Interview

„Letzte Generation“-Aktivistin aus Göttingen: „Ziviler Widerstand ist notwendig“

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Die „Letzte Generation“ polarisiert bundesweit mit ihren Aktionen zum Klimaschutz. Eine Aktivistin aus Göttingen erklärt, warum das notwendig ist.

Göttingen – Die bundesweiten Protestaktionen der Klimabewegung „Letzte Generation“ sorgen bei vielen Autofahrern für Wut und Ärger. Doch es gibt auch Verständnis für die Proteste. Im Interview erklärt Aktivistin Rosa Reinisch aus Göttingen, warum sie sich für den Klimaschutz auf die Straße klebt und diese Form des Protests ihrer Ansicht nach notwendig ist.

Haben Sie Angst vor körperlichen Auseinandersetzungen mit wütenden Autofahrern, die wegen der Proteste im Stau stehen?
Ich bin mir bewusst, dass es immer ein Risiko ist, mich auf eine Straße zu setzen und dass es auch zu heftigeren Auseinandersetzungen mit Autofahrerinnen und Autofahrern kommen kann. Dennoch macht die Klimakatastrophe, in die wir gerade ungebremst hineinrasen, mir so viel mehr Angst, dass ich mich diesem Risiko aussetze. Was ist, wenn wir anfangen, uns zu bekriegen, weil es aufgrund von Dürren nicht mehr genug Nahrung und Wasser für alle gibt?
Glauben Sie, dass Sie etwas mit Ihren Aktionen bewegen können?
Die Klimabewegung versucht seit mehreren Jahrzehnten die Menschen davon zu überzeugen, dass wir zu wenig tun, mehr getan werden muss. Und wenn dann Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen, wir haben noch zwei Jahre, die entscheidenden Weichen zu stellen, dann müssen wir uns fragen, was wir tun können in dieser Zeit.
Glauben Sie nicht, dass es besser wäre, die Leute auf Ihre Seite zu ziehen, als sie zu verärgern?
Es ist nicht unsere Aufgabe Menschen von irgendetwas zu überzeugen. Es ist die Pflicht unserer Regierung, sich an die Verfassung zu halten, unsere Lebensgrundlagen und Freiheit zu schützen, der sie gerade nicht nachkommt.
Aktiv im Widerstand: „Letzte Generation“-Aktivistin Rosa Reinisch wird in bei einer Blockade in Göttingen von Polizeibeamten weggetragen.
Machen Ihre Proteste Sinn, wenn, wie wissenschaftlich erwiesen, die Klimaziele nur noch knapp erreicht werden können?
Ja, wir können natürlich auch den Kopf in den Sand stecken und gar nichts mehr tun. Aber es ist ja so, dass, wenn wir jetzt wirklich entschieden handeln, wir noch eine Chance haben, dass es noch nicht für alles zu spät ist. Wir werden Abstriche und grundlegende Veränderungen hinnehmen müssen – egal, ob wir jetzt wirklich handeln, oder es gar nicht erst versuchen. Und es lohnt sich doch auf jeden Fall, auch wenn die Wahrscheinlichkeit noch so klein ist, dass wir das Ruder herumreißen können, dass wir entscheidende Kipppunkte noch verhindern. Schließlich geht es um nicht weniger als unser Überleben.
Wie weit darf Protest für Sie gehen?
Für mich ist klar, dass es friedlicher Protest ist, dass das Leben zu schützen im Fokus steht. Deshalb unterbrechen wir den Alltag da draußen, weil wir uns für das Überleben von uns Menschen einsetzen. Wir wollen nicht, dass dadurch Menschen zu Schaden kommen und es tut mir leid, dass Menschen dadurch Unannehmlichkeiten haben.
Können Sie ausschließen, dass Menschen durch die Protestaktionen zu Schaden kommen?
Wir stellen immer sicher, dass wir eine Rettungsgasse öffnen können, falls mal ein Rettungswagen im Stau steht. Gleichzeitig ist es ja auch so, dass Stau etwas Alltägliches ist und die Rettungskräfte dann umgeleitet werden. Ein Rettungswagen wird zudem nicht absichtlich in einen Stau geschickt, wenn also der Verkehr schon steht. Die Frage, ob deshalb der Protest nicht legitim wäre, stellt sich für mich auf diese Art und Weise nicht. Wir müssen uns klarmachen, dass wir so nicht mehr weiterleben können, deshalb ist die gesamte Straßenblockade ein notwendiges Übel.
Können Sie sich vorstellen, dass andere Menschen eine andere Auffassung von Protest haben und wütend darüber sind?
Ja, ich kann mir vorstellen, dass es nicht schön ist, wenn der Alltag unterbrochen wird. Ich habe dafür auch Verständnis und es tut mir leid. Für uns alle ist unangenehm, damit konfrontiert zu werden, dass wir uns von der Art, wie wir jetzt leben, verabschieden müssen, dass wir unseren Lebensstandard so nicht halten können. Und auch wir machen den Protest nicht gerne. Keiner von uns setzt sich gerne auf eine Straße und blockiert Menschen in ihrem Alltag. Trotzdem sitzen wir dort für alle Menschen, auch für diejenigen, die wütend darüber sind, dass sie durch uns im Stau stehen. Denn am Ende betrifft die Klimakrise uns alle, wir alle sind die letzte Generation vor den Kipppunkten.
Festkleben für den Klimaschutz: Immer wieder sorgen die Demonstranten der „Letzten Generation“ bei ihren Protestaktionen durch das Lahmlegen des Verkehrs für Stau.
Also nehmen Sie Verstöße gegen das Recht, auch gegen das Strafrecht, bewusst in Kauf?
Was das strafrechtlich heißt, entscheiden die Gerichte. Uns wird öfter Nötigung vorgeworfen. Dennoch nehmen wir die Konsequenzen in Kauf. Meist sind das geringe Geldstrafen und wir werden zu niedrigen Tagessätzen verurteilt. Gleichzeitig gibt es aber auch Gerichte, die Menschen nach Straßenblockaden schon freigesprochen haben. Ziviler Wiederstadt ist legitim. Ich würde sagen, in der Situation, in der wir uns gerade befinden, ist er nicht nur legitim, sondern auch unsere Pflicht.
Bedeutet Demokratie aber nicht auch, die Gesellschaft durch Mehrheiten zu überzeugen?
Das Narrativ - in der Politik aktuell und auch, was die Medien erzählen - ist, dass wir die Situation mit dem Klima im Griff hätten und das auch hinbekommen, wenn wir uns nur bemühen. Und gleichzeitig sagen renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass es nicht so ist. Die Klimaschutzgesetze unserer Regierung sind laut Bundesverfassungsgericht verfassungswidrig. Es geht hier um unsere Lebensgrundlage und ich glaube, dass das noch nicht in unserer Gesellschaft angekommen ist. Eigentlich müssen wir fragen, inwiefern sich unsere Regierung gerade an ihre eigenen Gesetze hält und was das für unsere Demokratie bedeutet.
Was ist Ihre klima-schlechteste Angewohnheit?
Ich lebe relativ bewusst und mein Co2-Fußabdruck ist verhältnismäßig klein. Wir müssen verstehen, dass es nicht ausreicht, wenn wir in unserem Alltag klimaneutral leben, das ist in Deutschland auch schlicht nicht möglich. Wenn wir die Situation noch in den Griff bekommen wollen, brauchen wir größere Schritte. Das kann nur durch politisches Handeln erreicht werden. Deshalb sehe ich meine größte Handlungsmöglichkeit im friedlichen Widerstand.
Was wären die ersten Dinge, die Sie ändern würden, wenn Sie es morgen könnten?
Als erste Sicherheitsmaßnahmen wären das zum Beispiel die Einführung des Tempolimits, das 9-Euro-Ticket als Klimaticket und den Zugverkehr für alle möglich und bezahlbar machen. Weg vom Individualverkehr. Außerdem das Einberufen eines Gesellschaftsrates. Das heißt, dass Bürgerinnen und Bürger zu einer Krisensitzung oder Notfallsitzung zusammenkommen und von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern informiert werden, in welcher Schieflage wir uns befinden, sodass Bürgerinnen und Bürger mitentscheiden können, wie wir etwas ändern können, wie wir damit umgehen wollen. Wir müssen zusammenkommen und uns fragen, was können wir tun in dieser Situation?

