- VonBrigitte Degelmannschließen
2,6 Milliarden Euro will der Energieerzeuger in den nächsten fünf Jahren investieren
Eigentlich, sagen Christian Kösling und Thomas Teichert, funktioniere diese Anlage ganz einfach: Kaltes Wasser strömt durch zwei parallel angeordnete Röhren, die an ihren Enden mit Leitungen verbunden sind - vorbei an vier Elektroerhitzern, die die Flüssigkeit mit Hilfe von Strom erwärmen.
Wie ein überdimensionaler Tauchsieder? Stimmt, sagen die beiden Mainova-Mitarbeiter im Heizkraftwerk Niederrad - der eine Betriebsingenieur, der andere zuständig für die Kraftwerkseinsatzplanung. Nur dass das solcherart aufgeheizte Wasser nicht in ein Teekännchen fließt, sondern in die Fernwärmeleitungen strömt, etwa gen Flughafen. Power-to-Heat nennt sich diese Technik, die Kösling und Teichert bei einem Pressetermin am Donnerstag erläutern. Seit 2015 wird sie im Heizkraftwerk Niederrad genutzt und zwar dann, wenn es gerade ein Überangebot im Stromnetz gibt und die Energie entsprechend günstig zu haben ist. 35 000 Megawattstunden an Wärme wurden seit 2015 auf diese Weise erzeugt.
Steigerung um mehr als 50 Prozent angepeilt
Klingt nach viel, ist aber nur ein Bruchteil der gesamten Fernwärme-Quantums in Frankfurt, das Mainova-Vorstand Martin Giehl auf 2000 Gigawattstunden pro Jahr beziffert. Genau dieser Fernwärme soll in den nächsten Jahren eine größere Bedeutung zukommen. Bis 2040 will die Mainova die Menge um mehr als 50 Prozent steigern, auf 3200 Gigawattstunden pro Jahr. Und dabei gleichzeitig komplett auf klimaneutrale Fernwärme-Produktion umsatteln. Eine gewaltige Aufgabe, denn derzeit werde nur etwa ein Viertel dieser Wärme aus regenerativen Quellen erzeugt, rechnet Giehl vor.
Zur klimaneutralen Fernwärme-Herstellung trägt auch die Power-to-Heat-Anlage im Heizkraftwerk Niederrad bei, weil sie keine fossilen Brennstoffe nutzt. Doch mit dem überdimensionalen Tauchsieder allein wird sich der Transformationsplan der Mainova, mit dem sie den Fernwärmeanteil in Frankfurt von jetzt 25 auf mehr als 40 Prozent steigern will, nicht umsetzen lassen. Stattdessen, sagt Giehl, setze man hier auf einen breiten Technologiemix: zum Beispiel Geothermie, Biomasse und Großwärmepumpen, um etwa die Abwärme aus Rechenzentren zu verwerten. Ebenso auf CO2-neutrale Wärme aus dem Müllheizkraftwerk in Heddernheim. Und auf Kraft-Wärme-Kopplung mit Wasserstoff - schließlich wird das Heizkraftwerk West bis 2026 von einem Kohle- zu einem wasserstofffähigen Gaskraftwerk umgerüstet.
Das Thema Fernwärme spielt eine zentrale Rolle in der Dekarbonisierungsstrategie der Mainova - bis 2040 will der Energieerzeuger klimaneutral sein. Denn diese Art der Wärmeerzeugung biete jede Menge Vorteile, sagt Giehl: beispielsweise geringe CO2-Emissionen, ein wartungsarmer Betrieb im Vergleich zu konventionellen Heizsystemen sowie hohe Versorgungssicherheit.
Und die Kosten für die ambitionierten Pläne? 2,6 Milliarden Euro wolle die Mainova in den nächsten fünf Jahren dafür investieren, sagt Giehl. Eine Summe, die bereits im Wirtschaftsplan des Energieerzeugers abgebildet sei. Wie viel Geld man in den darauffolgenden Jahren in die Hand nehmen müsse, um bis 2040 das Ziel Klimaneutralität zu erreichen, sei noch unklar, so der Mainova-Vorstand.
Klar ist hingegen jetzt schon, dass diese Transformation an Otto Normalverbraucher nicht spurlos vorübergehen wird. Vor allem deshalb, weil das Frankfurter Fernwärmenetz, das momentan gut 310 Kilometer umfasst, um bis zu 450 Kilometer erweitert werden soll. Rein rechnerisch, sagt Giehl, müssten damit jedes Jahr 30 Kilometer Leitungen neu gebaut werden. Zum Vergleich: In den vergangenen 20 Jahren schaffte man jährlich im Durchschnitt etwa fünf Kilometer, also gerade mal ein Sechstel des nun angepeilten Umfangs. Die Zahl der Baustellen dürfte in den kommenden Jahren also deutlich zunehmen: „Beeinträchtigungen wird es geben“, räumte der Mainova-Vorstand ein.
Für den Energieerzeuger selbst ist das Unterfangen aber noch mit ganz anderen Herausforderungen verbunden. Nicht nur wegen der Kosten, sondern auch angesichts des vielbeklagten Mangels an Fachkräften, von Materialknappheit sowie von oft schleppenden Genehmigungsprozessen in Behörden, wie Giehl durchblicken lässt. Letztere seien „derzeit nicht adäquat“ und müssten flexibler gestaltet werden, damit die Energiewende gelinge, mahnt er.
