Wenn Opa und Oma ausfallen

Kitas im Landkreis kämpfen um Fachkräfte und mit steigenden Kosten

+
Dirk Langheld ist als pädagogischer Geschäftsführer im Zweckverband Evangelische Tageseinrichtungen für Kinder im Kirchenkreis Hersfeld-Rotenburg Nord tätig.
  • schließen

Fachkräftemangel, Krankheitswellen und knappe Kassen setzen den evangelischen Kitas bundesweit zu, auch im Landkreis Hersfeld-Rotenburg bleibt das nicht aus.

Bad Hersfeld – Obwohl viele Kommunen die kirchlichen Einrichtungen erheblich unterstützen – mit einem Anteil von bis zu 92 Prozent der Kosten wie im Falle Wildeck – sieht Geschäftsführer Dirk Langheld die Kitas in kirchlicher Trägerschaft im Zweckverband Evangelische Kindertageseinrichtungen im Kirchenkreis Hersfeld-Rotenburg gut aufgestellt. Im Zweckverband Nord ist Langheld für acht Einrichtungen von Wildeck bis Rotenburg zuständig – und die könnten schon bald mit den zwölf Einrichtungen aus dem Bereich Süd, von Heringen bis Niederaula, verschmelzen. Zu einer möglichen Fusion und wie der Kita-Träger zukunftsfähig bleibt, hat Langheld unserer Zeitung berichtet.

