VonMatthias Lohrschließen
Laut Umfragen ist eine Mehrheit der Deutschen gegen das Gendern. Trotzdem wenden es Behörden und andere Einrichtungen an. Gegner des Genderns wollen nun ein Volksbegehren in Hessen erreichen.
Kassel – Für Normann Günther gibt es viele Gründe, die gegen das Gendern sprechen. Einer ist die Ästhetik. Voriges Jahr beschrieb der Regionalleiter des Vereins Deutsche Sprache (VDS) im HNA-Interview folgenden Fall: „Wenn bei den Berliner Philharmonikern von Streichenden und Blasenden die Rede ist, entsteht eine unverständliche Kunstsprache.“
Nun hat Günther mit anderen Mitstreitern aus dem VDS eine Initiative gestartet, die ein Volksbegehren „Amtssprache in Hessen“ gegen das Gendern erreichen will. Ziel ist es, dass „die Landesregierung und alle Behörden und Einrichtungen des Landes intern und extern nach dem amtlichen Regelwerk der deutschen Rechtschreibung kommunizieren und auf die Verwendung der Gendersprache verzichten“.
Es geht also nicht um den privaten Gebrauch von großem Binnen-I und ähnlichen Formen, die Frauen und nonbinäre Menschen sichtbarer machen sollen. Über seinen persönlichen Sprachgebrauch solle „selbstverständlich jeder selbst entscheiden“. Die Initiative kritisiert, dass Behörden, Universitäten, Schulen und Rundfunkanstalten versuchen, „die Gendersprache ohne eine wirkliche demokratische Legitimation einzuführen“.
Die Webseite amtssprache-in-hessen.de ist seit Donnerstag online, offizieller Start der Kampagne ist jedoch erst an diesem Mittwoch. Trotzdem zählte Günther bereits über 500 Papierstimmen und 1000 Online-Unterzeichner. Um ein Volksbegehren zu erreichen, braucht es etwa 44 000 Unterschriften. Im zweiten Schritt müssen sich für das Volksbegehren mindestens fünf Prozent der Wahlberechtigten aussprechen. Die Hürden sind also hoch.
Vertrauensleute der Initiative sind neben Günther der Frankfurter Publizist Bernd Fischer und der ehemalige Kasseler CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Gehb. „Als Jurist und ehemaliger Verwaltungsrichter ist er ein Glücksfall für unsere Initiative“, sagt Günther.
Schlagzeilen gemacht hat zuletzt eine ähnliche Aktion in Hamburg, die auch dank Unterstützung von Prominenten wie Kabarettist Dieter Nuhr im ersten Schritt genügend Unterschriften sammelte. Die Bürgerschaft könnte nun einen von der Initiative vorgelegten Gesetzentwurf beschließen. Oder die Organisatoren sammeln in drei Wochen 66 000 Unterschriften für ein Volksbegehren.
Die Hamburger Sprecherin Sabine Mertens trat zuletzt nach Anfeindungen zurück, hat aber auch selbst mit queerfeindlichen Sprüchen für Aufmerksamkeit gesorgt. Unterstützung gab es unter anderem von der AfD. Auch dem VDS werfen Kritiker immer wieder Rechtspopulismus vor.
Günther betont, dass seine Initiative parteiunabhängig sei. Der Vater dreier Söhne ist CDU-Mitglied, seine Frau Cornelia Janusch sitzt für die SPD im Stadtparlament. Der Geschäftsführer einer Firma im Bereich regenerative Energien verweist auf Umfragen, die zeigen, „dass zunehmend mehr Menschen das Gendern ablehnen“.
Er selbst bekommt für sein Engagement fast ausschließlich positive Reaktionen, wie er sagt: „Gerade war ich an einem SPD-Wahlkampfstand. Auch dort gab es hinter vorgehaltener Hand viel Zustimmung.“ (Matthias Lohr)
