VonAnnette Schleglschließen
Die Afrikanische Schweinepest trifft Schweinehalter und Ackerbaubetriebe in Südhessen hart – mit Auflagen, Restriktionen und viel Zeitaufwand.
Frankfurt – Landwirt Rainer Roth aus Riedstadt-Wolfskehlen hat ein riesiges Problem: die Afrikanische Schweinepest (ASP). Nein, seine Schweine haben die Seuche nicht, die seit 14 Tagen in Südhessen kursiert, und auch die Schweine der anderen Betriebe im Landkreis Groß-Gerau nicht. Und trotzdem trifft ihn das Virus hart, das in der sogenannten Restriktionszone – einem 15-Kilometer-Radius rund um den Fundort bei Rüsselsheim – mittlerweile bei sieben Wildschweinen nachgewiesen wurde.
Direktvermarkter Roth darf seine eigenen Mastschweine nicht schlachten, darf sie nicht transportieren, das Fleisch nicht verkaufen, muss alles desinfizieren, bevor er den Stall betritt. Das sind aber nur einige der Nöte, die er und die Landwirte in der Region wegen der Schweinepest derzeit haben.
Afrikanische Schweinepest kursiert in Hessen
Klar ist: Es könnte noch schlimmer kommen, wenn die Afrikanische Schweinepest in seinen Stall eingeschleppt werden würde. Der Virus ist für Schweine fast immer tödlich – und selbst, wenn einige seiner Hausschweine die Seuche überleben würden, müssten sie getötet werden.
Die Schweine im Stall werden immer schwerer, dürfen aber wegen der Schweinepest in der Restriktionszone bisher nicht geschlachtet werden. „Ich kann das Wachstum zwar einigermaßen herunterbremsen, aber wachsen tun sie trotzdem“, sagt er. Das Problem, das viele seiner Kollegen haben: Es gibt in der Nähe keine Schlachthöfe, die die schweren Schweine schlachten können. „Wer an den Schlachthof verkauft, liefert normalerweise 110- bis 115-Kilogramm-Schweine. Was passiert mit den Tieren, die jetzt schon 130 bis 140 Kilo wiegen?“, fragt er. Der nächste Schlachthof mit einer Sonderzulassung für Schweine bis 150 Kilogramm liege in Baden-Württemberg – zwei Stunden und 40 Minuten Fahrt bis dorthin.
Vorkehrungen in Zoos
Der Opel-Zoo in Kronberg im Taunus ist momentan noch nicht von restriktiven Maßnahmen betroffen, sagte Zoodirektor Thomas Kauffels. Da im Hochtaunuskreis noch kein Fall von Schweinepest aufgetreten sei, seien die Schweinegehege für Besucher und Besucherinnen erst einmal nur vorsorglich abgesperrt worden. Die Zooleitung stehe, so Kauffels weiter, im ständigen Austausch mit dem zuständigen Veterinäramt und sei auf den Ernstfall eingestellt.
Auch der Frankfurter Zoo habe Sicherheitsvorkehrungen getroffen und stehe im Kontakt mit einer Tierärztin, sagte ein Sprecher. Da man sich nicht im Risikogebiet befinde, müssten noch keine anderen Maßnahmen getroffen werden. prmr
Landwirt muss Schuhe, Kleidung und Fahrzeuge desinfizieren
Dann ist da noch der Managementplan zur Biosicherheit in Schweineställen, der nach Behördenvorgaben erfüllt und entsprechend dokumentiert werden muss. Schuhe und Gummistiefel müssen jedes Mal desinfiziert werden, wenn der Stall betreten oder verlassen wird, die Kleidung muss gewechselt werden, die Räder der Radlader und Anhänger sind vor und nach der Fahrt in den Stall zu desinfizieren. „Damit niemand durch Unwissenheit und Schludrigkeit was reinschleppt“, sagt Roth. Der Virus kann nämlich überall anhaften. Für die Schuhe hat Roth mittlerweile ein Becken mit drei Litern Desinfektionsmittel aufgestellt.
Der 57-Jährige hat zusätzlich zu einem schon vorhandenen Metallzaun einen Elektrozaun um seinen Schweinestall herum ziehen müssen. „Eine Doppelsicherung, damit kein Tier an den Stall herankommen kann“, sagt er. Es könne nämlich durchaus sein, dass nachts ein Wildschwein da ist. „Wildschweine wandern nachts, schaffen 20 bis 25 Kilometer.“ Außerdem gehe das Hochwasser des Rheins zurück und die Wildschweine könnten damit jederzeit wieder den Fluss überwinden.
