Interview

„Für Europa unvorstellbar“: Wahlleiter aus Kreis Kasseler Partnerlandkreis berichtet von US-Wahlkampf

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Wahlleiter Scott McDonell aus dem Partnerlandkreis Dane County berichtet von US-Wahlkampf. Im Interview verrät er, wie der Kampf um Wählerstimmen läuft.

Dane County/Kreis Kassel – In 28 Tagen ist Präsidentschaftswahl in den USA. Fest steht schon jetzt: Wer ins Weiße Haus einzieht, trifft unter anderem mit seiner Nato-Politik auch Entscheidungen, die das Leben in Europa beeinflussen.

Scott McDonell von den Demokraten ist sogenannter County Clerk und Wahlleiter in Dane County, dem Partnerlandkreis des Landkreises Kassel. Im Gespräch mit unserer Zeitung schildert er, wie präsent der Wahlkampf im Alltag der US-Amerikaner ist und wie er die Stimmung im Swing-State Wisconsin wahrnimmt.

Interview mit Wahlleiter Scott McDonell vom Partnerlandkreis Dane County über US-Wahlkampf

ZUR PERSON

Scott McDonell (55) ist in Washington DC geboren. Nach Wisconsin zog er, um dort das College zu besuchen, an dem er die Fächer Geschichte und Politikwissenschaften belegte. Nun ist er County Clerk in Dane County, dem Partnerlandkreis des Landkreises Kassel.

Im deutschen politischen System gibt es keine Position, die mit der eines County Clerks vergleichbar ist. Der County Clerk wird alle vier Jahre von der Bevölkerung gewählt. Er oder sie koordiniert ein breites Spektrum an Verwaltungsaufgaben wie zum Beispiel das Ausstellen von Heiratslizenzen, Fahrzeugpapieren und Pässen.

Als Oberster Wahlleiter ist McDonell zudem für die Koordination der Wahlen in Dane County zuständig. Die Einwohnerinnen und Einwohner wählten McDonnell 2012 erstmals zum County Clerk und bestätigten ihn 2016 und 2020 im Amt. Bei der Wahl am 5. November wird nicht nur der neue Präsident gewählt, auch McDonell tritt ein weiteres Mal als Kandidat für das Amt des County Clerks an.

Fragen und Antworten haben wir ins Deutsche übersetzt:

Herr McDonnell, sorgen Sie sich um die Zukunft der USA?

Ja, ich bin besorgt um die Zukunft der USA, aber auch um die Zukunft anderer Länder. Mich beunruhigt die Art und Weise, wie wir Informationen konsumieren.

Auch Unterstützer von Harris stellen in den USA sogenannte Yard Signs auf.

Machen Sie sich auch aufgrund der Präsidentschaftswahl Sorgen?

Ja. Eventuell können wir aus der Wahl aber auch ein bisschen besser herausgehen als vor vier Jahren. Wer das Wahlergebnis anzweifelt, hat jetzt nicht mehr die Überraschung auf seiner Seite. Ich denke, die Menschen sind jetzt weniger anfällig für Falschinformationen. Aber es ist nicht so, als wären sie davor geschützt. Sorge macht mir, dass das Vertrauen in unser System nie wieder so groß sein wird, wie es einmal war. Jetzt, da Donald Trump gezeigt hat, dass man aus taktischen Gründen die Integrität der Wahl angreifen kann, werden das Leute auch in Zukunft ausprobieren. Eine Demokratie ist viel mehr ein Gentlemen’s Agreement als man denkt. Die Demokratie braucht auch den Glauben an die Demokratie.

Denken Sie Kamala Harris wird die Wahl gewinnen?

Das können wir nicht vorhersagen. Ich glaube, die Wahl wird sehr knapp – auch in Wisconsin. Bei den Wahlen 2016 und 2020 lagen zwischen Demokraten und Republikanern in Wisconsin nur etwa 20 000 Stimmen. Ich denke, Kamala hat gerade ein Hoch, aber Donald Trump sucht sein Gegenmittel und wird womöglich auch eines finden. Es wäre viel zu früh, ihn abzuschreiben.

Madison im Abendlicht: Die Hauptstadt von Wisconsin liegt in Dane County.

Wie groß ist die Bedeutung dieser Wahl?

