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Der Skilift am Hohen Gras hat trotz eines massiven Rostschadens an einer der Stützen jahrelang eine Tüv-Plakette bekommen. Der neue Eigentümer bemerkte die Schäden.
Kassel - Mindestens seit 2017 war den Prüfern des Tüv Hessen der Sicherheitsmangel bekannt, und alle zwei Jahre wurde er auch bei den turnusgemäßen Kontrollen im Prüfbericht zuoberst aufgeführt. Wenn der Betreiber den Mangel beseitige, gebe es keine sicherheitstechnischen Bedenken gegen einen Weiterbetrieb, hieß es in sämtlichen Protokollen seit 2017. Doch der damalige Betreiber blieb untätig und bekam bei der nächsten Tüv-Prüfung dennoch wieder eine Plakette.
Skilift am Hohen Gras sollte eigentlich im Sommer Mountainbiker transportieren
Aufgefallen ist das Ganze dem neuen Eigentümer des Lifts. Patric Dreher wollte eigentlich ab Sonntag – wenn der Naturpark Habichtswald den Trailpark eröffnet – in der schneefreien Zeit auch Mountainbiker mit dem Lift transportieren. Doch jüngst stellte der Mountainbike-Experte fest, dass die Anlage in der Nähe von Kassel zum Start des Trailparks doch nicht in Betrieb gehen kann.
Grund dafür ist ein erheblicher Rostschaden an einem der Querträger einer Liftstütze, die im Hang steht. In den Träger hat der Rost ein Loch gefressen. Das marode Bauteil hat Dreher inzwischen für eine fünfstellige Summe austauschen lassen, aber nun muss der Lift zunächst abermals vom Tüv Hessen überprüft werden, um eine Betriebserlaubnis zu erhalten. Dabei hatte die Anlage Tüv bis Dezember 2023.
Neuer Betreiber des Skilifts nahe Kassel verließ sich auf Tüv-Plakette
„Darauf habe ich mich beim Kauf auch verlassen“, sagt Dreher, der den Lift vergangenes Jahr erworben hat, nachdem der langjährige Betreiber Eduard Bröffel verstorben war. Mehrfach habe er beim Erben, dem Sohn der Familie Bröffel, die Tüv-Berichte angefordert. Dieser habe versichert, diese nicht zu besitzen. Letztlich verließ sich Dreher auf die Aussagekraft der Tüv-Plakette. Ein Fehler, wie sich herausstellte.
Der Tüv Hessen bestätigt auf HNA-Anfrage, dass der Korrosionsschaden mindestens seit 2017 bekannt sei und der Betreiber bei den Prüfungen 2017, 2019 und 2021 auf notwendige Instandsetzungen hingewiesen wurde. Die Beseitigung der Mängel liege allein in Verantwortung des Betreibers. Der Tüv könne keine Anlagen stilllegen, dafür sei das Regierungspräsidium Kassel zuständig.
Tüv weist Verantwortung für den maroden Skilift am Hohen Gras von sich
Zur Frage, warum die Anlage über Jahre eine Tüv-Plakette bekam, teilt der Tüv mit: Eine Lift-Plakette habe nicht die gleiche Aussagekraft wie eine Tüv-Plakette am Auto. Entscheidend seien allein die Prüfberichte.
Die Geschäftsführerin des Verbandes Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte bezeichnet die Mängel am Kasseler Schlepplift als „absoluten Ausnahmefall“. Ähnliche Fälle seien ihr nicht bekannt. Nach Hessischem Seilbahngesetz sei der Betreiber für die Betriebssicherheit zuständig. Die Aufsichtsbehörde – hier das Regierungspräsidium Kassel – könne die Betriebsgenehmigung bei bekannten Sicherheitsmängeln widerrufen.
