VonClara Veiga Pintoschließen
Frankreich hat sie aus Umweltschutzgründen Anfang August abgeschafft, Deutschland erst 2020 eingeführt: die Bonpflicht.
Kreis Kassel – Frankreich hat sie aus Umweltschutzgründen Anfang August abgeschafft, Deutschland erst 2020 eingeführt: die Bonpflicht. Einige Kaufleute im Kreis wünschen sich nun auch ein Aus für die hiesige Pflicht, die Zettel auszudrucken.
Bislang wurden in Frankreich jedes Jahr 12,5 Milliarden Kassenbons gedruckt, was laut der französischen Regierung 150 000 Tonnen Papier und 25 Millionen gefällten Bäumen entspricht. Das wurde nun geändert. Seit dem 1. August werden Kassenzettel nur noch auf ausdrücklichen Kundenwunsch ausgedruckt, trotz der nach wie vor hohen Inflation. Ausschlaggebend für die Entscheidung war der Umweltaspekt, denn der Papierverbrauch war durch die Pflicht enorm gestiegen. Was hinzukommt: Viele Unternehmen wissen nicht, wie sie die Bons richtig entsorgen können.
In Deutschland ist man weit entfernt von der Abschaffung der Bonpflicht. Eingeführt wurde sie 2020, vor allem im Kampf gegen Steuerhinterziehung. Die Bonpflicht gilt für alle elektronische Kassen – im Supermarkt, der Apotheke und beim Bäcker. Der Kassenzettel wird automatisch ausgedruckt, ob man ihn haben möchte, oder nicht. In manchen Geschäften erhält man einen elektronischen Bon, den man zuvor über einen QR-Code scannen kann. Viele Akteure im Landkreis Kassel stören sich an der Bonpflicht.
So entsorgt man Kassenzettel richtig
Dass ein Papier-Kassenzettel auch in den Papiermüll gehört, klingt eigentlich logisch. Kassenbons bestehen allerdings meist aus Thermopapier, das mit Chemikalien beschichtet ist. Das Umweltbundesamt empfiehlt daher aus Vorsorgegründen, alle Thermopapiere im Restmüll zu entsorgen. Kritische Inhaltsstoffe der enthaltenen Farbentwickler könnten sich im Altpapier verteilen und über Recyclingprodukte wie Toilettenpapier zurück zum Verbraucher und in die Umwelt gelangen.
Der Kaufmann
So auch Andreas Hofmann, Marktleiter des Hofmann-Edeka-Marktes in Fulda-brück-Dörnhagen. Seine Familie betreibt zudem drei weitere Edeka-Märkte in Zierenberg, Immenhausen und Fuldabrück-Dennhausen.
Gerade bei kleineren Käufen würden die Kunden den Bon sowieso nicht mitnehmen, sagt Hofmann. „Außerdem sind mittlerweile alle Transaktionen über TSE (Technische Sicherheitseinrichtung) mit dem Finanzamt abgeglichen“, fügt er hinzu. Im Markt in Dörnhagen werden montags bis donnerstags 800 bis 1000 Bons gedruckt, am Wochenende seien es sogar 1150 bis 1300 täglich. Hofmann schätzt, dass 60 Prozent davon noch hinter der Kasse entsorgt werden.
Der Bäcker
Und auch in vielen Bäckereien stört die Pflicht. Marcel Simon, Geschäftsführer der Bäckerei Amthor mit Sitz in Hofgeismar, berichtet: „Maximal 0,5 Prozent der Kunden nehmen einen Bon mit“, sagt er. Die Bäckerei betreibt 17 Geschäfte, davon 14 im Landkreis Kassel. Simon hat eine Lösung gegen die Papierverschwendung gefunden. „Nach drei Wochen der Bonpflicht und täglich säckeweise Bons, die nicht mal im Altpapier entsorgt werden dürfen, habe ich 2500 Euro je Standort investiert, um die Bons nicht mehr drucken zu müssen“, so der Geschäftsführer. Der „Trick“: Es ist nicht definiert, in welcher Form der Kunde den Bon erhalten muss. „Wir generieren an unserer Kasse einen QR-Code, den der Kunde in sein Handy einlesen kann“, sagt Simon. So hat er den Kassenzettel in digitaler Form. Wünsche ein Kunde den Bon in Papierform, gehe das auch.
Im Schnitt habe die Bäckerei 6500 Kundenvorgänge am Tag in allen Standorten. Simon macht eine Beispielrechnung: Bei einer Bonlänge von 16 Zentimetern wären das 1040 Meter Papier pro Tag. Im Jahr könne man rund 374 Kilometer Papier sparen.
Simon habe bei der Bonpflicht eine gespaltene Meinung: Dafür spreche, dass Kaufleute durch die Pflicht weniger Geld am Finanzamt vorbeischleusen können. Bei Betrieben wie seinem sei die Regelung aber „absoluter Schwachsinn“. „Bei uns wird jedes Produkt artikelgenau in der Kasse verbucht.“ Gelieferte Mengen würden täglich mit den Verkaufszahlen sowie den Retourzahlen abgeglichen. Meist bewege man sich im Kleingeldbereich, wo kaum ein Kunde einen Kassenzettel verlange. „Es wird unnützerweise eine Flut von Papier verursacht.“
Der Apotheker
Apotheker Bernd Grünewald sieht das auch so. Er betreibt mit seiner Familie sechs Apotheken in Lohfelden, Söhrewald, Grebenstein und Kassel. Die Pflicht ist ein Zeichen der „ausufernden Bürokratie“, sagt er. „In unseren Apotheken werden deshalb rund 80 Prozent der automatisch ausgedruckten Kassenbons wieder vernichtet.“ Das habe einen enormen Daten- und Papiermüll zur Folge. „Da auf den Bons sensible Kundendaten stehen, können die Bons nur durch eine Fachfirma abgeholt und dann datenschutzrechtlich entsorgt werden“, sagt er weiter – ein weiterer Kostenpunkt. Zur täglichen Bonzahl der Apotheken macht Grünewald keine Angaben. Generell habe eine durchschnittliche Apotheke allerdings rund 200 Kunden am Tag.
Grundsätzlich halte er die Bonpflicht in Deutschland nicht für sinnvoll. Natürlich solle jeder Verkaufsvorgang elektronisch erfasst werden, sodass er steuerlich nachvollzogen werden kann. Dem Kunden solle auf Verlangen auch immer der Bon ausgehändigt werden. „Gerade aber in Apotheken, die schon lange mit elektronischen Kassen arbeiten, halte ich einen verpflichtenden Ausdruck des Kassenbons für nicht mehr zeitgemäß, auch der Umwelt zuliebe“, sagt er.
Die Metzgerin
Anders als viele Kollegen spricht sich Pia Beier, Inhaberin der Fleischerei Pflüger in Wolfhagen-Wenigenhasungen, für die Bonpflicht aus. In der Fleischerei bekomme jeder Kunde schon immer einen Kassenzettel. „Das ist auch notwendig bei uns“, sagt sie. Weil die Kunden, die aus der gesamten Region kämen, meist viele verschiedene Produkte kauften, sei ein Bon unumgänglich. „Das dient zur Kontrolle.“ Und das komme bei den Kunden gut an. „Überwiegend nehmen sie den Kassenzettel mit.“ (Clara Pinto)
