VonKathrin Rosendorffschließen
Sergey Levit und Lyudmila Mytrokhine sind jüdischen Glaubens und aus der Ukraine nach Frankfurt geflüchtet. Der Nahost-Krieg macht ihnen, aber auch alteingesessenen Jüdinnen und Juden in Frankfurt Angst.
Lyudmila Mytrokhine sagt, es sei sehr schwierig für sie auszudrücken, wie sie sich im Moment fühle. Die jüdische Ukrainerin ist im März 2022 mit ihrer Familie aus ihrer Heimatstadt Charkiw nach Frankfurt geflüchtet. Aber seit dem Großangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober kann sie kaum noch schlafen, verfolgt ständig die Nachrichten. „Wir sind vom Krieg weg, weil wir hier in Deutschland uns in Sicherheit fühlen konnten, hier Frieden ist. Jetzt aber, wo wir sehen, dass es eben auch hier eine breite Unterstützung gegen Israel gibt, haben wir Angst, um unsere Kinder, Eltern und um unsere eigene Sicherheit.“
Sie betont, nicht nur auf jüdische Einrichtungen, sondern überall in Deutschland könne gerade ein Anschlag passieren. „Das betrifft nicht nur Juden, sondern die Gesamtgesellschaft. Diese Unberechenbarkeit macht mir Angst.“ Die 47-Jährige sitzt an diesem Mittwoch im Büro des Sportvereins TuS Makkabi Frankfurt. Sie trägt schwarze Jeans, Pullover, und ihre Fingernägel sind schwarz lackiert. Sie möchte lieber nicht fotografiert werden.
Aber sie möchte ihre Ängste und Verunsicherung teilen: Während des Interviews schreibt sie Whatsapp-Nachrichten mit ihrer 24 Jahre alten Tochter, die unweit von Tel Aviv eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin macht und bereits acht Jahre dort lebt. „Wir prüfen gerade, ob sie zu uns nach Deutschland kommen kann.“ Denn trotz aller Ängste sei ihre Tochter hier eben sicherer als in Israel.
Sie glaube, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt hätten und sich die Gräueltaten der NS-Zeit nicht wiederholen werden. „Ich möchte hierbleiben, ich habe angefangen mich hier wohlzufühlen. Und ich fühle mich hier deutlich sicherer als in der Ukraine. Aber das Sicherheitsgefühl fängt an zu wackeln.“ Sie betont aber auch: „Ich habe ein großes Vertrauen in die Zivilgesellschaft.“ Trotzdem bleibe ein ungutes Gefühl, ein Gefühl der Angst.
Unweit von ihr sitzt Sergey Levit. Der 62-Jährige ist ebenfalls jüdischen Glaubens und aus der Ukraine geflüchtet. Bis zum Ausbruch von Putins Angriffskrieg auf sein Heimatland hat er 25 Jahre in einem jüdischen Kindergarten in Saporischschja gearbeitet. Hier in Deutschland fühle er sich sicher. „Ich vertraue den Sicherheitsbehörden, ich selbst habe keine übertriebene Angst.“ Aber auch er macht sich Sorgen. Seine Familie lebt in Israel und wolle dortbleiben, ihr Land nicht verlassen. Wie viele Israelis dafür kämpfen. „Ich würde mir wünschen, dass meine Familie nach Deutschland kommt.“ Er selbst hat in Israel studiert, und „eine Schülerin von mir ist 2001 in der Strand-Disco in Tel Aviv gestorben, als ein Selbstmordattentäter sich und 20 Jugendliche in die Luft sprengte.“ Tränen sind in seinen Augen. Hier in Frankfurt gibt er Religionsunterricht in einer jüdischen Einrichtung. „Viele Eltern haben Angst, ihre Kinder in den Unterricht zu schicken.“
Diese Angst erlebt auch Boris Schulman, der an diesem Tag übersetzt. Er ist im Vorstand des Sportvereins TuS Makkabi Frankfurt und im Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde. Er sagt: „An dem Freitag, als die Hamas zu Attacken auf jüdische Einrichtungen aufrief, kamen 80 Prozent der Kinder nicht zur Schule, in den Sportverein. Bis heute bekomme ich Anrufe von Eltern: Ist es sicher, mein Kind in den Sportverein zu schicken?“ Die Ängste teilten „alteingesessene“ Juden wie die aus der Ukraine geflüchteten.
Der 46-Jährige ist in Czernowitz geboren, mit neun Monaten kam er nach Deutschland. Zu Beginn des russischen Angriffskriegs half er, Menschen aus der Ukraine nach Frankfurt zu holen, sie unterzubringen und zu verpflegen. Schulman erzählt auch davon, dass Mitglieder vermehrt darum bäten, ihnen keine Briefe von Makkabi oder der Jüdischen Gemeinde mehr nach Hause zu schicken. „Aus Angst, dass beispielsweise ein Angestellter eines Hotels, wo geflüchtete Ukrainer untergebracht sind, oder der Postbote, der Essenslieferant vielleicht nicht pro Israel sind“, so Schulman. Auch bekomme er Bilder zugeschickt von verunsicherten Mitgliedern, als kürzlich an der Bulgarischen Botschaft unweit der Jüdischen Gemeinde ein Davidstern gesprayt worden sei. „Die Angst ist präsent“, sagt Schulman. Manche überlegten, ob sie vielleicht besser die Mesusa, den jüdischen Haussegen, von ihrer Haustür entfernen sollten.
Schulman sagt, er habe seinen vier Kindern Tiktok und Instagram auf ihren Handys gelöscht, „weil ich nicht möchte, dass sie diese grausamen Videos von Vergewaltigungen und Gewalt der Hamas sehen. Ich selbst habe geweint.“ Schulman sagt aber auch, dass er sich nicht einschüchtern lasse und wie bisher weiterleben müsse. „Sonst haben die Terroristen gewonnen. Wir haben als Juden gelernt: Nie wieder dürfen wir uns verstecken. Nie wieder dürfen wir uns unterdrücken lassen.“ Mit Sorge und Wut beobachtet er propalästinensische Kundgebungen, die eskalieren und auf denen wie in Berlin gefeiert werde, wenn jüdische Menschen sterben.
Auch Lyudmila Mytrokhine sagt: „Schweigend werden wir das nicht hinnehmen. Wir werden laut sein.“ Sie erzählt, dass ihr 16-jähriger Sohn in Diskussionen hatte, als seine Mitschüler eine „Free Palestine“-Flagge in seiner Frankfurter Schule aufgehängt hätten. „Die Lehrer haben aber rechtzeitig interveniert.“ Es ist ihr auch wichtig zu sagen: „Nicht alle Moslems sind die Feinde. Sondern nur die Terroristen.“ Alle drei hoffen auf baldigen Frieden. Sergey Levit betont: „Ich bin überzeugt, dass am Ende die Menschlichkeit gewinnt.“

