Hessentag

Kritik am zehntägigen Landesfest: „Der Hessentag ist ausgeufert“

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Joachim Papendick vom Bund der Steuerzahler kritisiert den Hessentag. Im Interview spricht er über Kosten, Konzerte und die Konkurrenz der Landesgartenschau

Pfungstadt - Seit 60 Jahren gibt es den Hessentag, und gefühlt ebenso lange kritisiert der Steuerzahlerbund Hessen das Fest als zu lang und zu teuer. Wir haben den langjährigen Vorsitzenden des Steuerzahlerbunds, Joachim Papendick, gefragt, was er für angemessen hält.

Viel los war am Wochenende auf der Hessentagsstraße auf dem Festplatz Gambrinus.

„Dreitägiges Fest würde ausreichen“ - Hessentag ist laut Steuerzahlerbund zu lang und zu teuer

Herr Papendick, Sie als Vorsitzender des Steuerzahlerbunds Hessen fordern, man solle sich beim Hessentag auf die Ursprünge besinnen. Was wäre Ihnen dabei wichtig?
Wir sind der Auffassung, dass ein dreitägiges Fest, so wie das in den ersten Jahren ja auch der Fall war, vollkommen ausreichen würde. Es gibt beim Hessentag inzwischen einen Gigantismus, der auch eine Menge Geld kostet.
Was kann als Erstes weg? Die vielen Fahrgeschäfte oder doch eher die großen Konzerte?
Grundsätzlich finde ich es schon eine gute Sache, ein Landesfest auszurichten, auf dem man zusammenkommt, unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund trifft, wo man die hessischen Traditionen sehen kann und auch Zugewanderte ihre Traditionen zeigen können. Man braucht aber sicher nicht einen Besucherrekord nach dem anderen, für die man in manchen Jahren internationale Stars wie beispielsweise Elton John oder Bryan Adams geholt hat.
Aktuell kommen die Stars aus Deutschland, wie etwa Andrea Berg, Silbermond oder Sarah Connor. Passt das Ihrer Ansicht nach besser zum Hessentag?
Das kann man schon machen, aber wenn das Fest drei statt zehn Tage dauern würde, käme man auch mit weniger Konzerten gut aus.

Der Bund der Steuerzahler

Joachim Papendick (56) ist Vorsitzender der Bundes der Steuerzahler Hessen. Er führt den Verband seit Januar 2013.

Der Bund der Steuerzahler Hessen hat in Hessen nach eigenen Angaben rund 13 000 Mitglieder. Bundesweit sind danach es etwa 200 000. Er finanziert sich aus Mitgliedsbeiträge und Spenden.

„Es scheint ausgeufert zu sein“- Steuerzahlerbund vergleicht Hessentag mit anderen Landesfesten

Sie haben die Besucherrekorde angesprochen. Regelmäßig kommen so um die eine Million Menschen. Das Interesse am Hessentag scheint also schon groß zu sein. Sie stehen als Steuerzahlerbund mit Ihrer Forderung nach weniger Party so ein bisschen als der Spaßverderber da. Wie gehen Sie damit um?
Es geht nicht darum, dass wir den Hessen das Feiern nicht gönnen. Es scheint uns nur alles sehr ausgeufert zu sein. Für eine schöne Veranstaltung kommt es vielleicht auch nicht darauf an, dass eine Million Menschen oder mehr kommen. Andere Bundesländer begnügen sich bei ihren Landesfesten mit maximal drei Tagen, es finden auch nicht alle Landesfeste jährlich statt. Ein zehntägiges Fest kennt man in anderen Bundesländern gar nicht. In Rheinland-Pfalz hat man das Landesfest sogar einmal verschoben, weil man dort turnusgemäß mit der Ausrichtung der Feierlichkeiten zum 3. Oktober dran war. Schließlich kostet so etwas eine Menge Geld des Steuerzahlers.
In Hessen wurde der Zuschuss etwas reduziert. Das Land gibt bis zu 6,5 Millionen Euro für Investitionen dazu, weitere zwei Millionen für den Festbetrieb. Insgesamt also 8,5 statt zehn Millionen Euro. Haben Ihre anhaltenden Mahnungen also etwas bewirkt?
Das war ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Man muss aber sehen, dass diese 8,5 Millionen nur ein kleiner Anteil dessen sind, für was der Steuerzahler geradestehen muss.

8,5 Millionen Kosten sind nicht die ganze Wahrheit - Steuerzahlerbund schätzt 20 Millionen für Hessentag

Was kommt noch obendrauf?
Die ausrichtenden Kommunen müssen selbst zusätzliches Geld investieren, dann gibt es regelmäßig ein Defizit bei der Durchführung, bei dem noch Geld obendrauf kommt, da reichen die zwei Millionen des Landes nie. Gerade mussten die Pfungstädter notgedrungen noch 1,9 Millionen Euro zusätzlich genehmigen, damit der Hessentag überhaupt stattfinden konnte. Dazu kommen die Kosten etwa für den Einsatz und die Öffentlichkeitsarbeit der Polizei, die Repräsentation von Landesregierung, Behörden und Landtagsfraktionen, auch die Sonderausstellung der Bundeswehr kostet natürlich Steuergeld. Da kommt man insgesamt regelmäßig auf mehr als 20 Millionen Euro.

