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Weniger Arbeitszeit, gleiches Gehalt: Malerbetrieb im Kreis Gießen setzt auf Vier-Tage-Woche

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Der Malerbetrieb Großhaus aus Pohlheim im Landkreis Gießen führt die Vier-Tage-Woche ein. Mit dem Konzept ist der Betrieb in Hessen nicht allein.

Gießen - Die Work-Life-Balance ist Thema in vielen Betrieben im Landkreis Gießen. Der Pohlheimer Malermeister Dirk Großhaus führt deshalb die Vier-Tage-Woche ein und erhofft sich glücklichere Mitarbeiter.

Die Rechnung ist einfach: Wer vier statt fünf Tage arbeitet, sei produktiver und seltener krank, so hat es eine Studie aus England ergeben. Das nehmen sich auch immer mehr Betriebe in Deutschland zum Beispiel und reduzieren Zahl der wöchentlichen Arbeitstage. Seit heute testen auch Malermeister Dirk Großhaus aus Garbenteich und seine Mitarbeiter die Vier-Tage-Woche.

Nur vier Tage arbeiten, dann drei Tage Zeit für Familie, Freunde und Hobbys - für Großhaus eine »Win-Win-Situation« für alle Beteiligten. Freitags ist künftig - mit Ausnahmen - frei. Durch das lange Wochenende haben alle längere Ruhezeiten und wegen der Brückentage werden weniger Urlaubstage verbraucht. Private Termine wie Arztbesuche lassen sich besser koordinieren, es fällt weniger Fahrzeit und ein geringerer Spritverbrauch für Touren zu den Baustellen an, zählt Großhaus die Vorteile seines Konzepts auf.

„Gerade für die Älteren eine Entlastung“: Malerbetrieb ist die Erholung seiner Mitarbeiter

Besonders wichtig war ihm jedoch die Erholung seiner sechs Angestellten: »Ich habe auch Mitarbeiter in meinem Alter und habe mir gedacht, dass es gerade für die Älteren eine Entlastung darstellen würde.«

Im Malerbetrieb Dirk Großhaus in Garbenteich gilt seit heute die Vier-Tage-Woche.

Als dann die Gießener Handwerksfirma Thiele im Januar die Vier-Tage-Woche einführte, sei das auch für ihn ein Startsignal gewesen, erzählt Großhaus. Jedoch kam es für ihn nicht in Frage, seine Mitarbeiter täglich zehn Stunden arbeiten zu lassen.

»›Wenn du glaubst, dass wir dann zehn Stunden am Tag arbeiten, irrst du gewaltig‹, war das erste das ich zu hören bekommen habe«, erzählt Großhaus aus der Betriebsversammlung, bei der er seinem Personal das Vorhaben vorstellte.

Landkreis Gießen: Betrieb startet Vier-Tage-Konzept und verteilt Arbeitszeit um

»Es gibt Vier-Tage-Konzepte, an denen die Arbeitszeit von fünf, einfach auf vier Tage umverteilt wird. Aber im Sommer zehn Stunden im prallen Sonnenschein auf einem Baustellengerüst stehen, das hält niemand längere Zeit durch«, sagt Großhaus.

Darum hat er mit seinem Team ausgemacht, dass es an den vier Arbeitstagen pro Woche lediglich eine halbe Stunde mehr arbeitet. Zusätzlich kommt ein Freitag pro Monat mit acht Stunden hinzu.

»Zusammengerechnet sind wir dann bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 38 Stunden, die geleistet werden müssen«, so Großhaus. Ohne Einbußen beim Gehalt. Allerdings fällt Urlaubszeit weg: »Statt der bislang 30 Urlaubstage, haben meine Mitarbeiter nur noch 25. 36 Arbeitstage weniger im Jahr und dafür fünf Urlaubstage verlieren, klingt nach einer guten Rechnung für mich.

Landkreis Gießen: Malerbetrieb mit Vier-Tage-Konzept - Zweiter in Hessen

Der Malerbetrieb Großhaus ist der fünfte seiner Art, der auf dem Gebiet der Bundesrepublik und der zweite in Hessen, der die Vier-Tage-Woche einführt - ein Malerbetrieb in Friedberg kam ihm zuvor. Der Geschäftsführer sieht durch die reduzierte Arbeitszeit beinahe nur Vorteile: »Ich hoffe, dass meine Mitarbeiter dann erholter und zufriedener bei der Arbeit sind. Vielleicht klappt es so auch, die eine oder andere Fachkraft für meinen Betrieb zu gewinnen.«

Auf der Negativseite kann er bislang nur einen möglichen Aspekt entdecken: »Ich bin mir nicht sicher, was unsere Kunden dazu sagen, dass wir freitags nicht mehr arbeiten. Ich hoffe einfach, dass sie Verständnis für die Entscheidung haben.«

Ein wichtiger Punkt, den man auch bei der zuständigen Handwerkskammer in Wiesbaden zur Einführung eines solchen Konzepts sieht: »Ob eine Vier-Tage-Woche umsetzbar ist, hängt nicht zuletzt von der Vereinbarkeit mit der betrieblichen Arbeitsorganisation ab, aber auch von der Branche und der Vereinbarkeit mit dem jeweiligen Geschäftsmodell. Das Modell muss für Betrieb, Beschäftigte und nicht zuletzt für Kunden passen«, sagt Bernhard Mundschenk, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Wiesbaden.

Landkreis Gießen: Vier-Tage-Woche wird „Fachkräftemangel wohl nicht lösen“

Zur Bekämpfung des herrschenden Fachkräftemangels, unter dem das Handwerk besonders stark leidet, ist das Arbeitszeit-Modell aus Sicht der Kammer jedoch nur wenig geeignet: »Allein das Angebot einer Vier-Tage-Woche wird das Problem des Fachkräftemangels nicht lösen können«, sagt Mundschenk.

Vorerst gilt das neue Arbeitszeitmodell im Malerbetrieb Großhaus bis Ende des Jahres: »So lange wollen meine Mitarbeiter und ich schauen, wie es läuft und ob es Probleme gibt.« Danach wird entschieden, ob der Praxis-Test zum Dauerkonzept wird. Der Geschäftsführer ist jedoch schon heute sicher, dass sich seine Mitarbeiter für die Weiterführung entscheiden werden.

Mehr noch: »Die Vier-Tage-Woche wird das Modell der Zukunft sein und viele Nachahmer finden«, ist sich der Unternehmer sicher. Ein Grund mehr für den Malermeister, schon jetzt damit loszulegen: »Ich wollte einer der ersten sein, die so etwas anbieten. Wenn es erst einmal alle machen, ist das ja nichts besonderes mehr.«

(Constantin Hoppe)

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