Vor- und Nachteile

Kommt das Glyphosat-Verbot auch in der Landwirtschaft? Die Natur würde nicht nur profitieren

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Der Einsatz von Herbiziden ist besonders im Frühjahr ein häufiger Anblick auf landwirtschaftlichen Flächen. Trotz eines drohenden Verbots halten viele Landwirte am Einsatz von Glyphosat fest. SYMBOLBILD: DPA
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Sollte Glyphosat nicht mehr erlaubt sein, wird die Feldarbeit deutlich anstrengender. Das sagen Landwirte aus dem Landkreis Gießen zum möglichen Verbot.

Kreis Gießen - Schon seit Jahren steht der Einsatz des Herbizids Glyphosat in der Kritik und wird mit Insektensterben und Krebserkrankungen in Verbindung gebracht. Kleingärtner dürfen das Mittel seit zwei Jahren nicht mehr nutzen. Doch Landwirte schwören noch immer darauf. Warum das so ist, erklärt Daniel Seipp, Vorsitzender des Kreisbauernverbands.

Daniel Seipp ist anzumerken, dass die Diskussion um das Verbot von Glyphosat ihn etwas dünnhäutig gemacht hat. Besonders eine Begrifflichkeit ärgert ihn in der gesamten Diskussion: »Es wird im Zusammenhang mit Glyphosat immer von einem Pestizid gesprochen. Das ist Quatsch, es ist ein Herbizid. Den Leuten wird suggeriert, Glyphosat sei etwas ganz anderes als es wirklich ist«, sagt er.

Ohne Glyphosat steigt der Arbeitsaufwand für Landwirte

Die Bundesregierung plant, zum 1. Januar 2024 die Nutzung von Glyphosat komplett zu verbieten. Das dürfte viele Landwirte vor neue Herausforderungen stellen. Denn rund 80 Prozent der weltweit genutzten Unkrautvernichtungsmittel enthalten diesen Wirkstoff. Das Totalherbizid wird es zur Bekämpfung unerwünschter Un- oder Beikräuter auf Ackerflächen eingesetzt.

Werden Pflanzen mit Glyphosat behandelt, ist das Bild meist das gleiche: Die Blätter werden erst gelb, dann braun und schließlich stirbt die gesamte Pflanze ab. Nur wenige herbizidresistente Pflanzen können der Wirkung entgehen.

Auf den landwirtschaftlichen Flächen wird das Mittel vor allem vor der Saat angewandt, um unerwünschte Pflanzen von den Flächen zu entfernen. Dazu gehören etwa der Ackerfuchsschwanz oder der Ehrenpreis. Und genau hier sieht Seipp die Krux bei der Sache: »Wenn wir Landwirte kein Glyphosat mehr einsetzen dürfen, müssen die Böden stärker maschinell bearbeitet werden.« Das sei nicht besser für die Bodenqualtiät und zugleich deutlich arbeitsaufwändiger.

Kreis Gießen: Pflugfreie Bearbeitung des Bodens hat zahlreiche Vorteile

Neben dem Herbizideinsatz können die sogenannten Ackerunkräuter auch durch Pflügen oder etwa Grubbern entfernt werden. »Doch gerade die heimischen Böden mit dem hohen Tongehalt vertragen das Pflügen nicht so gut«, sagt Seipp. Zumal dadurch auch nützliche Lebewesen wie etwa Regenwürmer zu tief unter die Erde befördert würden. »Wenn man die ganzen Käfer und Würmer im Boden 20 bis 30 Zentimeter unter die Erde bringt, bekommt das ihnen nicht sehr gut«, erklärt Seipp. Deshalb schwört er bei seinen Flächen um Muschenheim auch auf die pfluglose Bearbeitung und damit den Einsatz von Glyphosat.

Eine Bearbeitungsweise ohne Pflug biete laut Seipp noch weitere Vorteile: »Es bleibt so deutlich mehr Biomasse im Boden erhalten, und der Boden hat eine höhere Fähigkeit, Wasser zu halten. Auch die Erosion nimmt ab.« Gerade in trockenen Sommern, wie etwa im vergangenen Jahr, sei das ein großer Vorteil. Zudem sinkt der Kraftstoffverbrauch für die Landwirte, da weniger Bearbeitungsgänge nötig werden - was mit einer deutlichen Zeitersparnis einhergehe. Seipp spricht sich deshalb für eine Beibehaltung des Status Quo aus. Ganz davon abgesehen, dass durch ein Verbot vermutlich viele Landwirte auf andere, schlechter bekannte Mittel, zurückgreifen würden.

Umstrittenes Herbizid: Wie gefährlich ist Glyphosat?

Doch der Glyphosat-Einsatz erfährt viel Kritik. Die WHO-Krebsforschungsagentur sieht etwa klare Hinweise auf eine »wahrscheinlich krebserregende Wirkung« von Glyphosat. Auch diese Einschätzung ist unter Experten allerdings nicht unumstritten. Die Europäische Chemikalien-Agentur (ECHA) kam im vergangenen Jahr nach Überprüfung der wissenschaftlichen Erkenntnisse erneut zu dem Schluss, dass Glyphosat als »nicht krebserregend« einzustufen ist.

Naturschutzverbände sehen das anders, sie bringen den Wirkstoff mit dem Rückgang der Insektenpopulation in Verbindung. Der NABU Deutschland etwa kritisiert, dass Glyphosat für den Rückgang zahlreiche seltener Wildkräuter und Gräser verantwortlich ist. »Durch die Vernichtung von Ackerwildkräutern und dem damit einhergehenden Verlust von Nahrungsquellen und Lebensräumen, tragen Herbizide zum Rückgang der biologischen Vielfalt bei«, heißt es von dieser Seite. Die Insektenpopulationen würden unter dem Rückgang dieser Pflanzen leiden - die Insekten wiederum seien Nahrungsquelle für Vögel und Fledermäuse.

Aus diesen Gründen ist der Einsatz von Glyphosat in Haus- und Kleingärten bereits seit 2021 verboten. Auch die Deutsche Bahn hat zu Beginn des Jahres den Verzicht auf eine Glyphosat-Nutzung entlang der Bahnstrecken erklärt.

Glyphosat-Verbot noch unsicher

Ob allerdings ein generelles Verbot von Glyphosat in Deutschland in Kraft treten kann, steht derweil noch in den Sternen. Das europäische Parlament hat für Glyphosat eine Zulassung innerhalb der EU bis zum 15. Dezember 2023 beschlossen - eine mögliche Verlängerung steht noch aus. Sollte die EU-Zulassung verlängert werden, dürfen einzelne Nationalstaaten kein komplettes Verbot des Mittels erlassen. In diesem Fall wäre lediglich eine Einschränkung der Nutzung zulässig. Aus diesem Grund hat erst Anfang April ein Gericht in Luxemburg das dort geltende, landesweite Verbot von Glyphosat aufgehoben. (con)

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