- VonStefan Forbertschließen
Wegen der höheren Mehrwertsteuer gehen weniger Menschen in der Region essen. Gastwirte im Werra-Meißner-Kreis bangen um die Zukunft ihrer Betriebe.
Werra-Meißner – Seit der Heraufsetzung der Mehrwertsteuer in der Gastronomie von 7 bis 19 Prozent – nur für Getränke war der Hebesatz wegen Corona nicht gesenkt worden – zum Jahresbeginn ist der Umsatz der Branche gesunken. Laut einer Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) schrumpfte der Umsatz im Januar im Vergleich zum Vorjahresmonat um 10,2 Prozent. Im Werra-Meißner-Kreis mussten manche Gastwirte sogar noch höhere Umsatzeinbußen verkraften.
Konkret nur halb so viel Umsatz wie im Januar 2023 bei den Speisen hat beispielsweise Christian Pelikan, Gastronom im Bad Sooden-Allendorf, für seinen Betrieb bilanziert. Er geht aber davon aus, dass sich die Nachfrage wieder einpendelt, auch wenn demnächst wieder Touristen in die Region kämen. Allgemein sei das erste Quartal eines jeden Jahres gastronomisch gesehen aber „relativ mau“, sagt Pelikan, der auch Kreisvorsitzender der Dehoga Werra-Meißner ist.
Weniger Umsatz in der Gastronomie: Vor allem der Februar lief schleppend
Diesmal seien beispielsweise im Februar viele Menschen zu Hause geblieben, weil sie ihre Energie- und Heizungsabrechnungen begleichen mussten. Da fehle schlicht das Geld zum Essengehen. Aber auch die Gastwirte hätten sich nicht nur auf die 12 Prozent mehr Mehrwertsteuer für ihr Speisenangebot einzustellen gehabt, sondern zudem – und nicht erst seit Jahresbeginn – auf erhebliche Steigerungen bei Energie- und Heizkosten, gibt Pelikan zu Bedenken. Er spricht sogar von einem Plus bei den Ausgaben von zwei Dritteln.
Mittlerweile gingen 52 Prozent der Menschen in Deutschland kaum noch ins Restaurant, sagt Oliver Kasties, Hauptgeschäftsführer der Dehoga Hessen. Auch im Landhotel Zum Stern im Waldkappeler Ortsteil Burghofen bleiben seit Januar mehr Gäste aus, gerade auch Stammgäste, wie Sandra Borschel festgestellt hat. Zumindest kämen diese nicht mehr so regelmäßig. Generell sei nicht mehr so viel Finanzkraft bei den Menschen, die meisten sparen eher und verzichteten darauf, sich etwas zu gönnen, sprich mal Essen zu gehen. „Das ist für uns schon dramatisch“, sagt Borschel und verweist auch darauf, dass der Betrieb noch die Belastungen durch die Pandemie abarbeiten müsse.
Mehrwertsteuer erhöht: Gastwirte im Werra-Meißner-Kreis mussten Essen teurer machen
Die 12 Prozent mehr Mehrwertsteuer seit 1. Januar habe man voll auf die Speisen aufgeschlagen, „sonst hätten wir ja sogar noch Verlust“, sagt die Gastgeberin. Andere Gastronomiebetriebe hätten, wisse sie, gleich um 20 Prozent erhöht.
Weil ein Preissprung um zwölf Prozent auf den Speisenkarten nicht von allen Gästen im Werra-Meißner-Kreis akzeptiert werde, sagt Dehoga-Kreisvorsitzender Christian Pelikan, hätten einige Gastwirte schon vor dem Jahreswechsel ihre Preise „angepasst“.
Sandra Borschel vom Landhotel Zum Stern in Waldkappel-Burghofen bestätigt das. Man habe eine „Zwischenpreiserhöhung“ vorgenommen, sagt sie und verweist auf die nicht erst seit Januar vorhandenen höheren Ausgaben beispielsweise für Lieferanten, Energie und Abfallentsorgung.
Im Hotel-Restaurant Pempel in Großalmerode kosten die Speisen seit Jahresbeginn durchschnittlich zehn Prozent mehr. Die Zahl der Gäste sei aber entgegen seiner Befürchtung nicht zurückgegangen, hat Christian Koch in den vergangenen Wochen festgestellt. Allerdings: „Die Gäste wählen nun eher günstigere Gerichte.“ Steaks beispielsweise würden nun seltener bestellt.
„Ausdünnung des Marktes“: Gastwirte fürchten Auswirkungen der Mehrwertsteuererhöhung
Außerdem gebe es immer weniger Gaststätten in der Region, erklärt er sich die weiterhin bestehende Gäste-Resonanz – beispielsweise auch bei einem Kollegen im Meißnervorland, der nicht über mangelnde Reservierungen klage. Über die Preiserhöhung würden die Gäste auch nicht motzen, sie zeigten vielmehr Verständnis dafür. Koch: „Die merken ja beim Einkaufen selbst, dass alles teurer wird.“
Damit die zwangsläufig „exklusiven und hohen“ Preise für Gerichte bezahlt werden, müssten die Gastronomen nun noch mehr auf Qualität achten, auch mehr Raffiniertes bieten, gibt Pelikan zu Bedenken. Keiner könne es sich mehr leisten, sich „nur mit Schnitzel so durchzulavieren“.
Zwei Gastronomiebetriebe im Werra-Meißner-Kreis haben nach Kenntnis Pelikans in jüngster Zeit ihre Türen geschlossen. Ob ausschließlich wegen der wieder höheren Mehrwertsteuer, vermochte er nicht zu bestätigen. Vielmehr dürfte die „Gesamtschieflage“ im Land dafür ausschlaggebend gewesen sein. Zudem hätten einige ganz kleine Betriebe geschlossen, allerdings andere auch eröffnet, so der Dehoga-Kreisvorsitzende. Unter dem Strich gehe die Tendenz aber zur Ausdünnung des Marktes. Deutlich mehr Ruhetage und kürzere Öffnungszeiten seien zudem eine zwangsläufige Reaktion der Betriebe auf den anhaltenden Personalmangel, damit der Ertrag nicht noch weiter sinkt, ergänzt er. (Stefan Forbert)
Dörfer verlieren ihre Gaststätten
In Hessen gibt es immer mehr Dörfer ohne Gaststätte. Das sagt Oliver Kasties von der Dehoga Hessen mit Hinweis auf eine Berechnung des Statistischen Landesamts. Gab es 2017 noch 19 Gemeinden im ländlichen Raum mit weniger als einem Profibetrieb je 1000 Einwohner (davon 2 ganz ohne einen Betrieb), waren es 2021 bereits 42 Gemeinden (davon 3 ganz ohne einen Betrieb). Die Zahl der unterversorgten Gemeinden steige damit von 4,5 Prozent (2017) auf 9,9 Prozent. (sff)