VonPaul Brökerschließen
Valerie Schaubschließen
Während die Landwirte mit Traktoren auf die Straße „gehen“, solidarisieren sich manche Metzger aus der Region – auch aus Sorge um ihre eigene Zukunft.
Kreis Kassel – Die Proteste der Landwirte gegen die geplanten Kürzungen der Bundesregierung ziehen weiter Kreise. Nun solidarisieren sich einige Fleischer aus dem Kreis Kassel mit den Protesten. Manche Ladentheken in der Region bleiben deshalb am Montag, 8. Januar geschlossen. Trotz des plötzlichen Einlenkens der Politik beim Thema Kfz-Steuer am vergangenen Donnerstag halten Landwirte in der Region an ihren Forderungen fest und starten am Montag wie geplant die Protestwoche. Unter anderem ist heute eine Fahrt nach Wiesbaden geplant, am Mittwoch geht es zum Regierungspräsidium nach Kassel.
Dieser Fahrt schließt sich Marco Barthel an. Seine Fleischerei in Immenhausen-Holzhausen hätte sowieso ab heute wegen Instandhaltung geschlossen. Jetzt reist er mit nach Kassel und versorgt die protestierenden Landwirte mit Gehacktes-Brötchen, wie er sagt. Auch die Fleischerei Schomberg in Fuldatal bleibt heute geschlossen. Sie schlachtet wie Barthel selbst. Die Tiere kommen jeweils aus den umliegenden Ortschaften.
Fleischer aus dem Kreis Kassel haben Angst, dass ihnen das Fleisch ausgeht
Warum auch Fleischer mit Sorge auf die Kürzungen der Politik blicken, lässt sich in einem Satz überspitzt so zusammenfassen: Sie haben Angst, dass ihnen das Fleisch vor Ort ausgeht. Laut Fleischerinnung Kassel Stadt und Land gibt es nur noch drei größere Sauenhalter im Landkreis mit rund 200 Tieren – alle im Raum Hofgeismar. Die Lage sei jetzt schon angespannt, es fehlten Mastschweine. Gleichzeitig gäben immer mehr Landwirte auf.
Immer weniger und größere Betriebe
Betriebe, die Schweine halten, gehen laut Bundesanstalt für Landwirtschaft seit Jahren zurück. Zwischen 2010 und 2020 haben sie sich um 47 Prozent verringert. Gleichzeitig werden kleinere Betriebe immer weniger. Halter mit über 1000 Schweinen werden hingegen Standard. Laut einem Agrarfachmagazin haben seit 2013 11.800 Betriebe aufgegeben. Die Zahl der Schweine hat sich demnach in den letzten zehn Jahren um fast 25 Prozent verringert.
„Die Landwirtschaft sollte schon weiter unterstützt werden“, sagt Dirk Nutschan aus Espenau, Obermeister der Innung. Denn die Preise seien, anders als im Handel, festgeschrieben. Die Schweinepreise hätten sich zwar gut entwickelt, aber „Schweinebauern, die einmal aufgehört haben, fangen nicht wieder damit an.“ Noch vor vier Jahren habe Deutschland seinen Bedarf an Schweinefleisch zu 120 Prozent selbst decken können, heute liege die Zahl weit unter 100 Prozent. Viele Ferkel kämen aus Holland, Dänemark und Spanien, weil dort die Standards zur Haltung niedriger seien. Nutschan hält selbst wenige Schweine. Das Fleisch verkauft er auf Wochenmärkten in Kassel und Baunatal.
Welche Fleischer heute geschlossen bleiben, kann Dirk Nutschan nicht sagen. Laut dem Obermeister sind diese Aktionen nicht geschlossen über die Fleischerinnung geplant. Allerdings gehen sie weit über die Kreisgrenzen hinaus.
Einige Fleischereien im Landkreis Kassel bleiben geschlossen
„Wenn kein Bauer mehr da ist, der regional produziert, dann können wir auch nicht mehr regional verkaufen“, sagt Patrick Friedrich. „Fleisch aus dem Ausland will keiner.“ Er hat vor drei Jahren die Fleischerei Schomberg in Fuldatal-Ihringshausen übernommen. Die Bauern hätten schon genug von der Politik gemachte Probleme. Wenn Landwirte ihre Betriebe aufgäben, „wird Regionalität dadurch unmöglich.“
Der Ihringshäuser Fleischer schlachtet noch selbst. Seine Tiere kommen aus einem Umkreis von acht Kilometern, sagt er. Schon im vergangenen Jahr hätten neue Tierschutzauflagen die Situation für Schweinehalter verschärft. Manche, sagt Friedrich, hören dann lieber auf, bevor sie ihre Ställe umbauen müssen.
Nicht nur Landwirte, auch Fleischereien sind laut Friedrich von immer mehr Regeln und Bürokratie betroffen. „Vieles ändert sich ständig.“ Er selbst hat vor drei Jahren eine neue Maschine zur Betäubung auswechseln müssen, weil sich die Aufzeichnungspflicht geändert habe. „Und dann müssen wir noch auf Papier alles gegendokumentieren.“ Natürlich müssten Prüfungen möglich sein und alles seine Richtigkeit haben, aber das „ist absolut praxisfremd.“
Aktionswoche der Landwirte: Fleischer aus Holzhausen will Bauern mit Gehacktes-Brötchen versorgen
Fleischer Marco Barthel aus Immenhausen-Holzhausen beteiligt sich ebenfalls am Protest. Er will die Landwirte am Mittwoch auf ihrer Fahrt zum Regierungspräsidium nach Kassel mit Gehacktes-Brötchen versorgen. Auch er hat Sorge, irgendwann kein regionales Fleisch mehr verkaufen zu können. Die Tiere, die sein Betrieb schlachtet, kommen ebenfalls aus der Region, aus Carlsdorf, Hümme und Mariendorf. „Unsre Schweinehalter werden nicht mehr“ – eher weniger.
Neben diesen Sorgen gibt es in der Branche noch ein anderes Problem, das auch die Fleischer betrifft, die sich nicht am Protest beteiligen. Es fehlt Personal. Fast hätte Marco Barthel deshalb nicht einmal an den Protesten teilnehmen können.
Das Personalproblem kennt auch Martin Theisinger von der gleichnamigen Metzgerei in Habichtswald-Ehlen. Sein Laden hat sowieso nur donnerstags geöffnet, sagt er. „Die Verbraucher sind es schon gewohnt, dass wir nicht durchgängig geöffnet haben.“ Das liege auch daran, dass Personal schwer zu finden sei. Für ihn ist unklar, ob es etwas bewirkt, sein Geschäft zu schließen. Die Stimmung nimmt er als aufgeheizt wahr und rechnet damit, dass die Preise steigen werden, wenn Subventionen wegfallen. Aber: „Wenn die Metzgerei-Geschäfte längere Zeit schließen, würde das die Verbraucher womöglich treffen.“
Die Kunden von der Fleischerei Schomberg hätten fast ausnahmslos Verständnis dafür, heißt es aus Fuldatal. (Valerie Schaub/Paul Bröker)