Vorkehrungen auf dem Erlebnisbauernhof
Auf der „Sindlinger Glückwiese“ in Frankfurt konnten Tierfreund:innen bis vor kurzem noch mit Schweinen schmusen. Auf dem Erlebnisbauernhof durften die Schweine frei zwischen Menschen, Hunden oder Hühnern herumlaufen. Inzwischen leben sie allerdings abgetrennt von allen anderen Tieren. Nachdem der erste Fall der Afrikanischen Schweinepest festgestellt worden war, wurde die „Sindlinger Glückswiese“ sofort informiert. Etwa zwei bis drei Stunden hatte sich eine Amtsveterinärin vor Ort Zeit genommen und sogar aufgezeichnet, wie der neue Stall für die Schweine geplant werden könnte. Zuvor hatten die Tiere in fünf Rotten, also Unterfamilien, gelebt und konnten sich gut aus dem Weg gehen. Nun müssen sie alle zusammenleben. Die Situation sei natürlich nicht schön, sagte Isabell Müller-Germann, die Leiterin der Glückswiese. Es gebe viele Auflagen, die der Hof nun erfüllen müsse. Das Futter wird kontrolliert, Heu und Stroh müssen fünf bis sechs Monate alt sein, um sicherzugehen, dass sich darin keine Erreger befinden. Außerdem dürfen nur ausgewählte Personen mit Schutzkleidung zu den Tieren, um sie zu versorgen. „Das sind schon ein bis zwei Stunden mehr Arbeit am Tag“, schätzte Müller-Gerrmann. Trotz allem ist sie dankbar für die schnelle und tierfreundliche Umsetzung der Maßnahmen durch das Veterinäramt. „Sie wollten wirklich das Beste für die Schweine rausholen“, betonte Müller-Germann, und die Auflagen stünden im Hintergund, solange es den Tieren gut gehe. prmr
Schweinepest: Fiebermessungen und Blutproben bei den Hausschweinen
Am Mittwoch bekam der Riedstädter Landwirt Besuch von einer Amtstierärztin vom Veterinäramt des Kreises Groß-Gerau. Sie maß bei einem Viertel seiner 160 Hausschweine Fieber, ließ sich die Aufzeichnungen der Biosicherheitsmaßnahmen zeigen, überprüfte, ob es Problemfälle im Tierbestand gibt, schaute sich die Köder in den Schadnagerkästen und die Lagerung des Futtermittels an. Zwei Kleinigkeiten – unter anderem ein Schild am Zaun – wollte die Amtstierärztin noch nachgereicht haben, sagt Roth.
Mitte nächster Woche werden dann auch noch Blutproben bei seinen Hausschweinen genommen. Wenn die Beprobung negativ ist, wird der Stall als komplett gesund eingestuft. Das ist zusammen mit der Erfüllung der Biosicherheit Grundlage dafür, dass er seine Schweine wieder schlachten darf. Allerdings müssen dann, so erfuhr er am Freitag vom Veterinäramt, noch 14 Tage verstreichen, bis er seinen ersten eigenen Schlachttermin ansetzen kann oder ihn vielleicht doch mit dem Schlachthof in Baden-Württemberg vereinbaren muss. „Wenn das Virus trotzdem im Stall wäre, würde es innerhalb von 14 Tagen ausbrechen“, begründet er die vom Amt gesetzte Frist. Dennoch ist das endlich ein Lichtblick für den Schweinehalter und seinen 28-jährigen Sohn Mario, der die Bauernhofmetzgerei betreibt.
Milliarden von Stechmücken bei Suche nach Wildschwein-Kadavern
Rainer Roth nimmt die Verantwortlichen im Veterinäramt des Kreises Groß-Gerau in Schutz. „Das Amt ist überlastet“, sagt er. Zwölf Tage nach dem Ausbruch der Seuche seien nun Tierärzte aus dem Umland dazu geholt worden, die Sonderschichten schieben, um die Biosicherheit auf den Höfen zu kontrollieren.
