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Nur noch 17 Milchbauern gibt es im Kreisteil Melsungen. 773 Betriebe mussten in ganz Nordhessen seit 2016 schließen. Sie haben mit mehreren Herausforderungen zu kämpfen.
Wollrode – Der Negativtrend bei den Milchbauern geht weiter. Immer mehr Landwirte müssen ihren Betrieb aufgeben und ein Ende ist nicht in Sicht .Gab es im Regierungsbezirk Kassel laut Rainer Ochs, stellvertretender Vorsitzender des Regionalbauernverbands Kurhessen, im Jahr 2016 noch 1573 Betriebe mit 75.900 Milchkühen, sind es nach Informationen des Hessischen Statistischen Landesamtes Stand 1. März 2023 nur noch 800 Betriebe mit 61.300 Kühen.
„Das ist ein Minus von 49 Prozent an Betrieben und Minus 19 Prozent bei der Anzahl der Milchkühe“, sagt Rainer Ochs. „Für den Schwalm-Eder-Kreis gibt es zwar keine eindeutigen Zahlen, aber auch hier lässt sich ein klarer Negativtrend feststellen.“ Das alles seien alarmierende Statistiken, die verschiedene Gründe haben. „Zum einen liegt das an der fehlenden Wirtschaftlichkeit der Betriebe, die zu wenig Erträge machen“, sagt Ochs.
Auf der anderen Seite kämen noch die hohe Arbeitsbelastung, der fehlende Nachwuchs, kaum Zukunftsperspektiven und ein hoher bürokratischer Aufwand mit immer neuen Auflagen hinzu. „Ein Beispiel: Um die Enthornung der Kälber sollen sich nun Tierärzte kümmern. Alles vor dem Hintergrund, für mehr Tierwohl“, erklärt Ochs. Bisher sei dies eine Tätigkeit, die die Landwirte mit Sedieren und Schmerztabletten selbst übernehmen. „Das Problem ist, dass die Milchbauern dann noch die Kosten für den Tierarzt tragen müssten und es auch nicht einfach ist, bei Fachkräftemangel zeitnah einen geeigneten Arzt zu bekommen“, sagt er.
Milchpreis ist Streitpunkt
Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter fordert eine verbindliche politische Vorgabe zu konkreten Vertragsvereinbarungen über Milcherzeugerpreise, Milchmengen und Vertragsdauer vor Ablieferung der Milch für alle EU-Mitgliedsländer und Marktakteure – auch für Genossenschaften. Bisher bekomme der Landwirt einen Monat nach Lieferung das, was nach Abzug von Handel und Molkereien übrig bleibt. Das Marktrisiko liege dadurch beim Milcherzeuger.
Und zu den bereits genannten Problemen käme dann der Klimawandel obendrauf. „Gerade in den vergangenen Jahren, die sehr trocken waren, haben wir die Auswirkungen gespürt“, sagt Ochs.
Einige Betriebe hätten deshalb sogar weniger ernten können und litten so unter Futtermangel. „Dazu kommt noch der Starkregen, der nach der Aussaat absolut tödlich ist. Das stellt uns Landwirte alles vor riesige Probleme“, sagt Ochs. Dass die Situation sich in naher Zukunft verbessert, sieht Rainer Ochs kritisch: „Große Stellschrauben wie ein Vertrag zwischen Molkereien und Landwirten für feste Milchpreise über einen längeren Zeitraum sind schwierig umzusetzen, da der Milchpreis sich schnell ändert.“ Doch trostlos sehe die Zukunft nicht aus: „Wir haben gute Erträge im Landkreis und werden auf der Welt weiterhin eine große Nachfrage nach Milch haben“, sagt er.
Die Zahl der Milchbauern geht somit zurück – auch im Kreisteil Melsungen. Das bestätigen die beiden Landwirte Dirk und Kerstin Fehr aus Wollrode. „2008 gab es noch 61 Milchviehhalter im Kreisteil Melsungen“, sagt Kerstin Fehr, Sprecherin des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM), ernüchtert. „Heute sind es geschätzt circa 17, Tendenz fallend.“ Die Familie Fehr, die 95 Kühe in ihrem Betrieb hat, engagiert sich seit Jahren beim Bundesverband für bessere Zukunftsaussichten der Milchbauern.
Milchbauern aus Wollrode: Betriebe sterben leise
Die gesamte Entwicklung mache ihnen Sorgen, vor allem das leise Sterben der Betriebe. Der häufigste Grund sei die kaum vorhandene Wertschöpfung und der fehlende Nachwuchs, um die Betriebe weiterzuführen. „Die nächste Generation sieht keinen Nutzen darin, 365 Tage im Jahr bei fast 60 Stunden in der Woche sich um alles zu kümmern, wenn der finanzielle Ertrag kaum da ist“, sagt Dirk Fehr.
Denn gerade einmal ein Viertel der Betriebe würden laut Dirk Fehr zusätzlichen Ertrag generieren. „Viele arbeiten nur, um am Ende die Null stehen zu haben“, sagt er. Das Geld fehle laut den Fehrs vielen Landwirten an allen Ecken und Enden: „Ein Großteil der landwirtschaftlichen Maschinen müssen über Jahre finanziert werden, anders wäre das alles nicht möglich“, sagt er. Auch neue Investitionen wären heutzutage sehr kostspielig: „Angenommen ein junger Landwirt würde 100 neue Plätze für Kühe bauen, kostet ihn das 25.000 Euro pro Platz.“ Bei 100 Kühen seien das Kosten in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro.
Bürokratie bereitet Milchbauern sorgen
Zudem machen ihnen die zunehmenden bürokratischen Verordnungen Sorgen: „Keiner weiß, wie der Stall oder die Landwirtschaft der Zukunft aussehen soll“, sagt Dirk Fehr. „Ständig kommen immer neue Auflagen.“ Das seien zusätzliche, unkalkulierbare Risiken, mit denen Landwirte kaum planen könnten. Ein weiteres Problem ist für die Fehrs die fehlende Planungssicherheit bei ihrem Haupteinkommensmittel: der Milch.
„Momentan ist der Grundpreis mit rund 41,5 Cent noch sehr solide. Das kann sich aber aufgrund der Marktlage sehr schnell ändern“, sagt Kerstin Fehr. Zwar gebe es in der Regel bei dem Preis keine großen Schwankungen, jedoch hänge der Preis immer von der aktuellen Marktlage und vom Weltgeschehen ab. Dieses Problem würden die Fehrs gerne ändern: „Deshalb setzen wir uns auch für eine bessere Marktstellung in der Wertschöpfungskette ein“, erklärt Kerstin Fehr. Laut den Fehrs legen sich die meisten Molkereien rund sechs Wochen nach Erhalt der Ware auf einen Preis fest.
Ein Ziel des BDM ist daher, dass Preis und Menge der Milch im Vorfeld vertraglich mit Molkereien festgeschrieben werden, damit Milchbauern besser planen können. (Kerim Eskalen)