Liftbetreiber übt Kritik am Tüv - Loch in einer Stütze
Kassel – Das Vertrauen von Patric Dreher in den Tüv Hessen ist erschüttert. Dreher hatte im November 2022 den Skilift am Hohen Gras von der langjährigen Betreiberfamilie Bröffel gekauft. „Damals war die letzte Tüv-Prüfung gerade einmal elf Monate her“, sagt Dreher. Die Anlage hatte noch bis Dezember 2023 Tüv. Doch als er nun den Start des Liftbetriebes für den Mountainbike-Trailpark vorbereitete, fiel ihm ein Querträger einer Liftstütze ins Auge.
Dieser war so stark korrodiert, dass bereits ein Loch so groß wie ein Zwei-Euro-Stück entstanden war.
„Ein großer Teil der Jahreseinnahmen“ durch Reparatur verbraucht
Für Dreher war sofort klar, dass es unverantwortlich wäre, den Lift so laufen zu lassen. Denn an dem Querträger sind die Stahlseile des Liftes befestigt und an denen hängen im wahrsten Sinne des Wortes Menschenleben. Dreher beauftragte die Kasseler Schlosserei Siemon damit, den Querträger nach den Originalbauplänen aus den 70er-Jahren nachzubauen. Rekonstruktion und Montage hätten ihn einen niedrigen fünfstelligen Betrag gekostet. Um das Geld einzuspielen, müsse er sehr viele Mountainbiker transportieren. „Das ist ein großer Teil der Jahreseinnahmen“, sagt Dreher.
Für den Liftbetreiber ist es unverständlich, dass ein Prüfer des Tüv Hessen der Anlage 2017, 2019 und 2021 eine Tüv-Plakette erteilte. Auch die Metallbauer der Schlosserei Siemon hatten bei der Reparatur gegenüber der HNA geäußert, dass ein solch großflächiger Rostschaden erst über viele Jahre entstehe.
Tüv Hessen weist Verantwortung von sich
Der Tüv Hessen weist auf Nachfrage unserer Zeitung jede Verantwortung zurück. Die Korrosion sei vom Prüfer erkannt worden und entsprechend in den Berichten an oberster Stelle benannt worden, so ein Pressereferent. In allen Prüfberichten seit 2017 tauche der Hinweis auf. Und weiter: „Aus sicherheitstechnischer Sicht bestanden nach Mängelbeseitigung gegen den Betrieb der Anlage keine Bedenken.“
Tatsächlich wurden die Mängel aber nicht vom damaligen Betreiber Eduard Bröffel beseitigt. Auch hier sieht sich der Tüv Hessen nicht in der Pflicht. „Wir sind keine Behörde, sondern eine Prüfgesellschaft“, so der Referent. Der Tüv könne weder Anlagen stilllegen, noch sei er verpflichtet, Mängel an das in dem Fall zuständige Regierungspräsidium Kassel (RP) zu melden. Dies obliege dem Betreiber.
Keiner übernimmt Verantwortung für gefährlichen Zustand des Skilifts
Dreher hatte vor dem Kauf beim Sohn des verstorbenen Eduard Bröffel die Tüv-Berichte erfolglos angefragt. Michael Bröffel stellte auch gegenüber der HNA klar, dass er nicht wisse, wo diese Berichte seien. Er habe nie etwas mit dem Lift zu tun gehabt und von Schäden nichts gewusst. Als Erbe habe er nur den Verkauf abgewickelt. „Auch der Tüv wollte mir die Berichte damals nicht zuschicken, weil ich nicht der Auftraggeber der Prüfung war“, sagt Dreher. Letztlich habe er auf die Plakette vertraut.
Das RP Kassel bestätigt, dass der frühere Betreiber zumindest bis 2019 die Tüv-Prüfberichte eingereicht hatte. Diese seien Grundlage für die Betriebsgenehmigung des Lifts, die die Behörde erteilt habe. Warum das zuständige Dezernat Verkehr beim RP die in den Prüfberichten wiederholt beschriebenen Mängel nicht zum Anlass nahm, die Betriebserlaubnis zu widerrufen, dazu konnte der RP-Sprecher nichts sagen. Die Behörde führe aber keine Vor-Ort-Kontrollen durch. (Bastian Ludwig)

