„Pionierstimmung im Haus“

Meilenstein für das Klinikum: 90 Mediziner nehmen bald in Fulda ihr Studium auf

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Achim Hellinger (von links), Thomas Menzel und Henrik Kessler freuen sich auf den baldigen Beginn der Medizinerausbildung im obersten Stockwerk des OP- und Notfallzentrums. Von hier aus hat man einen Blick auf die Stadt – und die startenden Rettungshubschrauber.
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Das Klinikum Fulda steht vor dem größten Entwicklungsschub seit dem Bezug des damaligen Neubaus 1976: Ab Mitte Oktober werden erst 90, dann ab nächstem Jahr 180 Studenten im Klinikum ihr viertes und fünftes Studienjahr absolvieren. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. 

Fulda - „Wir freuen uns richtig auf den Start der Medizinerausbildung. Schon jetzt sind ein neuer Geist und eine konstruktive Unruhe bei uns zu spüren. Das setzt richtig was in Gang“, strahlt Klinikum-Vorstandschef Dr. Thomas Menzel (60).

„Ich erlebe eine echte Pionierstimmung im Haus“, berichtet auch Prof. Dr. Henrik Kessler (47), Chefarzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Kessler leitet den Aufbau der Forschungsarbeit am Campus Fulda – so heißt die Außenstelle der Uniklinik Marburg im Klinikum.

Klinikum Fulda: 90 Mediziner nehmen bald ihr Studium auf

Von der Uniklinik Marburg kommen die angehenden Mediziner. Sie verfügte nicht über genug Studienplätze für Studenten im vierten und fünften Studienjahr. Etliche Studenten mussten sich nach dem Grundstudium einen Studienplatz außerhalb Marburgs suchen. Jetzt ist klar: Marburger Studenten können ihr Studium in Fulda abschließen.

Dafür hat das Klinikum Fulda Raum geschaffen – im doppelten Sinne: Mit Lehr- und Forschungskapazitäten einerseits und mit neuen Räumen andererseits. Im obersten Stockwerk des neuen OP- und Notfallzentrums entstand auf 2500 Quadratmeter ein Campus mit hochmodernen Seminar- und Arbeitsräumen. Den Studienplan für die Studenten hat ein Team um Chirurgie-Chefarzt Dr. Achim Hellinger (62) – auch mit Mitarbeitern der Uni Marburg – erarbeitet. Hellinger ist als Vorsitzender der Studienkommission verantwortlich für die Studieninhalte.

„Wir haben kein Vorbild, an dem wir uns orientieren könnten. Das macht die Sache schwieriger, aber auch reizvoller“, berichtet Hellinger. Seit eineinhalb Jahren ist er mit Vorarbeiten beschäftigen. Für Detailfragen wurden 46 Teilprojektgruppen gebildet. Da ging es etwa darum, dass für die Studenten ein eigenes WLAN-Netz aufgebaut wird, damit das Netz der Klinik abgesichert bleibt. Es ging um Essen – den Studenten werden in der Kantine vegane Speisen angeboten – und auch um Wohnungen – das Klinikum will jedem Studenten Wohnraum anbieten. Bis Herbst 2024 werden allein 58 Mikro-Apartments in einen Neubau fertig, der in der Pacelliallee entsteht.

„Die allererste Idee zu der Zusammenarbeit, deren Früchte wir jetzt ernten, kam in einem Gespräch mit der Leitung der Uniklinik Marburg im Januar 2012 auf“, berichtet Menzel. Der Uniklinik Marburg fehlten Bettenkapazitäten. Fulda konnte helfen. Seit 2014 kommen jedes Jahr 100 bis 130 Studenten aus Marburg für zwei Wochen ins Klinikum, um in Inneren Medizin, Kinderheilkunde und operativen Fächern praktische Erfahrungen zu sammeln. Schon seit Jahrzehnten kommen Studenten in ihrem sechsten Studienjahr – dem praktischen Jahr – ins Klinikum.

15 zusätzliche Arztstellen am Klinikum Fulda

Im Klinikum zieht ein neuer Geist. Dabei ist die Lehre für die Chefärzte nichts Neues. Fast alle besitzen die Lehrbefugnis für Hochschulen („Habilitation“). Sie werden, ebenso wie viele Oberärzte, jede Woche 1,5 bis 2 Stunden lehren. Sie haben jetzt alle eine Fortbildung in akademischer Ausbildung und Didaktik absolviert – so wie 200 von insgesamt 420 Fachärzten am Klinikum.

Damit die Patientenversorgung nicht leidet, bekommt das Klinikum 15 zusätzliche Arztstellen. Zudem richtet das Land Hessen drei neue Professuren für Allgemeinmedizin in Fulda ein. Jeder dieser Professor erhält einige wissenschaftliche Mitarbeiter.

In Fulda wird auch geforscht. Aus Kesslers Sicht sind die Voraussetzungen dafür ideal: „Am Klinikum werden sehr viele Patienten sehr gut versorgt. Für die Forschung bieten sich da ganz viele Themen, vor allem in der Versorgungsforschung.“

Die Forschung und die Betreuung von Studenten, die ihre Doktorarbeit schreiben, kosten Geld und Personal. „Für die Forschung gibt es Geld und Stellen. Zusätzlich bekommen wir sechs Stipendien für Mediziner, die nach ihrer Doktorarbeit weiter forschen und ihre Habilitationsarbeit schreiben“, berichtet Kessler. Von den Inhabern der „Post-Doc-Stellen“ werden besondere Forschungsleistungen erwartet. Insgesamt erhält das Klinikum ab nächstem Jahr 12 bis 13 Millionen Euro für Forschung und Lehre.

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Menzel ist sicher: Auch die Patienten werden profitieren. „Wir werden ein ganz neues Niveau in der Krankenversorgung erreichen. Wir können etwa neuartige Medikamente einsetzen. Und das Klinikum wird jetzt auch motivierte Ärzte gewinnen können, die bisher an eine Uni-Klinik wechselten.“

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