Zur Person

Rosa Reinisch (34) kam im Jahr 1989 in Leimen bei Heidelberg zur Welt. Sie studierte Soziologie und Erziehungswissenschaften in Jena und Göttingen, arbeitet jetzt als Sozialwissenschaftlerin und engagiert sich seit Anfang 2022 im Widerstand der „Letzten Generation“.

Wer finanziert sich die Letzte Generation?
Überwiegend finanzieren wir uns über Spenden.
Wie viele aktive Aktivisten gibt es in Göttingen?
Gerade sind es in Göttingen 15 bis 20 Menschen, die sehr aktiv sind. Weitere 50 Menschen, die sich solidarisch mit der Letzten Generation verbunden fühlen, machen hin und wieder kleine Aufgaben und unterstützen beispielsweise, mit Flyern zu Vorträgen einzuladen.
Aus welchen Schichten und Alterskategorien kommen die meisten bei Ihnen?
Aus allen. Natürlich sind viele von uns Studierende und auch junge Familien oder Rentner sind aktiv dabei. Dazu Ärztinnen, Erzieher und Vertriebler.
Macht es etwas mit Ihnen, wenn Ihnen so viel Ärger und Wut entgegenschlägt?
Ich helfe mir damit, anzunehmen, dass es nicht gegen mich gerichtet ist. Mir ist klar, wenn ich auf die Straße gehe, dass es für die Menschen nicht schön ist, wenn deren Alltag unterbrochen wird. Ich versuche das nicht persönlich zu nehmen und mache mir immer wieder bewusst, dass ich das mache, weil es so viel Schönes auf dieser Welt gibt, weil das Leben das wir haben so wertvoll ist und ich mich dafür einsetze. 

(Marvin Hinrichsen)

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