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Pflegern in einem Seniorenheim wird viel abverlangt: körperliche Belastbarkeit, psychische Stabilität und viel Feingefühl im täglichen Umgang mit den Heimbewohnern.
Kreis Kassel – Dabei sind Arbeitsbelastung und Leistungsdichte in der Regel dauerhaft hoch – und das bei oft zu dünner Personaldecke.
Dass es dabei zu Qualitätsproblemen verschiedener Art kommen kann, liegt auf der Hand. Welche Indizien auf Qualitätsmängel in der Pflege hinweisen, das zeigt jetzt der neue Qualitätsatlas Pflege der AOK. Er hat die Pflegesituation in ganz Deutschland für die Jahre 2017 bis 2021 vergleichend untersucht.
Daten von 350 000 Pflegeheimbewohnern ausgewertet
Für den Qualitätsatlas Pflege hat das Wissenschaftliche Institut der AOK Abrechnungsdaten aus der Kranken- und Pflegeversicherung gesammelt, nach typischen Versorgungsaspekten geordnet und schließlich den einzelnen Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland zugeordnet. So wird Vergleichbarkeit hergestellt. Insgesamt wurden Daten von 350 000 Pflegeheimbewohnern ab 60 Jahren berücksichtigt. Folgende Versorgungsaspekte wurden untersucht:
- Krankenhausbesuche wegen Dekubitus
- Dauermedikation demenziell Erkrankter mit Schlaf- und Beruhigungsmitteln
- Krankenhauseinweisungen von Demenzkranken wegen Flüssigkeitsmangels
- Vermeidbare Krankenhausaufenthalte am Lebensende
- Fehlende augenärztliche Vorsorge bei Diabetes
- Dauerverordnung von Antipsychotika bei Demenz
- Die gleichzeitige Verordnung von neun oder mehr Wirkstoffen
- Der Einsatz von für ältere Menschen ungeeigneter Medikation
- Die Häufigkeit besonders kurzer Krankenhausaufenthalte von bis zu drei Tagen
- Vermeidbare Krankenhausaufenthalte wegen Stürzen.
Der Landkreis Kassel schneidet dabei gar nicht so schlecht ab. Aber es gibt auch Entwicklungen, die bedenklich stimmen. Dem Qualitätsatlas Pflege geht es dabei nicht um Anklage oder Kritik. Vielmehr sollen die Daten zeigen, wo Qualitätsmängel zu vermuten sind und wo Korrekturen das System Medizin und Pflege entlasten könnten. Hier vier Beispiele:
Dehydration
Menschen sind dehydriert, wenn sie zu wenig Wasser getrunken haben. Demente Menschen vergessen oft (oder sind auch gar nicht mehr dazu in der Lage), genug zu trinken. In diesen Fällen muss das Pflegepersonal nachhelfen. Wird das vernachlässigt, aus was für Gründen auch immer, droht ein Flüssigkeitsmangel, der schnell lebensgefährlich werden und zu einem Krankenhausaufenthalt führen kann. Mit anderen Worten: Je mehr Krankenhausaufenthalte wegen Dehydration gezählt werden, desto defizitärer die Pflege in diesem Bereich.
Hier schneidet der Landkreis Kassel für das Jahr 2021 nicht so gut ab wie der Bundesdurchschnitt. Von 100 Dementen mussten 4,62 Personen wegen Dehydration ins Krankenhaus, also 4,62 Prozent. Im Vergleich zum Jahr 2017 hat sich die Situation im Landkreis sogar noch um 0,5 Prozent verschlechtert. Im Vergleich zum Werra-Meißner-Kreis stehet der Landkreis Kassel jedoch wieder gut da. Dort musste 2021 fast jeder zehnte Pflegeheimbewohner mit Demenz wegen Dehydration ins Krankenhaus. Fazit der Studie: „Dem Pflegepersonal in Heimen kommt bei der Versorgung der Heimbewohner mit ausreichend Flüssigkeit eine entscheidende Rolle zu.“
Antipsychotika
Ältere Menschen mit Demenz zeigen nicht selten Verhaltensweisen wie Apathie, Unruhe, Angespanntheit bis hin zu Aggressivität. Solche Muster können durchaus nicht-medikamentös behandelt werden. Oft wird das aber nicht getan. Tatsächlich verschreiben Ärzte im Landkreis Kassel relativ häufig dauerhaft Antipsychotika, nämlich in 14,49 Prozent aller Fälle – auch, weil es Patienten oder Angehörige so wollen. Diese Zahl liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 9,45 Prozent, womit der Landkreis Kassel eine Spitzenposition einnimmt. Es gibt nur wenige Landkreise in Deutschland, die noch höhere Werte ausweisen.
Dekubitus
Dekubitus ist ein Druckgeschwür, das entsteht, wenn bettlägerige Menschen zu lange in einer Position liegen. Ist ein Dekubitus erst mal da, muss er behandelt werden – oft im Krankenhaus. Das aber kann vermieden werden, wenn im Pflegeheim die Liegeposition der Betroffenen nur oft genug von Pflegern verändert wird. Anders gesagt: Häufige Einweisungen ins Krankenhaus wegen Dekubitus lässt auf eine nicht optimale Pflegesituation im Heim schließen.
Tatsächlich mussten 2021 im Landkreis Kassel 10,32 Prozent aller Pflegeheimbewohner wegen Dekubitus im Krankenhaus behandelt werden – das ist weniger als im Bundesdurchschnitt (11,38 Prozent). Positiv ist auch, dass diese Zahl im Vergleich zum Jahr 2017 im Landkreis um 2 Prozent abgenommen hat. Je weniger Krankenhausaufenthalte wegen Dekubitus notwendig sind, umso besser ist in diesem Punkt die Qualität in der Altenpflege.
Beruhigungsmittel
Auch die Dauerverordnung von Beruhigungs- und Schlafmitteln bei demenziell erkrankten Heimbewohnen ist laut AOK-Studie ein typisches Qualitätsmerkmal. Wird zu oft und zu viel verschrieben, kann das auf eine nicht optimale Versorgungslage hindeuten. Die AOK-Studie macht hier klare Aussagen: „Die längerfristige Einnahme dieser Medikamente birgt erhebliche Risiken und kann zu einer deutlichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes führen“, sagt Isabella Erb-Herrmann, Vorstandsmitglied der AOK Hessen.
Doch hier schneidet der Landkreis Kassel im Bundesvergleich überdurchschnittlich gut ab (7,55 Prozent). Nur 4,57 Prozent aller Pflegeheimbewohner mit demenzieller Erkrankung bekamen 2021 dauerhaft Beruhigungs- und Schlafmittel verschrieben. Der Kreis Waldeck-Frankenberg nähert sich da mit 7,71 Prozent dem Bundesschnitt deutlich näher an.
In Nordrhein-Westfahlen gibt es besonders viele Dauerverordnungen bei Beruhigungsmitteln, in Olpe sogar in 19,9 Prozent aller Fälle. „Die Auswertung dieser Daten zeigt, dass hier ein ernsthaftes Versorgungsproblem besteht“, sagt die Studie. (Boris Naumann)