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„Der Fisch stinkt vom Kopf“: VW-Mitarbeiter bangen um Jobs und das Werk in Baunatal

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Der VW-Konzernvorstand hat einen neuen Sparkurs verkündet, auch Werksschließungen und Entlassungen werden nicht ausgeschlossen. Wie reagieren Mitarbeiter in VW-Werk in Baunatal?

Baunatal – Am Haupttor vor dem VW-Werk Kassel in Baunatal knallt Dienstagmittag die Sonne vom Himmel – und doch könnte die Stimmung der ein- und ausgehenden Mitarbeiter getrübter kaum sein. Beim Schichtwechsel um 14 Uhr hetzen zahlreiche Frauen und Männer im blauen VW-Shirt und mit ernster Miene an der Schranke vorbei.

Die meisten der Angesprochenen wollen sich nicht zum jüngst vom Konzernvorstand verkündeten Sparkurs des Automobilherstellers äußern. Die, die es doch tun, wollen dabei jedoch anonym bleiben.

Kreis Kassel: VW-Mitarbeiter bangen um Jobs und das Werk in Baunatal

Wird der Stecker gezogen? Der verkündete Sparkurs bereitet Mitarbeitern des VW-Werkes in Baunatal Sorge. Einige von ihnen sehen in dem Fokus auf E-Mobilität einen Grund für die Krise des Automobilherstellers.

„Die Bosse bauen Scheiße, und wir baden es aus“, sagt einer der Mitarbeiter, die beim Schichtwechsel das Werksgelände verlassen. „Dabei sollte das Management mal lieber bei sich anfangen zu kürzen und zu sparen“, sagt der Mann mit erhobener Stimme. „Immerhin ist der Vorstand nicht nur für die Aktionäre da, sondern auch, um unsere Arbeitsplätze zu sichern.“

Die Bosse bauen Scheiße, und wir baden es aus.

VW-Mitarbeiter in Baunatal

Den neuesten Nachrichten zufolge müsse man davon ausgehen, dass es auch in Baunatal zu Kündigungen kommen könne. „Der Fisch stinkt immer vom Kopf. Auch diesmal handelt es sich um einen klaren Fall von jahrelangem Missmanagement – nur sind die kleinen Angestellten dann die Bauernopfer.“

VW-Mitarbeiterin: angespanntes Klima unter Kollegen

Ein Mann, der nach seiner Schicht in Richtung Parkplatz läuft, sagt: „Viele Kollegen haben sich Existenzen aufgebaut und fürchten sich jetzt vor der Zukunft.“ 15 Jahre arbeitet er schon bei VW. „Es ist eine Katastrophe hier und wird immer schlimmer. Informationen sickern nur spärlich durch und wir Arbeiter werden einfach vor vollendete Tatsachen gestellt.“ Langfristig, so verrät er, setze er auf einen neuen Job – oder strebe sogar eine Selbstständigkeit an.

Viele Kollegen haben sich Existenzen aufgebaut und fürchten sich jetzt vor der Zukunft.

VW-Mitarbeiter in Baunatal

Eine VW-Mitarbeiterin bestätigt das angespannte Klima unter den Kollegen. „Die Gerüchteküche brodelt“, erklärt sie. „Man sagt, dass ein Komponentenwerk und ein fahrzeugbauendes Werk geschlossen werden sollen.“ Da läge das VW-Werk Kassel in Baunatal auf der Hand. „Die allgemeine Sorge und Verunsicherung sind hier deutlich zu spüren.“

Alleiniger Fokus auf E-Mobilität trägt Mitschuld an Krise

Auch bei einem weiteren Kollegen sieht die Stimmung düster aus: „Es herrscht aktuell eine große allgemeine Verunsicherung.“ Die Konzernspitze habe sich in den vergangenen Jahren zu sehr auf E-Mobilität versteift, darin seien sich viele der Kollegen einig. „Man hat auf nur ein Pferd gesetzt – und sich dabei in Anbetracht der Konkurrenz im Ausland verzockt.“

Man hat auf nur ein Pferd gesetzt – und sich dabei in Anbetracht der Konkurrenz im Ausland verzockt.

VW-Mitarbeiter in Baunatal

Letztlich würde die Summe der Kunden über den Markt entscheiden – und denen seien die Nachteile der E-Autos bewusst. „Die Erfahrung zeigt, dass die Autobatterie-Packs im Schnitt nach etwa 80.000 Kilometern den Geist aufgeben – und das dann notwendige Ersatzteil kostet um die 10.000 Euro.“ Die Entwicklung der E-Mobilität liege generell deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Wobei das hauptsächliche Problem einige Ebenen über der VW-Konzernspitze zu finden und politischer Natur sei: Der Vorstand entscheide sich verständlicherweise nicht für Investitionen, die gegen EU-Recht verstoßen – wie das beschlossene Aus des Verbrennermotors für Neuzulassungen ab 2035.

Ein Paradigmenwechsel und ein allgemeines Umdenken seien nötig – kurzfristig auch für das Überleben des VW-Werkes in Baunatal und langfristig für das der gesamten deutschen Automobilindustrie: „Man sollte in die Forschung und Entwicklung von emissionsärmere Technologien investieren statt nur eingleisig zu fahren.“

Gegenbeispiel: einige VW-Mitarbeiter sehen Entwicklung entspannt

Dass sich der Konzern mit der Elektromobilität verrannt hat, glaubt auch ein anderer Kollege, während er auf dem Weg zum Werkstor ist. Dort stehen nun auch Vertreter eines Fernsehsenders und sprechen mit Betroffenen. Der Mann in seiner Arbeitskleidung mit VW-Logo zieht davon unbeirrt weiter seine Schlussfolgerung: „Ich glaube, dass Entlassungen vor allem abteilungsspezifisch sind.“ Nach einem neuen Job sehe er sich nicht um. „Meine Arbeit hier gefällt mir sehr gut“, sagt er voller Überzeugung.

Um Druck zu erzeugen: bewusst negative Stimmung vor VW-Tarifverhandlungen?

Zwei junge Männer, die in einem großen Menschenpulk mit Kollegen die Treppe in Richtung Werkstor erklimmen, sehen die Situation ebenfalls entspannt. „Wir machen uns keine Sorgen um unsere Jobs“, sagt der eine. Der andere erklärt: „Gerade vor Tarifverhandlungen kann ich mir vorstellen, dass bewusst negative Stimmung gemacht wird, um Druck zu erzeugen.“

Gerade vor Tarifverhandlungen kann ich mir vorstellen, dass bewusst negative Stimmung gemacht wird, um Druck zu erzeugen.

VW-Mitarbeiter in Baunatal

Es sei also bewusste Politik zur Verunsicherung. Falls es doch zu Stellenkürzungen kommen sollte, wollen beide dennoch bei Volkswagen bleiben. „Notfalls müssen wir die Abteilung oder den Standort wechseln. Aber es gibt garantiert genug zu tun und VW ist ein sehr sicherer Arbeitgeber“, sind sich die beiden Kollegen einig, bevor sie ihren Weg fortsetzen, um pünktlich ihre Schicht anzutreten. (Raphael Digiacomo/Lena Langhoff)

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