Highlights am Mittwoch, 7. Juni, und Donnerstag, 8. Juni:

Mittwoch, 10-19 Uhr:Tischtennis-Schnuppermobil mit Geschwindigkeitsmessgerät und Tischtennis-Roboter, im Merck Fit&Fun-Park, Friedenspark zwischen Theodor-Heuß-Straße und Christian-Stock-Straße

Mittwoch, 11 Uhr: Auftritt des „Aartal-Duos“ im Festzelt auf dem Platz der Bundeswehr an der Friedensstraße

Mittwoch, 17:30 Uhr: „Furyhouse“ spielt Songs von Fury in the Slaughterhouse, Platz der Polizei, Kaplaneigasse

Mittwoch, 19 Uhr: „Mit Gott an der Bar“ – Musik, Getränke und Talk in der katholischen Kirche St. Antonius, Bahnhofstraße 29

Donnerstag, 10-18 Uhr: Aktionsstand „Global denken – lokal handeln“ der Weltläden in Hessen. Bis 10. Juni für Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Haus der Vielfalt, Kirchstraße 28

Donnerstag, 13-18 Uhr: Mitmachaktionen „Werkeln, gestalten und entdecken“ für Familien in der Kirchmühle, Kirchstraße 31

Donnerstag, 13-19 Uhr: Jugendaktionstag „lucky charm“. Glück im Spiel finden, Glücksmomente erleben und Glücksbringer basteln an der Glückskirche, Kirchstraße 33

Donnerstag, 19.30 Uhr: Konzert der Punkband „Broilers“ in der Sparkassen-Arena, Christian-Meid-Straße 11. Karten gibt es auf eventim.de

Donnerstag, 20 Uhr: Auftritt des Rappers „Danger Dan“ im Hessentags-Festzelt, Friedensstraße. Auf eventim.de gibt es Tickets. ann

Mit dem Geld wird die jeweilige Kommune aber doch auch aufgewertet, werden Bahnhöfe, Straßenzüge, Plätze oder Parks neu gestaltet. Da bleibt doch was hängen, oder?
Ja, das stimmt natürlich. Wenn die Investitionskostenzuschüsse des Landes sinnvoll eingesetzt werden. Wir hatten mal Weilburg in unserem Schwarzbuch, weil dort zum Hessentag ein Parkhaus gebaut wurde, das später kaum jemand nutzte. Selbst wenn das Geld klug investiert wird und es die Kommune voranbringt, wozu braucht es dafür einen Hessentag? Die Landeszuschüsse werden ja oft einfach nur zeitlich vorgezogen und könnten auch ohne zehn Tage Party zugewiesen werden. Tatsächlich setzt man sie doch als Lockmittel ein, damit sich überhaupt Ausrichterstädte finden.

„Landeszuschüsse deckeln“ - Steuerzahlerbund schlägt anderen Turnus für Feste vor

Setzt Pfungstadt die Mittel vernünftig ein?
Wir haben aktuell keine Hinweise darauf, dass die Investitionskostenzuschüsse in Pfungstadt schlecht eingesetzt werden. Man muss aber beobachten, wie sich das Durchführungsdefizit entwickelt. Die Gründe, die nun zur Kostensteigerung geführt haben, also höhere Kosten für Veranstaltungen, Sicherheit und Personal oder die gestiegenen Preise für Energie, die bleiben ja auch künftig erhalten. Das ist einmal mehr ein Grund, das Hessentagskonzept auf den Prüfstand zu stellen.
Stichwort Landesgartenschau. Die läuft gerade in Fulda. Sollte man Ihrer Ansicht nach häufiger eine solche Gartenschau ausrichten, weil dort für die Stadtentwicklung gerade auch in nachhaltiger und ökologischer Hinsicht mehr zu erwarten wäre, und dafür die Dauer und Häufigkeit eines Hessentags beschränken?
Es wäre sinnvoll, die Landeszuschüsse für solche Veranstaltungen pro Jahr zu deckeln. Man könnte sicher abwechseln, alle vier Jahre eine Gartenschau, dazwischen den Hessentag. Im selben Jahr einen Hessentag und zugleich eine Landesgartenschau auszurichten, das scheint mir übertrieben.
Joachim Papendick (56) ist Vorsitzender der Bundes der Steuerzahler Hessen. Er führt den Verband seit Januar 2013.

Rubriklistenbild: © Monika Müller

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