Wir brauchen in den USA wieder zwei starke Parteien, die beide an unser politisches System glauben. Ich wünsche mir deshalb, dass Kamala Harris gewinnt. Uns kommt es mittlerweile gewöhnlich vor, dass Menschen ihre Macht wieder abgeben. Das macht Demokratien aber durchaus zu etwas Besonderem. Dass jemand bedingungslos an seiner Macht festhält, kam früher und kommt auch heute noch ziemlich häufig vor. Auch bei Trump ist zu beobachten: Er möchte in keinem Fall Macht abgeben. Das ist besorgniserregend.

Trump wird mit dem sogenannten „Project 2025“ in Verbindung gebracht. Die Pläne sehen vor, den US-amerikanischen Staat umzuorganisieren. Was plant Trump?

Er tut so, als wüsste er nicht, was das „Project 2025“ ist. Aber das glaubt niemand. Die Vorstellung, die Beamten im öffentlichen Dienst durch politisch Gleichgesinnte auszutauschen, ist sehr beunruhigend. Auch der christliche Nationalismus beunruhigt mich. Wir sind kein christliches Land, aber manche Menschen denken, wir sollten es sein.

Ist Donald Trump eine Bedrohung für die Demokratie?

Ja, er ist eine Bedrohung für die Demokratie. Bei den Dingen, die er sagt und tut, habe ich da keine Zweifel. Ziemlich überrascht bin ich davon, wie viele Republikaner sich daran nicht stören. Wir hatten seit langer Zeit keinen Demagogen wie ihn mehr in den USA. Bemerkenswert ist aber, dass Trumps Taktik nur für ihn zu funktionieren scheint. Andere Menschen versuchen ihn zu kopieren, können es allerdings nicht.

Wie erklären Sie sich die Unterstützung der Republikaner für Trump?

Es gibt zwei Arten von Republikanern. Die einen finden bestürzend, was Trump der Demokratie antut. Aber sie hassen liberale Politik, sind „Pro-Life“ und tolerieren es, weil sie der Meinung sind, dass der Zweck die Mittel heiligt. Sie mögen die Politik und haben Angst davor, dass Sozialisten an die Macht kommen. Dann gibt es aber auch Republikaner, die sich keine Sorgen um die Demokratie machen, weil sie in die Stärke unserer Institutionen vertrauen. Sie argumentieren: „Trump hat versucht, das Kapitol zu stürmen, aber es hat nicht funktioniert.“ Ihre Einstellung ist: „Ihr seid zu empfindlich. Es ist alles in Ordnung.“

Wie macht sich die Präsidentschaftswahl derzeit in Dane County bemerkbar?

In Dane County haben wir andauernd Besuche von Demokraten. Auch Kamala Harris war hier. Etwas, was sich bei allen eingebrannt hat, ist, dass Hillary Clinton nicht nach Dane County und nach Wisconsin kam. Sie hat sich gedacht, dass sie in Wisconsin gewählt wird und war dann überrascht, dass sie verlor. Aus diesem Grund können Kamala Harris und Tim Walz nicht nicht hierher kommen. Außerdem gibt es keine Fernsehwerbung mehr, die keine Wahlwerbung ist.

Die Demokraten sind in Dane County stark

Dane County liegt im US-amerikanischen Bundesstaat Wisconsin. Wisconsin gilt bei der Präsidentschaftswahl als sogenannter Swing State und ist deshalb besonders umkämpft. Seit 2007 gibt es eine Partnerschaft mit dem Landkreis Kassel.

Traditionell schneiden bei Wahlen in Dane County die Demokraten stärker ab als die Republikaner. 2020 stimmten 75 Prozent der Wähler für Biden und Harris. Laut Scott McDonell sind die Demokraten in kaum einer Region der USA so stark wie in Dane County.

„Jeder, der hier gewählt worden ist, ist ein Demokrat“, sagt McDonell über den Universitätsstandort. Eine Besonderheit von Dane County ist laut McDonell zudem, dass das County die am stärksten wachsende Region in Wisconsin ist.

Wirklich?

