeit seien immer wieder diese Kriterien verändert worden. Am Ende entspräche ihr Betrieb nun nicht – wie zunächst gedacht – Biokriterien, sondern nur einer schlechteren Haltungsstufe.
Bei der Ferkelerzeugung sehe es ähnlich aus. „Warum soll ich jetzt investieren, wenn ich gar nicht weiß, ob die Kosten danach gedeckt werden?“, fragte Kruthaup. Der Neubau des Ferkelstalles würde ihren Betrieb 1,5 Millionen Euro kosten.
Auch ISN-Vorsitzender Heinrich Dierkes nannte die Situation für die Schweinehalter hochfrustrierend. „Am frustrierendsten ist es für die Betriebe, die sich auf den Weg gemacht haben und in vermeintlich bessere Haltungsformen investiert haben und jetzt feststellen, dass die Haltungsstufen, die sich die Regierung ausgedacht hat, nicht mit dem übereinstimmen, worin investiert wurde.“
In ganz Deutschland gibt es weniger Schweinezüchter
Steuere die Politik nicht dagegen, werde die Schweinehaltung in Deutschland komplett unwirtschaftlich und wandere ins Ausland ab, sagte Dierkes. Im Rest der Welt funktioniere Schweinehaltung anders als von der deutschen Politik gewünscht. „Ich habe eine gewisse Angst, dass es uns so gehen könnte wie der Textilindustrie.“
Er sehe nicht, dass die Politik die in Deutschland zu höheren Kosten produzierte Ware schützen werde. „Die billigsten Dinge der Welt werden auch hier den Weg auf den Markt finden – das ist für uns letztendlich die größte Gefahr.“
Die Zahl der Schweinehalter in Deutschland ist rückläufig. Aufgrund der in einigen Bundesländern bereits verfügbaren Ergebnisse der Mai-Viehzählung schätzt die ISN mit Sitz in Damme, dass es deutschlandweit noch rund 16 100 Betriebe gibt. Das wären rund 21 Prozent weniger als im Mai 2020. (Elmar Stephan/lni/dpa)