Reaktionen auf Kerb

„Sehr bedauerlich“ – Kerbeverein äußert sich erstmals nach Rassismus-Eklat in Friedrichsdorf

Die rassistischen Parolen auf der Zeltkerb in Friedrichsdorf rufen zahlreiche Reaktionen hervor. Nun bezieht auch der Kerbeverein Stellung.

Friedrichsdorf - Der „Spiegel“ berichtete ebenso über Burgholzhausen wie der „Stern“, „Tagesschau“ und „Hessenschau“, „Bild“ und „Welt“ oder der Berliner „Tagesspiegel“, um nur einige Publikationen zu nennen. Eine unrühmliche Berühmtheit, auf die wohl die meisten in dem Friedrichsdorfer Stadtteil gerne verzichtet hätten. Anlass: das rassistische Gegröle am Freitagabend, 11. Oktober, auf der Holzhäuser Zeltkerb.

Verein bezieht Stellung nach rassistischen Parolen auf Holzhäuser Zeltkerb in Friedrichsdorf

Was nach dem Aufstellen des Kerbebaums und Fassbieranstich eine ausgelassene Partynacht werden sollte, entpuppte sich als Sündenfall. Wie in vielen anderen Fällen in der Republik wurde auch im Burgholzhäuser Festzelt der als Partyhit gedachte „L’amour toujours“ von DJ Gigi D’Agostino mit rechtsextremen Parolen vergewaltigt. Ähnlich wie schon an Pfingsten auf Sylt und in anderen weniger bekannten Orten.

Drei Tage später, nachdem die Videos vom Geschehen in Burgholzhausen im Internet viral gingen, herrscht in Friedrichsdorf Betroffenheit. Das zeigen auch die zahlreichen Stellungnahmen aus Politik und Zivilgesellschaft. Bürgermeister Lars Keitel (Grüne) verfasste gestern auf der Rückfahrt aus Österreich eine Erklärung. „Mit großem Bedauern und Entsetzen habe ich am späten Samstagabend von dem Vorfall in Burgholzhausen erfahren“, sagt Keitel, der zu dem Zeitpunkt auf Besuch in der Partnerstadt Bad Wimsbach-Neydharting war.

Bürgermeister erfährt im Ausland von rechtsextremen Parolen auf Kerb in Friedrichsdorf

„Es ist für mich unerheblich, ob wenige oder viele Menschen ’Deutschland den Deutschen, Ausländer raus’ rufen. Solche Worte haben in unserer Stadt keinen Platz. Wir sind eine offene und vielfältige Gemeinschaft, die auf Respekt, Toleranz und gegenseitiges Miteinander aufbaut. Für diese Werte stehe ich auch persönlich ein und ich bin froh darüber, dass es in unserer Stadt viele Menschen und Institutionen gibt, die mich in den letzten 24 Stunden kontaktiert haben oder sich öffentlich äußern und genau diese Werte vertreten.“

Ein Ausschnitt aus einem der Videos von der Burgholzhäuser Skandal-Partynacht. Screenshot Video auf X

Er halte es jedoch nicht für richtig, den Verein, der dieses Fest organisiert hat, pauschal zu verurteilen, sagt Keitel. „Es ist mir wichtig, dass die Beteiligten nun die Gelegenheit erhalten, den Vorfall aufzuklären und die Hintergründe transparent darzulegen. Ich möchte noch einmal klarstellen: Fremdenfeindlichkeit und Hass gegen andere Menschen aufgrund ihrer Herkunft widersprechen den Werten, die wir hier leben und verteidigen. Wer so etwas ruft, handelt gegen den Zusammenhalt und das friedliche Miteinander, das unsere Stadt stark macht.“

Er stehe seit gestern im Austausch mit der Polizei. Diese ermittle bereits und suche weitere Zeugen. „Ich möchte, dass in unserer Stadt Hass und Ausgrenzung keinen Platz haben, sondern wir uns mit Respekt und Menschlichkeit begegnen. Lassen Sie uns zusammen aufstehen gegen Intoleranz und Rassismus und zeigen, dass wir als Gemeinschaft füreinander einstehen - unabhängig von der Herkunft.“