Wolfgang Dörr, Vizevorsitzender des Regionalbauernverbands Starkenburg und Sprecher für den Kreis Groß-Gerau, berichtet derweil von erschwerten Bedingungen für die Teams, die mit Kadaversuchhunden in der Nähe des Rheins nach toten Wildschweinen suchen. Wegen des Hochwassers hätten sich Stechmücken explosionsartig vermehrt, und die Hundehalter müssten wegen Milliarden von Schnaken Spezialanzüge anziehen und sogar ihren Hunden Schutzkleidung anlegen.
Vorkehrungen in Wildparks
Die Alte Fasanerie im Hanauer Stadtteil Klein-Auheim liegt den Fundstellen der mit der Afrikanischen Schweinepest infizierten Wildschweine von den großen hessischen Wildparks am nächsten. Entsprechend besorgt ist man dort. Zwar gibt es für den Main-Kinzig-Kreis, zu dem Hanau gehört, noch keine Restriktionen bezüglich des Virus. Im Wildpark hat man dennoch die ersten Schutzmaßnahmen angeordnet. So gilt dort ab sofort ein generelles Futterverbot. Auch dürfen Fahrzeuge etwa der Forstverwaltung das weitläufige Gelände nicht mehr befahren, damit nicht mit den Reifen das Virus eingetragen werden kann. In den nächsten Tagen sollen auch Desinfektionsmatten ausgelegt werden, über die die (jährlich mehr als 200 000) Besucher und Besucher-innen werden laufen müssen. „Wir sehen in der Schweinepest eine starke Bedrohung“, sagt Sigrun Brell, Bereichsleiterin beim zuständigen Forstamt Hanau-Wolfgang. Man habe bereits damit begonnen, die Zahl der Schweine auf jetzt 40 zu verringern. Sollte das Virus den Wildpark erreichen, hätte das die sofortige Schließung zur Folge, sagt Brell. Dann sei auch fraglich, ob künftig überhaupt noch Schweine gehalten werden könnten.
Die Fasanerie in Wiesbaden , ebenfalls nicht weit von der Fundstelle der infizierten Tiere gelegen, hat seine Wild- und Hausschweine schon vor Jahren abgegeben. Dort muss man sich mit dem Virus also nicht auseinandersetzen. pgh
EU-Kommission will kommende Woche Schweinepest-Maßnahmen überprüfen
Nächste Woche habe sich eine Kommission der EU mit 25 bis 30 Leuten angesagt, die sich überzeugen will, dass keine Verschleppung der Tierseuche über Fleisch oder infektiöses Material in freie Gebiete anderer Mitgliedstaaten erfolgt, sagt Georg-Werner Wald, Kreislandwirt für den Kreis Groß-Gerau. „Die Nerven liegen bei uns blank“, schimpft er. Krisensitzungen, ständige Telefonate, Präsenzveranstaltungen mit Experten und Entscheiderinnen, Videokonferenzen mit dem Ministerium – die Landwirte in der Restriktionszone müssen ernten, um Einnahmen zu generieren, sind aber aktuell mit vielen Formalitäten beschäftigt. „In 14 Tagen wird die Erntespitze kommen“, erklärt er. Dann stehen Winterweizen, Körnermais und Raps zur Ernte an. „Mein Nervenkostüm ist stark angegriffen“, sagt auch Dörr.
Die Landwirte müssen drei Tage vor der geplanten Ernte oder Mahd Sondergenehmigungen bei den Landkreisen beantragen, um ihre Felder maschinell bearbeiten zu können, erklärt Georg-Werner Wald. Diese werden an die Kreisjägerschaft weitergeleitet, die Jäger:innen mit Infrarot- und Kameradrohnen koordiniert, sowie an eine koordinierende Firma aus Baden-Württemberg.
Nach Drohnenflügen übers Feld muss am gleichen Tag gemäht werden
Die Landwirte müssen ihre Felder mit einer Drohne überfliegen lassen, um sicherzustellen, dass sich darin keine verendeten Wildschweine befinden. „Immerhin klappt die Zusammenarbeit bei den Drohnenflügen“, sagt Wald. Nach ergebnisloser Drohnensuche werde die Genehmigung zum Maschineneinsatz erteilt, „dann muss am gleichen Tag gemäht werden“, so Wolfgang Dörr.
Landwirt zu sein, sei jetzt viel aufwendiger, viel problematischer und schwieriger geworden, sagt Rainer Roth. „Wäre die Schweinepest im November aufgetreten, wäre das alles nicht so schlimm.“



