Unabhängigkeit der Weltkunstausstellung in Gefahr

Initiative sieht Kunstfreiheit bedroht: documenta-Petition gegen politische Einflussnahme

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Sie treten für #standwithdocumenta ein: Wolfram Bremeier (von links), Stephan Haberzettl, Zaki Al Maboren, Michael Evers, Aliaa Abou Khaddour, Christian Prüfer, Sylvia von Canstein, Wendelin Göbel, Helmut Plate und Sonja Rossettini vor der Stadthalle.
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Eine neu gegründete Initiative #standwithdocumenta sieht die Unabhängigkeit der Weltkunstausstellung in Gefahr.

Kassel – Eine von der Gruppierung angestoßene Petition auf der Plattform change.org fordert, „dass die Kunstfreiheit, wie sie in Artikel 5 des Grundgesetzes verankert ist, weiterhin gewahrt bleibt und nicht durch politische oder andere externe Einflüsse eingeschränkt wird“.

Deutliche Beschränkungen der künstlerischen Freiheit erkennt die Initiative in den Empfehlungen des Organisationsgutachtens der Managementberatung Metrum zur Neuaufstellung der documenta – und hier insbesondere in einem von der künstlerischen Leitung einer jeden Ausstellung zu verfassenden „Code of Conduct“.

Damit ist eine Selbstverpflichtung gemeint, die die Grundwerte beschreibt, an denen sich das Handeln des Kurators ausrichtet. Nach Auffassung der Initiative bringt eine solche Grenzziehung Unklarheit und gleichzeitig eine Einschränkung des kuratorisch-künstlerischen Bereichs.

Der Aufruf richtet sich an Kulturstaatsministerin Claudia Roth und Kassels Oberbürgermeister Sven Schoeller (beide Bündnis 90/Die Grünen) sowie an den neuen hessischen Minister für Kunst, Timon Gremmels (SPD), bevor die Gremien der documenta über die Empfehlungen aus der Organisationsuntersuchung zu ihrer Entwicklung entscheiden.

Sprecher der Initiative ist der ehemalige Bärenreiter-Verlagsleiter Wendelin Göbel. Er hatte sich schon im Sommer 2022 mit einer Petition für die documenta stark gemacht, weil er die Kritik an der vom indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa verantworteten Ausstellung für überzogen und die auf Antisemitismus-Vorwürfe fokussierte Wahrnehmung für falsch hielt. Jetzt zitiert ihn eine Mitteilung von #standwithdocumenta so: Wer die Kunstfreiheit antaste, taste die Würde des Menschen an, die mit der Freiheit von Wissenschaft und Kunst untrennbar verbunden sei. „Somit ist jeder, wie auch immer gut gemeinte Versuch, den vom Grundgesetz definierten Spielraum der Kunst durch ‚Codes of Conduct’ einzuschränken, abzulehnen.“

Ende Juli 2022 war Göbel bereits vom ehemaligen Kasseler Oberbürgermeister Hans Eichel (SPD) unterstützt worden. Auch Eichel warnt jetzt im Aufruf davor, dass „der Ruf der documenta, der Ruf Deutschlands, der Welt ein Beispiel für Kunstfreiheit zu geben“, verspielt werden könnte.

Postadresse der Initiative ist das Atelier des Künstlers Zaki Al Maboren. Er bekräftigt: „Die Zukunft der documenta in ihrer bisherigen Form ist ernsthaft bedroht, weil durch Versuche politischer Einflussnahmen auf die Organisation und die künstlerische Leitung der documenta die Freiheit der Kunst beschnitten wird.“

An einem Kampagnenvideo auf change.org und auf Youtube haben sich Kasseler Bürger beteiligt, die auf die Petition aufmerksam machen, darunter beispielsweise Künstler wie Michael Evers, Lutz Freyer und Aliaa Abou Khaddour. Auch die ehemaligen Oberbürgermeister Wolfram Bremeier und Bertram Hilgen (SPD) sind dabei.

Zwei Dutzend Redner tragen in deutscher und englischer Sprache den Petitionstext vor: Die documenta habe sich in ihrer fast 70-jährigen Geschichte zur weltweit bedeutendsten Ausstellung moderner Kunst entwickelt, heißt es darin. Sie schaffe alle fünf Jahre den Raum für die künstlerische Sicht auf die zentralen Fragen der globalen Welt.

„Das war und ist nur möglich durch den völligen Verzicht der Politik, auf künstlerische Fragen Einfluss zu nehmen, und durch die strikte Wahrung der Kunstfreiheit.“ Diese finde ihre Grenze im Recht, das von Gerichten verbindlich festgestellt wird, nicht in Entschließungen eines Parlaments, nicht in der Meinung von Politikern, nicht in Staatsräson und auch nicht – wie jetzt bei der documenta vorgesehen – „in erzwungenen Selbstverpflichtungen“ der Kuratoren und Künstler.

Auf der neu erstellten Website standwithdocumenta.com sollen nach und nach bekannte Persönlichkeiten mit kurzen Statements zu Wort kommen. Auch international will die Initiative um Unterstützung werben. (Mark Christian von Busse)

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