Gemeinsame Erklärung der Politik nach Eklat auf Holzhäuser Zeltkerb

Die Parteien der Stadtverordnetenversammlung haben eine gemeinsame Erklärung verfasst. „Als demokratische Parteien und Wählergemeinschaften in Friedrichsdorf distanzieren wir uns entschieden von den ausländerfeindlichen Parolen auf der Zeltkerb und halten diesen Vorgang für absolut inakzeptabel“, sagen CDU, Grüne, FWG, FDP und Lebendiges Friedrichsdorf. „Vielfalt bereichert unsere Gesellschaft, und wir setzen uns für respektvollen Umgang miteinander ein.“

Ein Statement kommt auch von den Pfarrern des evangelischen Nachbarschaftsraumes Friedrichsdorf. „Wir, die Pfarrer im evangelischen Nachbarschaftsraum Friedrichsdorf, sind erschüttert und distanzieren uns von den rassistischen und fremdenfeindlichen Vorfällen und Äußerungen im Rahmen der „Holzhäuser Zeltkerb“ am vergangenen Wochenende“, schreiben Gundula Guist (Burgholzhausen), Thomas Krenski (Seulberg), Reiner Guist (Friedrichsdorf) und Ulrike Maas-Lehwalder (Köppern). „Wir fremdschämen uns für Besucher dieses Festes, die sich offensichtlich nationalistisch und ausländerfeindlich geäußert und nachweisbar ausländerfeindliche Parolen skandiert haben.“

Aussprache für respektvollen Umgang miteinander

Auch der Arbeitskreis (AK) Asyl Friedrichsdorf prangert Versäumnisse an. „Wir sind entsetzt und empört, dass sich blanker Hass gegen ausländische Mitbürger ungebremst auf der Kerb entladen konnte.“ Ein Augenzeuge habe berichtet, dass aus anfänglichem Gegröle Einzelner sich eine große Teilnehmerzahl der menschenfeindlichen Parolen angeschlossen habe, heißt es in der Erklärung des AK-Vorstands.

Man frage sich: „Wo bleiben die anderen? Wo bleibt der eigentliche Reflex, mitmenschlich zu reagieren und sich entgegenzustellen? Die Veranstalter anzusprechen, beim DJ zu protestieren? Wo bleibt der eigentliche Reflex, bei Unerträglichem zumindest wegzugehen, wenn man nicht mutig genug ist um Stopp zu sagen? Wo bleibt die Verantwortung des DJ?“ Namentlich dem Discjockey macht der AK Vorwürfe. Dies vor dem Hintergrund, dass besagtes Lied laut AK „mittlerweile zu einem Erkennungsmerkmale der extremen Rechten geworden ist“. „Warum hat er es nicht sofort gestoppt?“, fragen die Aktivisten, die auch die Veranstalter in die Pflicht nehmen. „Warum haben sie nicht reagiert? Warum wurde nicht sofort die Veranstaltung abgebrochen und die rassistischen Gröler des Saales verwiesen?“

In einer Erklärung hat der Vorstand des Kerbevereins Burgholzhausen gestern Stellung genommen, sein Bedauern über den Vorfall ausgedrückt und ausdrücklich um Entschuldigung gebten. „Wir haben für unsere Veranstaltung einen externen DJ engagiert, der selbstverantwortlich die Lieder aussucht; wir sahen im Vorfeld keine Veranlassung vorab eine Liederauswahl zu machen. Es war für uns selbstverständlich, sich auf seine Professionalität und langjährige Erfahrung zu verlassen. Jedoch haben wir als Veranstalter die Verantwortung dafür zu übernehmen. Der Vorfall ist während unserer Veranstaltung geschehen. Es ist für uns sehr bedauerlich, dass sich ein solcher Vorfall ereignen konnte. Insbesondere auch deshalb, da sich die gesungene Interpretation dieses Schlagerliedes überhaupt nicht mit dem Werteverständnis unseres Vereines verträgt. Unsere Werte sind demokratisch und damit fest auf dem Boden des Grundgesetzes verankert. Wir können allen Betroffenen nur versichern, dass wir das auch intern und mit allen Vertragspartnern aufarbeiten werden, um solche Vorfälle in Zukunft zu vermeiden.“

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