Überall herrscht Fachkräftemangel in den Kitas. Wie ist die Lage der evangelischen Kitas im Landkreis im Bereich Nord?
Ich sage immer: Fachkräftemangel ist nicht gleich Fachkräftemangel. Also wir haben natürlich immer wieder Krankheitsfälle und das ist eine Herausforderung für Erzieherinnen und Erzieher. Einen generellen Fachkräftemangel haben wir aber im Bereich Nord noch nicht. Trotzdem müssen wir von Zeit zu Zeit die eine oder andere Gruppe kurzfristig schließen oder bitten die Eltern, ihre Kinder früher abzuholen. Ein Großteil der Eltern hat aber Verständnis für solche Maßnahmen. Das ist aber ein bundesweites Problem. Wir sind in einem Zweckverband aber auch sehr flexibel, was das Personal angeht. Dann wird schnell reagiert: Sind in einer Kita viele Mitarbeiter krank, bitten wir Erzieher aus anderen Einrichtungen, einzuspringen. Das ist ein genereller Vorteil zu Kitas, die keinem Trägerverbund angehören.
Und nicht nur Fachkräfte sind schwer zu bekommen, die Gebäude gehören auch immer seltener den Kirchen. In Bebra-Solz haben wir es gerade gesehen, dort muss die Stadt 89 Prozent der Kosten des 2,1 Millionen Euro teuren Projekts stemmen. Kann sich die evangelische Kirche ihre Kitas in der Zukunft noch leisten?
Auf die Situation in der Kita in Solz geblickt, kann ich nur sagen: Die Kirchengemeinde wird Bauherr des Neubaus. Die Gebäude befinden sich im Besitz der Kirchengemeinde. Zu den genauen Vertragskonditionen möchte ich nichts sagen. Auf die Frage, ob sich die Kirche ihre Kitas in Zukunft noch leisten kann, muss ich sagen, es ist natürlich so, dass die evangelische Kirche haushalten muss, wir haben zurückgehende Mitgliederzahlen und steigende Kosten. Das ist mit Sicherheit eine der herausfordernden Zukunftsfragen und damit beschäftigt sich die Landeskirche. Entscheidung und Entwicklung bleiben abzuwarten, das wird sich in den kommenden Jahren zeigen.
Eine Idee, die Kirche finanziell zu entlasten, ist ja immer wieder im Gespräch: die Zusammenlegung der Bereiche Süd und Nord, wie ist da der Stand?
Die Zweckverbände Nord und Süd kooperieren bereits sehr erfolgreich. Eine Fusion ist hier zukünftig nicht ausgeschlossen, aber zum derzeitigen Zeitpunkt ist es kein Thema. Die Zusammenarbeit funktioniert gut, wir haben zusammengerechnet 20 Kitas, von Wildeck bis Haunetal und Rotenburg bis Niederjossa. Das sieht dann praktisch so aus, dass wir unter anderem gemeinsame Dienstbesprechungen haben. Durch die Zusammenarbeit beider Zweckverbände finden Mitarbeiter in beiden Bereichen die gleichen Strukturen und Arbeitsbedingungen vor.
Das heißt, Angestellte müssen flexibel einsetzbar sein?
Ja, alle Mitarbeiter sind bereit, auch in anderen Kitas einzuspringen. Wir haben aber spezielle Verträge mit Erzieherinnen und Erziehern geschlossen, die als Springer eingesetzt werden können. Im Bedarfsfall kann dann entweder ein Springer oder eine andere Mitarbeiterin aushelfen. Da schaut man, wer bereit dazu ist, für wen das möglich ist. Besonders in den ganz normalen saisonalen Krankheitswellen kommt das zum Tragen. Aber was wir heute spüren: Die Corona-Pandemie hat die Kitas mitunter schwer belastet. Ich habe das Gefühl, dass einige Erzieherinnen seit der Pandemie erschöpft sind, das heißt, wir haben auch einige Langzeiterkrankte, die vertreten werden müssen. Das Gute ist, dass wir im Zweckverband einen guten Personalschlüssel haben, damit dass es bei Ausfällen nicht gleich eng wird.
Wie reagieren Eltern auf kurzfristige Schließungen?
Viele Eltern haben Verständnis. Sie haben auch mit städtischen Verhältnissen zu tun, die längst auf dem Land angekommen sind. Früher gab es Mehrfamilienhäuser im ländlichen Raum, das hat sich in den letzten Jahren verändert. Viele können nicht mehr auf Familienmitglieder zur Betreuung der Kinder in der unmittelbaren Nähe zurückgreifen. Ein anderer Trend ist, dass die Großeltern oft selbst noch im Arbeitsleben stehen und nicht für die Kinderbetreuung zur Verfügung stehen. Dafür müssen wir als Kita bei der Kinder-Betreuung Verständnis haben.
Brauchen Kinder heute mehr Betreuung, als noch vor Jahren?
Es gibt Kinder, sie stellen eine Herausforderung dar. Das ist ein Unterschied zu früher. Viele sind sozial und emotional zu fördern, um mit anderen Menschen interagieren zu können und um ihr Verhalten positiv zu prägen. Diese Kinder benötigen gute Pädagogik und eventuell therapeutische Begleitung. Diese Herausforderung merken wir jeden Tag. Die Ursachen hierfür sind vielfältig, ein Grund ist, dass wir heute schnelllebiger unterwegs sind. Viel liegt vermutlich auch an biologischen Faktoren, an dem Erziehungsverhalten und dem größeren Medienkonsum.
Wenn Sie als Chef des Zweckverbandes im Landkreis für den Bereich Nord auf ihre Kitas schauen, wo können Sie ruhig durchatmen?
Mich freut, dass wir noch genug Personal haben. Wir haben auch das Alleinstellungsmerkmal, im Vergleich zu nicht konfessionellen Kitas, dass nicht nur pädagogisch gearbeitet wird, sondern auch religionspädagogisch. Das ist aus meiner Ansicht das Erfolgsmodell schlechthin. Um gute pädagogische Arbeit leisten zu können, brauchen wir qualitativ gut ausgebildete Fachkräfte, das beginnt früh, denn nur gute Schulen bringen gute Erzieher hervor. Aber wir schauen auch, wie der Quereinstieg gelingt. Derzeit haben wir eine potenzielle Quereinsteigerin, die aus dem Bereich Hauswirtschaft kommt und Erfahrung mit der Arbeit mit Kindern hat. Aber auch Menschen mit Migrationshintergrund bereichern die Kitas und bringen interkulturelle Erfahrung mit.
Und was beunruhigt Sie?
Wenn ich nach vorne schaue, dann besorgt mich, dass laut dem Deutschen Kitaverband bundesweit über 100 000 Erzieher fehlen. Bis 2030 rechnen Studien sogar mit 230 00 fehlenden Fachkräften, umso wichtiger ist, dass die Ausbildung qualitativ gut ist und auch vergütet wird. Immerhin ist Erzieher der schönste und sicherste Beruf der Welt, denn solange es Kinder gibt, braucht es auch Erzieher. Als Träger wollen wir deshalb auch rührig sein und gehen bei Ausbildungs- und Berufsmessen für Erzieherinnen und Erzieher aktiv auf die Menschen zu und werben neue Auszubildende und Mitarbeiter an. Wir gehen dem Fachkräftemangel aktiv entgegen, bevor es zu einem echten Mangel kommt.

Zur Person

Dirk Langheld ist 55 Jahre alt und Vater eines Pflegesohnes sowie einer Tochter. Er lebt in Rotenburg und ist seit August vergangenen Jahres als pädagogischer Geschäftsführer im Zweckverband Evangelische Tageseinrichtungen für Kinder im Kirchenkreis Hersfeld-Rotenburg Nord zuständig. Besonders die Ausbildung von Fachkräften sowie eine Vergütung während der Ausbildung liegt dem Geschäftsführer am Herzen. (kmh)

(Kim Hornickel)

Kommentare