VonRüdiger Soßdorfschließen
Die Finanzierung von Integrationskursen für zugewanderte Menschen ist in Gefahr. Bundesmittel drohen um mehr als die Hälfte gekürzt zu werden. Dabei ist Spracherwerb in diesen Kursen Grundlage jeglicher Integration. Die Volkshochschule im Kreis Gießen, einer der Anbieter solcher Kurse, schlägt Alarm.
Rund 550 Menschen haben in diesem Jahr im Landkreis Gießen einen der Integrationskurse bei der Kreisvolkshochschule besucht, die meisten aus der Ukraine, aber auch aus der Türkei, aus Syrien, Afghanistan oder Russland. Sechs Module zum Spracherwerb mit anschließender Prüfung plus ein Orientierungskurs zum Leben in Deutschland: mit der Vermittlung von Aspekten der Rechtsordnung, Bildung. Kultur und Geschichte. Das hilft enorm beim Ankommen im Beruf, in der Nachbarschaft, beim Elterngespräch in der Kita - und wird gut genutzt.
24 Dozenten hat die Volkshochschule im Kreis Gießen da ein gesetzt - und wären es mehr, dann könnten noch weitere Kurse angeboten werden, wissen Torsten Denker und Iris Korte-Klimach. Der Leiter der Kreisvolkshochschule und seine Stellvertreterin, die zugleich den Bereich Sprachen und Integration leitet, haben derweil große Sorgen, dass es eine ganz andere Entwicklung nimmt.
Denn wenn es 2025 so kommt, wie es jetzt im Haushaltsgesetz des Bundes steht, dann brechen zahlreiche Sprach- und Integrationskurse weg,
Statt bislang 1,24 Milliarden wie in diesem Jahr sollen nach aktuellen Planungen im kommenden Jahr nur noch 500 Millionen Euro zur Finanzierung der Kurse bereitgestellt werden. Dabei bleibt die Nachfrage vermutlich ungebrochen hoch: Die Anzahl der Teilnehmer an Integrationskursen wird sich 2025 laut einer Prognose des Bundesinnenministeriums keineswegs analog zu den Mitteln halbieren. Sie wird immer noch knapp 90 Prozent der Kursteilnehmer des Jahres 2024 betragen.
Landrätin Anita Schneider ist verärgert: »Eine solche Kürzung stimmt nicht mehr mit der integrationspolitischen Strategie der Bundesregierung überein«, sagt sie. Und benennt die drei Säulen, auf die man sich bislang stützt: Sprachvermittlung, Integration in Ausbildung und Arbeit sowie gesellschaftliche Integration. Zu Recht stehe die Sprachvermittlung an erster Stelle.
Aber wenn die Finanzierung über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (kurz: BAMF) runtergefahren wird, dann werden auch die Angebote reduziert werden müssen. Betroffen sind nicht nur - aber in starkem Maße auch die Volkshochschulen - auch die des Landkreises Gießen.
Denn 45 Prozent der Integrationskurse bundesweit finden in Volkshochschulen statt. Die Befürchtung: Fällt mehr als die Hälfte der Finanzierung weg, müssten die Volkshochschulen die Zahl ihrer Kurse reduzieren. »Wir als Landkreis können das nicht finanziell auffangen«, macht Landrätin Schneider deutlich.
Leidtragende sind die Menschen. Denn der Spracherwerb ist Grundlage für jegliche Arbeitsintegration. Und die ist wichtig. Nicht nur, weil die Arbeitskräfte benötigt werden, sondern auch, weil es die sozialen Folgekosten senkt, wenn die Menschen schneller Arbeit finden. Schneider macht deutlich: Die Kosten für Bürgergeld oder Grundsicherung werden höher sein als die der Sprachkurse. Und Unternehmen sehen Deutschkenntnisse unbedingt als wichtige Voraussetzung für Integration.
Der Deutsche Volkshochschulverband ist alarmiert, hat seine Befürchtungen in einem Positionspapier dargelegt. Landrätin Schneider hat derweil die beiden heimischen Bundestagsabgeordneten Helge Braun (CDU) und Felix Döring (SPD) angeschrieben und auf das Problem aufmerksam gemacht. »Beide wissen darum«, sagt Schneider.
Was die Angelegenheit besonders brisant macht: Gerade im ländlichen Raum ist die Kreisvolkshochschule auf weiter Flur der einzige Anbieter von Sprach- und Integrationskursen. Laut KVHS-Leiter Denker sind die Strukturen in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut worden, um das Angebot zu den Menschen zu bringen. Mit Kursen in Grünberg, Lich, Lollar, Rabenau, Hungen etwa. Schließlich ist der Besuch von solchen Kursen ja vielfach mit der Frage der Mobilität der Menschen verbunden: Keine Deutsch-Kenntnisse - keine Arbeit - kein Geld - kein Auto.
Christoph Köck, Direktor des hessischen Volkshochschulverbandes, hofft derweil, dass man sich in der aktuellen Zwischenphase in Berlin noch auf eine höhere Finanzierung einigt. Darauf setzt auch Torsten Denker: »Wir wissen nicht, wie wir den Bedarf an Integrationskursen sonst decken können. Wir brauchen Hilfe und Antworten aus Berlin.«