Wer im Fernsehen Werbung für eine Automarke machen möchte, hat es gerade nicht leicht. Das gilt zumindest für die fünf „Swing States“. Auffällig ist die Wahlwerbung auch im Internet, zum Beispiel, wenn man sich ein You- Tube-Video ansieht. Die Werbung ist da günstiger. Zusätzlich zu den beiden Wahlkampagnen machen vor der Wahl auch kleinere Gruppen Werbung. Ich glaube, was hier vor der Wahl los ist, ist für Euch in Deutschland und Europa unvorstellbar. Die Werbung ist außerdem wirklich sehr häufig sehr negativ. Zum Beispiel wird behauptet, Kamala Harris sei eine Kommunistin.

Sind Sie auch Teil der Wahlkampagne?

Ich versuche zu vermeiden, da zu sehr miteinbezogen zu werden, weil ich für die Auswertung der Wahl zuständig bin.

In Deutschland hat man den Eindruck, dass die USA politisch stark gespalten ist. Wie erhitzt ist die Stimmung?

Die Stimmung ist ziemlich erhitzt. Republikaner und Demokraten kommen aber schon noch miteinander aus. In Dane County ist die Situation noch relativ entspannt. Hier sind fast 80 Prozent der Wähler Demokraten. Die Republikaner sind recht still. Im Norden Wisconsins ist die Stimmung erhitzter. Dort gibt es mehr Republikaner. Ein Beispiel beschreibt die politische Stimmung vielleicht ganz gut: Vor etwa 20 Jahren hat man sein Yard Sign (redaktionelle Anmerkung: kleines Werbeschild) im Vorgarten) aufgestellt und nichts ist passiert. Jetzt ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es geklaut wird.

Welche Formen von Wahlwerbung gibt es noch?

Sie schreiben uns die ganze Zeit! Meistens versuchen Sie, Geld zu sammeln. Ich bekomme wirklich jeden Tag eine Nachricht von meiner Senatorin Tammy Baldwin. Jeder hier bekommt diese Nachrichten. Außerdem bekommt man Telefonanrufe und wird gefragt, für wen man wählen wird. Darunter sind auch Anrufe, die wir Push-Polls nennen. Sie fragen: „Würden Sie für Kamala Harris stimmen, wenn Sie wüssten, dass sie eine Kommunistin ist, die Kriminelle aus dem Gefängnis befreit?“ Das machen beide Seiten. Manchmal bekommen wir auch Anrufe und werden aufgefordert, zur Wahl zu gehen. Und teilweise klopfen sie auch an deine Haustür und fragen, ob man schon gewählt hat. Das ist für eine lange Zeit super intensiv. Den ganzen Sommer und Herbst geht das schon so. Ich bin immer neidisch auf England, wo innerhalb eines Monats alles vorbei ist.

Ein Beispiel für ein sogenanntes Yard Sign. Schilder wie diese stellen US-Bürger in ihren Vorgärten auf.

Und der Wahlkampf wird vermutlich noch intensiver, oder?

In gewisser Weise hat der Wahlkampf seinen Höhepunkt bereits erreicht. Wie gesagt: Es gibt eben nur eine bestimmte Zahl an Werbeplätzen im Fernsehen.

Wie hat die Kandidatur von Kamala Harris die politische Stimmung verändert?

Von bedrückt wechselte die Stimmung zu „Wir werden Geschichte schreiben“. Es war eine vollständige Kehrtwende. Sie hat zwei Basketball-Arenen zur gleichen Zeit gefüllt.

Gibt es in den USA ein Bewusstsein dafür, wie aufmerksam die Wahl international verfolgt wird?

Ich glaube, 99 Prozent haben davon keine Ahnung und sie interessieren sich dafür auch nicht. Ich weiß noch, dass kurz bevor Obama gewählt worden ist, hier mehrere europäische Lehrer zu Besuch waren. Sie waren sehr beunruhigt und wir konnten ihnen sagen: „Keine Sorge, er wird gewinnen. Die Wahl hat er in der Tasche.“ Manchmal weiß man, wie die Wahl ausgeht. Dieses Mal weiß ich es nicht. Ich bin mir aber sicher: Wenn die Republikaner einen normalen Kandidaten aufgestellt hätten, würden sie die Wahl gewinnen.

Denken Sie, Trump würde eine Wahlniederlage akzeptieren?

Nein. Aber ich denke, darauf sind wir vorbereitet. Es könnte sein, dass es deshalb zu Problemen kommt, aber ich glaube nicht, dass das eine Amtszeit von Kamala Harris verhindern könnte. (Maike Lorenz)

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Rubriklistenbild: © Scott McDinell/NH

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