VonThomas Brücknerschließen
»Mehr Mädchen in Männerberufe!« - eine Forderung, die längst den Kinderschuhen entwachsen ist. Und in Zeiten des Fachkräftemangels neue Dringlichkeit erfährt. »Girls4- MINT« nennt sich ein neues Projekt, das Schülerinnen für technische Berufe begeistern will. Das Grünberger Unternehmen Bender ist dabei - als einziger Betrieb im Landkreis.
Läuft es optimal, fließt der Strom« - Timm Matis weiß, was Phase ist. Der junge Mann absolviert eine Ausbildung zum Elektrotechniker bei der Bender GmbH & Co. KG, Marktführer für elektrische Sicherheitsprodukte und -lösungen. An diesem Morgen steht Matis den 16 Teilnehmerinnen am Projekt »Girls4MINT« mit Rat und Tat zur Seite.
Als Praxiseinstieg lernen die Mädchen gerade, eine Platine zu bestücken: Mit einem 300 Grad heißen Lötkolben bringen sie das Zinn zum Schmelzen, verbinden die nur millimeterstarken Drähte - der Strom fließt, wenn’s optimal läuft.
Nicht so einfach für Anfänger - jedweden Geschlechts. Doch mit Tipps von Timm wie »das Zinn muss richtig fließen«, dürften es am Ende alle hinbekommen haben. Dürfte mithin am Ende der vier Projekttage die Aufgabe erledigt sein: Eine elektrische Uhr mit LED-Illumination konstruieren und programmieren.
Bender beteiligt sich als einziger Betrieb im Kreis Gießen an dem Projekt, das vom Land Hessen, dem Europäischen Sozialfonds und der Arbeitsagentur geförderten wird.
Im Dezember ist es erstmals an den Start gegangen, hat das frühere »MINT Girls Camp Hessen« abgelöst, wofür die 14- bis 16-Jährigen noch eine Woche Ferien opfern mussten.
»Es geht darum, Mädchen Mut zu machen, eine technische Ausbildung oder ein Studium aufzunehmen. Sie können sich ausprobieren, eine Bestätigung erfahren«, erklärt Julia Behle. Im Auftrag der Frankfurter Firma Provadis, ein privater Aus- und Weiterbildungsdienstleister, steht sie voll hinter dem Ansatz von »Girls4MINT«. Zwar habe sich in den vergangenen Jahren der Anteil von Frauen in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik erhöht, doch seien sie noch immer unterrepräsentiert.
Ein Potenzial, das es gerade in Zeiten des Fachkräftemangels zu erschließen gilt. Im Fokus des neuen, in diesem Jahr an zwölf hessischen Standorten umgesetzten Informationsangebots stehen denn auch Einblicke in Unternehmen der Branche. Kurz: Berufsorientierung, aber mit Praxiserfahrung.
In diesem Fall heißt das eben »löten, programmieren, digitalisieren«, wie Behle erklärt. Um sogleich zu betonen, dass die Mädchen stets ein Feedback erhalten, ihnen auch Ausbildungswege aufgezeigt werden. Sei es nun die klassische Lehre oder etwa das duale Studium.
»Es ist ein tolles Projekt, nur schade, dass es das geben muss«, meint Holger Weitzel. »Warum nur werden immer noch Mädchen aus technischen Berufen rausgedrückt, sind sie doch mindestens genauso gut wie die Jungen?«, fragt sich nicht nur der Ausbildungsleiter bei Bender.
Nicht zuletzt dank der Kooperation mit Schulen - in Grünberg etwa gibt es an der TKS das Projekt »Mädchen unter Strom« - verzeichnet Weitzel bei sich einen vergleichsweise hohen Anteil weiblicher Azubis. Im Bereich Elektrotechnik und Informatik liegt er zum im September beginnenden neuen Ausbildungsjahr sogar über einem Drittel.
Erstaunlich, sind es landesweit doch gerade mal 13 Prozent, wie Julia Behle anmerkt. Immerhin kann sie im Ergebnis vieler Initiativen, wozu etwa die »GirlsDays« in den Betrieben zählen, auf eine »kleine Trendwende« verweisen.
Die Grünberger Netzschutztechniker wissen um den sich noch verschärfenden Fachkräftemangel, haben selbst jedoch kein Nachwuchsproblem. Zum neuen Ausbildungsjahr zählt man 40 Lehrlinge im technischen Bereich; hinzu kommen elf im kaufmännischen Bereich. »Wir können uns noch die Besten aussuchen, leiden nicht so wie andere«, resümiert Weitzel.
Dafür aber investiert man auch einiges. Heißt: Besuch von Berufsbildungsmessen, längerfristige Projekte mit Schulen, Praktikaangebote oder eben »Girls Camps«.
Die 16 Teilnehmerinnen am neuen Nachfolgeprojekt besuchen weiterführende Schulen in Alsfeld, Hungen, Gießen und Butzbach. Von der TKS Grünberg ist Johanna gekommen, bestätigt die Worte von Julia Behle, sei »Girls4MINT« doch eine gute Gelegenheit, sich beruflich zu orientieren. Mitschülerin Lea Lorena sieht es genauso, möchte das Angebot für ein späteres Praktikum nutzen. Und sollte es am Ende doch nichts mit einer Elektrotechnik-Ausbildung bei Bender werden: Die Punkte für das von der TKS vergebene MINT-Zertifikat, nicht zu unterschätzen bei Bewerbungen, kann man immer gut gebrauchen - auch als Frau.
