VonKathrin Rosendorffschließen
Am letzten Tag der Kinder-Uni lernen die Kinder was Gesten sind, aber auch, dass es über 200 verschiedene Gebärdensprachen gibt.
Das Mädchen mit dem rosa Pulli und der niedlichen Nerd-Brille ist nicht die einzige, die sich an diesem Freitagmittag die Ohren mal kurz zuhalten muss. Denn am dritten und letzten Tag der Kinder-Uni in dieser Woche glaubt man im ersten Moment, man sei beim Stadionkonzert, und Popikone Harry Styles käme gleich auf die Bühne. So laut und euphorisch schreien die Kinder im Hörsaal des Campus Westend, so groß ist die Vorfreude auf die Vorlesung. 15 Minuten lang.
Manche vergessen kurz, dass sie an der Goethe-Uni sind: Ein Jungs-Chor ruft: „Eintracht Frankfurt.“ Bis es dann aber wirklich losgeht mit der einstündigen Vorlesung. Dabei geht es um die Sprache, die man nicht hören, sondern ausschließlich sehen kann: die Gebärdensprache. Titel der Veranstaltung: „Die sprechenden Hände. Über den Unterschied zwischen Wörtern, Gesten und Gebärden.“
Vorne stehen nicht nur Linguistik-Professorin Cornelia Ebert der Goethe-Universität und Professor Markus Steinbach der Uni Göttingen, sondern auch eine Gebärdendolmetscherin mit Kopfhörern: „Es ist eine Premiere bei der Kinder-Uni, dass das, was wir erzählen, parallel in Gebärdensprache übersetzt wird“, betont Ebert.
Bevor es aber um die Gebärdensprache selbst geht, lernen die Kinder, zwischen 8 und 12 Jahre alt, was beispielsweise eine „ikonische Geste“ ist: Die Professorin zeigt mit ihren Fingern, während sie das Wort Fenster ausspricht, die Form ihres Büro-Fensters. Sie erklärt auch gleich, dass nicht jede Geste international gleich ist: „In Deutschland nutzte ich den Zeigefinger, um zu zeigen, wer dran ist, wenn ihr euch meldet. Andere Kulturen nutzen dafür das Kinn, die Schulter oder gespitzte Lippen.“
Dann kommt ein schwieriges Wort: „Embleme“ Das sind Gesten, die von ihrer Bedeutung her gesellschaftlich codiert sind. Jeder in Deutschland verstehe so die Bedeutung von einem Daumen nach oben. Aber in anderen Ländern gebe es oft ganz andere Embleme: Sie hält ihre zusammengepressten Finger an den Mund, die Kinder sollen raten, was es bedeutet. Fast alle, die sich melden, sagen: „Mund zu. Nicht weitersprechen.“ Keiner errät die wahre Bedeutung, weil sie hier unbekannt ist. Ebert löst es auf: „In Jordanien bedeutet das: ‚Mach schneller, sonst wächst mir in der Zeit ein Bart‘.“
Markus Steinbach übernimmt den Teil mit der Gebärdensprache: „Es gibt nicht eine Gebärdensprache, sondern über 200.“ Er zeigt ein Video mit vier Männern, die „Bruder“ in Gebärdensprache übersetzen. Dabei unterscheidet sich das nicht nur zwischen der Gebärdensprache von Gehörlosen in Frankreich und England: „Sondern es gibt in England, den USA und Irland, auch wenn in allen Ländern Englisch gesprochen wird, jeweils eine eigene Gebärdensprache.“
Am meisten beigeistert die Kinder ein Tiktok-Video der Influencerin Cindy Klink, die sich selbst als Deaf Performerin bezeichnet, und die Lieder wie den Rapsong „Der dicke Dachdecker“ in Gebärdensprache richtig cool zum Leben erweckt. „Nochmal“, rufen die Schüler:innen. Klink trat schon beim Konzert der Fanta Vier auf. Auch das Video von Rihannas Auftritt beim Super Bowl mit Gebärdendolmetscherin kommt gut an. „Dass Konzerte in Gebärdensprache übersetzt werden, hat mich am meisten beeindruckt“, sagt die elfjährige Lilly.
Am Ende der Vorlesung applaudieren die Kinder. Nein, nicht laut. Sondern in Gebärdensprache: Arme hoch, und die Hände drehen sie dabei nach links und rechts.
