Frankfurt

Weihnachtsshopping auf der Frankfurter Zeil: „Jetzt gönne ich mir was“

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Eine Woche vor Heiligabend beginnt auf der Frankfurter Zeil der Einkaufstrubel. Nicht nur für die Lieben daheim, sondern auch für sich selbst.

Frankfurt – Es gibt die mit der einen goldfarbenen Tüte von einer Designermarke und die mit den vielen Papiertüten von Primark, immerhin haben die nun aus Festlichkeitsgründen rote Streifen. Schon an den verschiedenen bedruckten Tüten, die die vielen Menschen an diesem Samstag über die Frankfurter Zeil tragen, erkennt man, dass es fast Weihnachten ist. Acht Tage bis Heiligabend. Die Innenstadt ist brechend voll, es müsste Vorfahrtsregeln für Fußgänger:innen geben, denn freiwillig weichen die wenigsten aus, wenn ihnen andere entgegenkommen.

Eine Frau stellt ihr Rad unweit des Eingangs der Galeria Kaufhof an der Hauptwache ab, ohne es anzuschließen. Sie ist nicht die Einzige: Denn an der Hauptwache direkt sind alle Abstellplätze und Stangen am Mittag bereits belegt, man muss schon etwas suchen und weiter laufen, um einen freien Abstellplatz zu finden. Auf jeden Fall sagt die Frau zu ihrem Freund total euphorisch: „Ein netter Tischkalender wäre doch eine tolle Geschenkidee.“ Er teilt ihre Euphorie nicht wirklich und runzelt nur die Stirn. Sehr viele Leute stehen derweil im Kaufhof im Erdgeschoss Schlange an der Kasse, weil sie Geschenkpapier oder Socken (nicht kreativ, aber ein Klassiker wie Last Christmas von Wham!) zum Verschenken kaufen. Eine 28-Jährige aus Fulda steht wenige Meter weiter mit ihrem Vater und Bruder vor so einer Mischung aus Gartenzwerg und Weihnachtsmann, der ein „Merry Christmas“-Schild hält. „Den kaufe ich eurer Mutter. In Grau oder Rot?“ , fragt der Vater. Die Tochter lacht. Er meint es ernst. 12,99 Euro kostet der Weihnachtsmann. Es bleibt nicht das einzige Geschenk: „Außerdem sind wir hier, weil mein Papa oben noch ein Parfüm für die Mama kaufen will“, sagt die junge Frau aus Fulda. Sie selbst habe schon die Hälfte ihrer Geschenke online gekauft. „Den Rest hole ich gleich auf dem Weihnachtsmarkt, wenn ich da was finde.“

Wo es tutet, da lass dich nieder, böse Weihnachtsmänner kennen keine Lieder.

Weihnachtsshopping in Frankfurt: „Beauty ist immer Thema an Weihnachten“

Unweit von My Zeil, direkt neben Sephora, hat vor wenigen Tagen erst der niederländische Kosmetikkonzern Rituals auf zwei Stockwerken eröffnet. Lange stand der ehemalige Vodafone-Laden leer: Jetzt stehen die Leute Schlange an der Kasse von Rituals: Unten gibt es die typischen Dinge der Marke wie Duschschaum, aber auch verschiedene Autoparfüms für 22,90 Euro wie beispielsweise „Life is a Journey“- Sports Car. Läuft man die goldenen Stufen hoch oder fährt mit dem Aufzug in den ersten Stock, ist man plötzlich im Entspannungsbereich, Leute trinken Tee auf Sofas und es gibt Schilder, die mitteilen, dass man leise sein soll. Denn es ist die erste „Mind Oasis“, die Rituals in Deutschland eröffnet hat. Dort kann man sich für 30 Minuten eine „Brain Massage“ für sofortige mentale Entspannung buchen, 30 Minuten kosten 29,50 Euro. Christine (40) entscheidet sich für eine Hydro Massage für 19,50 Euro für 20 Minuten. „Das ist so eine Wasserbettliege und durch die Wasserdüsen wirst du massiert. Das war toll. Ich habe mir das selbst geschenkt, um mich zu verwöhnen nach dem stressigen Jahr. Und meinen Freund habe ich mitgenommen und ihm das eben jetzt schon eine Woche vor Weihnachten geschenkt.“

Was sagen die Einzelhändler:innen auf der Zeil zum Weihnachtgeschäft und was ist besonders beliebt? „Beauty ist immer Thema an Weihnachten. Früher waren es Parfüms. Körperpflege waren ein Notfallgeschenk, das hat sich geändert. Heute achtet man sehr auf sich. Beauty wird nicht nur verschenkt, sondern auch für sich selbst als Weihnachtsgeschenk gekauft. Gerade in Zeiten von Krisen, sagen die Leute: ,Jetzt gönne ich mir etwas‘“, sagt Joachim Stoll, Vizepräsident des Handelsverbands Hessen-Süd und der Industrie- und Handelskammer Frankfurt.

