VonMatthias Lohrschließen
Mehrere Frauen erheben Vorwürfe gegen die Band Rammstein. Es geht um Machtmissbrauch und sexuelle Handlungen. Was bedeutet das für das Solo-Konzert von Till Lindemann in Kassel?
Kassel – Till Lindemann und seine Band Rammstein stehen in der Kritik, weil mehrere Frauen von vermeintlichen sexuellen Übergriffen berichten. Die Band streitet die Vorwürfe ab. Lindemann hatte am 18. November ein Solo-Konzert in Kassel geplant.
Am Samstag erlebte Lilly Müller-Radnai einen außergewöhnlichen Abend mit Rammstein. Die 22-Jährige aus Göttingen war mit ihrer Familie nach Odense in Dänemark gereist, um die Rockband zum zweiten Mal in ihrem Leben live zu erleben. Müller-Radnai hat den Brachial-Rock von Rammstein schon als 13-Jährige geliebt. Auch diesmal war die „sehr extravagante Show“ für sie ein Erlebnis, wie sie sagt. Es wird aber vorerst ihr letzter außergewöhnlicher Abend mit Rammstein sein. „Aktuell“, sagt Müller-Radnai, „würde ich keine Tickets kaufen.“ Weder für ein Rammstein-Konzert noch für den Solo-Auftritt von Sänger Till Lindemann am 18. November in der Kasseler Eissporthalle.
Schwere Vorwürfe gegen Band Rammstein - Frauen berichten von vermeintlichen Übergriffen
Damit reagiert die Lehramtsstudentin auf die schweren Vorwürfe gegen die Band und vor allem gegen deren Frontmann. Die irische Konzertbesucherin Shelby Lynn hatte berichtet, ihr seien auf einer „Pre-Party“ vor dem Rammstein-Konzert im litauischen Vilnius heimlich Drogen in ihr Getränk gemischt worden. Am nächsten Morgen sei sie mit Blutergüssen aufgewacht.
Anschließend berichteten mehrere Medien über Frauen, die ähnliche Erlebnisse schilderten. Demnach sollen weibliche Fans bei Konzerten gezielt für die erste Reihe und exklusive After-Show-Partys mit Lindemann gecastet worden sein. Es geht um Machtmissbrauch und sexuelle Handlungen.
Band Rammstein bittet die Fans, sie nicht vorzuverurteilen - Konzert nicht abgesagt
Die Band bestreitet, dass dies passiert ist. Bei Instagram postete sie: „Die Vorwürfe haben uns alle sehr getroffen und wir nehmen sie außerordentlich ernst.“ Zugleich bat sie ihre Fans, niemanden vorzuverurteilen – weder Rammstein noch die Frauen, die die Vorwürfe erhoben haben. Der Fall hat nun eine Debatte über „Me Too“ in der von Männern dominierten Rock-Welt entfacht.
Uwe Vater, der mit seiner Agentur MM Konzerte Till Lindemann für Kassel gebucht hat, sagt zu den Vorwürfen: „Ich kann dazu nichts beitragen, weil ich nicht dabei war.“ Er versichert, dass das Konzert am 18. November „auf jeden Fall stattfinden wird“. Schließlich gibt es einen Konzertvertrag, „den beide Seiten erfüllen müssen“.
60-jähriger Till Lindemann soll das geplante Konzert in Kassel spielen dürfen
Der Solo-Auftritt von Lindemann soll ein Spektakel werden. Der 60-Jährige spielt nur 24 Shows in 13 Ländern – eine davon in der Eissporthalle, die in die Jahre gekommen war, nach einer millionenteuren Sanierung nun aber dafür sorgen soll, dass die Stars wieder in die Region kommen. Der Großteil der 6000 Karten ist längst verkauft, es gibt nur noch 140 Stehplatzkarten.
Für den langjährigen Konzertveranstalter Vater ist es nach mehr als 4000 Konzerten der zweite von ihm gebuchte Act, der in die Kritik gerät. Der Mannheimer Soulsänger Xavier Naidoo radikalisierte sich in der Pandemie mit Verschwörungserzählungen derart, dass nicht nur die Grüne Jugend zum Boykott aufrief. Dann wurde Naidoos für den 13. August 2022 an der Messe geplantes Konzert wie auch andere Termine abgesagt – offiziell wegen Corona.
„Kein Idol meiner Kindheit verurteilen“ - Fans stehen zur Band Rammstein
In München werden nun ähnliche Debatten geführt. Mittwoch, Donnerstag und Samstag treten Rammstein dort im Olympiastadion auf. Politiker wie die SPD-Fraktionschefin Anne Hübner machten klar, dass man die Termine nicht absagen kann: „Sonst sehen wir uns hohen Schadensersatzforderungen in zweistelliger Millionenhöhe gegenüber.“ Eine Aftershow-Party und auch die umstrittene „Row Zero“, also die exklusive Reihe null, soll es nicht geben.
Viele Rammstein-Fans verteidigen die Band. Auch die Göttingerin Lilly Müller-Radnai appelliert, niemanden vorzuverurteilen. Sie kenne viele weibliche Fans, „die bei Konzerten ganz vorne standen und nie etwas Negatives berichtet haben“. Falls sich die Vorwürfe erhärteten, werde die Polizei ermitteln: „Solange es keine Beweise gibt, will ich kein Idol meiner Kindheit verurteilen.“ (Matthias Lohr)
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