VonKatja Rudolphschließen
Es war einmal ein Märchen, dessen Herkunft mehr als 200 Jahre geklärt schien und von niemandem angezweifelt wurde. Bis ein kluger Mann aus Kassel kam und nachwies, dass die Erzählung ihre Wurzeln aber mitnichten fernab von Nordhessen hatte.
Kassel – Sie stammte aus dem Munde der Zwehrener Märchenfrau Dorothea Viehmann. Doch von vorn: Holger Ehrhardt, Inhaber der Professur „Werk und Wirkung der Brüder Grimm“ an der Universität Kassel, beschäftigt sich seit Jahren mit den Handschriften der Brüder Grimm. Diese fertigten sie seinerzeit beim Sammeln der Erzählungen für ihre Kinder- und Hausmärchen an.
Eher zufällig kam Ehrhardt vor einiger Zeit ins Stutzen, als er sich mit dem Manuskript „Die Ente am Goßenstein“ befasste, das aus der Hand Jacob Grimms stammt. Es ist die Vorlage für das Märchen, das 1815 als „Die weiße und die schwarze Braut“ in den zweiten Band der Kinder- und Hausmärchen einging. Laut den Anmerkungen der Grimms stammte es aus dem Mecklenburger und Paderborner Raum.
Der Anstoß
Ehrhardt stolperte bei der Lektüre über eine Formulierung, die er als „typisch Dorothea Viehmann“ beschreibt. Seine Neugier war geweckt. Mit geradezu detektivischem Spürsinn machte der Germanist sich ans Werk – und weist nun mit einer ganzen Kette von Indizien nach, dass diese Erzählung höchstwahrscheinlich ebenfalls von der Zwehrener Märchenfrau beigetragen wurde.
Sein Aufsatz zum Thema erscheint in diesen Tagen in der Zeitschrift für Erzählforschung „Fabula“ und dürfte in der Fachwelt einer kleinen Sensation gleichkommen. Ehrhardt hatte in den vergangenen Jahren bereits herausgefunden, welche historische Person die Marburger Märchenfrau war, von der „Aschenputtel“ stammt. Außerdem klärte er auch wer Mamsell Storch aus Kassel war, die den Grimms „Tischlein deck dich“ erzählte.
Wir zeigen an einigen Beispielen auf, wie Holger Ehrhardt in seinem jüngsten Fall vorging und unter anderem anhand akribischer Textarbeit zu dem Schluss kommt, dass das Märchen „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ auf Dorothea Viehmann zurückgeht.
Sprachliche Indizien
Die Formulierung im Märchen „Die schwarze und die weiße Braut“, die den Grimm-Experten eingangs stutzig machte, lautet: „was verdient die, welche das und das thut?“ In der Fachsprache nennt man das iterative Phraseoschablone mit dem Muster „x und x“. Diese Ausdrucksweise für etwas, das inhaltlich nicht genauer bestimmt wird, kommt laut Ehrhardt nur in den von Dorothea Viehmann beigetragenen Erzählungen vor. Etwa: „das und das Wirtshaus“, „in dem und dem Dorfe.
Eine weitere Besonderheit, die in vielen Viehmann-Märchen vorkommt und auch fast ausschließlich dort, ist die Einleitung wörtlicher Rede mit vorangestelltem Verb, etwa: Sagte die Ente: „Daß Gott erbarm!“
Der Wortschatz und die Themen der Zwehrener Märchenfrau weisen weitere Besonderheiten auf. Gehäuft kommt etwa das Wort „nackt“ bei Dorothea Viehmann vor. Auffällig ist dabei, dass allein in ihren Märchen nackte Frauen vorkommen, während in anderen Märchen nur von nackten Männern erzählt wird. In der schwarzen und weißen Braut ist die Rede davon, dass man die Stiefmutter „nackigt auszieht“.
Holger Ehrhardt vermutet, dass dies daran liegt, dass Dorothea Viehmann 1755 geboren wurde und fast 60 Jahre alt war, als sie ihre Märchen den Brüdern Grimm erzählte. „Sie stammt aus einer Zeit, in der noch nicht so eine starke Prüderie herrschte wie im 19. Jahrhundert“. Ihre Charaktere seien sinnlicher und auch individueller ausgestaltet als viele andere Märchenfiguren.
Motive
Das Märchen enthält auch zahlreiche Motive, Themen und Figuren, die typisch für Märchenerzählungen der Viehmännin sind. So wird von der Stieftochter, der späteren weißen Braut, der Wunsch geäußert nach einem „Geldbeutel, der nie leer würde“. Solche nie versiegenden Geldquellen finden sich in weiteren Viehmann-Märchen, zeigt der Grimm-Professor auf. Das gleiche gilt für das Kleidertauschmotiv: den Tausch schöner Kleider gegen schlechte.
Auch böse Frauen – hier die Stiefmutter und Stiefschwester – kommen besonders häufig in den Erzählungen der Nordhessin vor. Ehrhardt weist hierzu auf das über viele Jahre angespannte Verhältnis hin, das Dorothea Viehmann zu ihrer zweitältesten Schwester hatte. Womöglich wirkte sich dieser Konflikt auch auf ihre Märchen aus.
Grimm-Biografie
Aus den Briefen der Brüder Grimm geht hervor, dass Wilhelm Grimm 1814 den zweiten Band der Kinder- und Hausmärchen weitgehend allein fertigstellte. Jacob, von dem das untersuchte Manuskript stammte, war zu dieser Zeit auf Reisen. Im Prozess der Drucklegung wurden Herkunftsperson und Datum der Märchen-Urfassungen in der Regel vernichtet. „Wahrscheinlich war Wilhelm im Stress und da ist ihm einfach ein Fehler unterlaufen“, sagt Ehrhardt, der diese Vermutung auf weitere Details stützt.
Handschrift
1813 lernten sich Dorothea Viehmann und die Brüder Grimm kennen. Ihre Märchen schrieb 1813 und 1814 Jacob mit – die Brüder hatten sich die Manuskripte nach Personen aufgeteilt. Um sicherzugehen, dass das Manuskript „Die Ente im Goßenstein“ auch wirklich aus dieser Zeit stammt, hat Holger Ehrhardt sogar noch die Handschrift Jacob Grimms unter die Lupe genommen.
Anhand von zwischen 1810 und 1813 von Jacob geschriebenen Manuskripten und Briefen weist der Grimm-Forscher Veränderungen an Buchstaben sowie am sogenannten Ausstrich nach, einem damals üblichen großen Schnörkel am Textende. In Kombination deuten diese handschriftlichen Veränderungen darauf hin, dass das Goßenstein-Manuskript von 1813 stammt, schlussfolgert Ehrhardt.
Die Konsequenzen
Dass die falsche Zuschreibung des Märchens erst jetzt auffalle, sei angesichts der weltweiten Forschung zum Werk der Brüder Grimm erstaunlich, sagt der Kasseler Germanist. Seine Entdeckung wird Folgen haben: In der Fachliteratur zu den Kinder- und Hausmärchen müsse man nun die Herkunftsangaben für „Die weiße und die schwarze Braut“ ändern.
Dass weitere Märchen falsch zugeordnet wurden, ist laut Ehrhardt aber eher unwahrscheinlich. „Derartige Verwechslungen sind die absolute Ausnahme.“ Die Herkunftsvermerke der Brüder Grimm seien in den allermeisten Fällen verlässlich. (Katja Rudolph)