Zurzeit kann die Zeil nicht über wenig Besuch klagen.

Weihnachtsshopping in Frankfurt: „Eine wichtige Woche für den stationären Einzelhandel“

Nach Gesprächen mit Einzelhändler:innen auf der Zeil am Freitag sagt Stoll, dass diese bereits in der vergangenen Woche bemerkt hätten, dass viele Menschen etwas früher als sonst nach Weihnachtsgeschenken schauten und auch einkauften. Aber wie gut die Weihnachtsgeschäfte laufen, bleibe abzuwarten: Der Handelsverband Hessen hatte nach einer Umfrage unter 130 Unternehmen berichtet, dass zwei Drittel der Händler und Händlerinnen in den ersten beiden Adventswochen Umsatzrückgänge im Vergleich zum Vorjahr gemacht hatten. „Die Einzelhändler auf der Zeil hoffen, dass die letzten Online-Einkäufe bis diesen Montag getätigt sind und ab dann vor Ort gekauft wird – ohne jegliche Paketrisiken. Es beginnt also eine wichtige Woche für den stationären Einzelhandel“, sagt Stoll.

Im Einkaufszentrum My Zeil muss man fast Schlange stehen, um reinzukommen. Auch die Rolltreppen sind voll. Im Erdgeschoss gibt es bunte Kuscheltier-Mützen mit beweglichen Ohren und LED für 19,99 Euro. Unweit davon ist der kleine Lego-Laden sehr voll. Da gibt es das Set für einen Jazzclub oder ein naturhistorisches Museum für 300 Euro. 400 Euro kostet das Disney-Schloss. Draußen direkt vor dem Gebäude von My Zeil wirbt die evangelische koreanische Sarange-Gemeinde für ihr Weihnachtskonzert mit einem Chor und einer Jugend-Tanzgruppe. Während es zwischen Hauptwache bis Brockhaus-Brunnen nur in Schrittgeschwindigkeit und oft mit Menschenstau weitergeht, wird es ab dem Brunnen entspannter.

Ein Equilibrist zeigt halsbrecherische Balanceakte.

Weihnachtsshopping in Frankfurt: „Eigentlich schenken wir uns nichts“

Auf dem Markt der Konstablerwache steht Maria (33) und isst eine Waffel. „Ich kaufe meine Weihnachtsgeschenke schon immer im Laufe des Jahres ein. Ich führe Geschenke-Listen. Ich habe nämlich keine Lust, mich um die letzte Socke mit anderen zu prügeln.“ Dieses Jahr habe sie viele ihrer Geschenke im Mexiko-Urlaub, von dem sie gerade zurückgekehrt ist, gekauft. Selbstgemachte Marmelade, Handwerksarbeiten, Kaffee, Kakao und Maya-Kaugummi. „Ich dachte, der Kaugummi ist toll, aber die Konsistenz ist merkwürdig und er ist nach paar Sekunden ziemlich geschmacklos.“ Eine junge Frau steht vor der Douglas-Filiale: „Ich überlege, ob ich noch Parfüm für meine Eltern hole. Aber eigentlich schenken wir uns nichts. Wäre dann ein Parfüm nicht schon zu viel?“

Ein Frankfurter Ehepaar ist nur auf die Zeil gekommen, um Medikamente in der Apotheke abzuholen. „Wir schenken nur noch unseren Enkeln etwas zu Weihnachten. Die Buben sind elf und neun. Wir haben ihnen Schlafanzüge schon vor Wochen in der Stadt gekauft“, sagt die 73-Jährige. „Schlafanzüge sind etwas Feines“, sagt ihr 77-jähriger Mann. Sie sind erstaunt über die vielen Menschen auf der Zeil. „Ich dachte, in Zeiten von all den Kriegen und Krisen besinnen sich die Leute auf Werte wie mit der Familie beisammen sein, konsumieren weniger. Da habe ich mich wohl getäuscht“, sagt die Frankfurterin. Das schönste Geschenk, was sie in ihrem Leben bekommen hat, da war sie sechs Jahre alt: „Ein Puppenhaus, das hat mein Papa für mich gebaut.“ Den Heiligabend verbringen sie bei der 97-jährigen Mutter ihres Mannes im Pflegeheim: „Das ist unser Geschenk, dass wir alle zusammen sind“, sagt sie. (Kathrin Rosendorff)

Rubriklistenbild: © Rolf Oeser

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