VonWilliam-Samir Abu El-Qumssanschließen
Am 8. Oktober ist nicht nur Landtagswahl, sondern auch Bürgermeisterwahl in Körle. Erneut ohne Gegenkandidaten tritt Amtsinhaber Mario Gerhold an.
Körle – Seit Kindheitstagen lebt Mario Gerhold in Körle, seine Familie ist über Generationen in dem Dorf verwurzelt. Ähnlich verwurzelt, wie der 53-Jährige mit dem Rathaus der Gemeinde, für die er seit 1986 arbeitet und das er seit 2000 als Bürgermeister leitet.
Doch eigentlich wollte Gerhold nach seinem Realschulabschluss noch etwas ganz anderes: Er wollte zum damaligen Bundesgrenzschutz. Der Einstellungstest lief super, wie er heute schmunzelnd berichtet. Nur seine Rot-Grün-Schwäche machte seinen Plänen einen Strich durch die Rechnung.
37 Jahre später kandidiert er zum fünften Mal als Bürgermeister. Einen Gegenkandidaten gibt es zum vierten Mal nicht. Wir sprachen mit ihm darüber, wie sicher er sich vor der Wahl fühlt, was ihn motiviert und über eine tierische Schnapsidee.
Herr Gerhold, nach vier Amtszeiten geht man doch sicherlich gelassen in diese Wahl, zumal es wieder keinen Gegenkandidaten gibt, oder?
Naja, sich zu sicher zu sein, wäre hier ein Fehler. Die Unzufriedenheit und Unsicherheit der Menschen ist durch die Corona-Pandemie, die Zuwanderung von Menschen aus dem Ausland und die steigenden Energiepreise gewachsen. Es spielt bei Wahlen schon eine große Rolle, dass Menschen die Sicherheit und Orientierung fehlt, die sie früher hatten – oder glauben, gehabt zu haben.
Was sorgt denn in Körle für Verunsicherung?
Wir haben hier ein paar Projekte im Ort, die nicht auf ungeteilte Zustimmung treffen. Beim Glasfaserausbau hakt es, das nervt viele Bürger und mich natürlich auch. Der Flächenverbrauch für Baugebiete oder die Gemeinschaftsunterkunft für die Flüchtlinge waren auch Grund für kontroverse Diskussionen.
Wir leben hier in Körle nicht auf einer Insel der Glückseligen. Deswegen gebe ich mir auch genauso viel Mühe, als wäre noch ein zweiter oder dritter Kandidat mit am Start.
Sie nennen ja einige Themen, die große Herausforderungen darstellen. Haben die bei Ihnen auch Zweifel geweckt, ob Sie sich das Amt noch einmal sechs Jahre antun wollen?
Die Themen selbst waren keine Gründe für Zweifel. Wie bei vielen Berufen ist es auch hier so, dass ständig neue Aufgaben um die Ecke kommen. Ich schätze hier in Körle die Atmosphäre für meine Arbeit als Bürgermeister sehr. Das Parlament und meine Kolleginnen und Kollegen geben mir einen guten Rückhalt, um mich neuen Aufgaben annehmen zu können. Dafür bin ich dankbar.
Im Parlament sitzen seit zwei Jahrzehnten nur noch zwei Fraktionen – CDU und SPD. Könnte es durch die lange Zusammenarbeit mit Ihnen als Bürgermeister auch zu Betriebsblindheit kommen?
Wir haben bei jeder Kommunalwahl natürlich schon eine Durchmischung der Gemeindevertreter. Bei der Wahl 2021 sind beispielsweise Leute, die bislang kommunalpolitisch kaum in Erscheinung getreten sind, als Gemeindevertreter gewählt worden. Das ergibt eine gute Mischung aus Erfahrung und Unvoreingenommenheit.
Also braucht es Ihrer Meinung nach keine weiteren Fraktionen?
Dass sich bislang keine weitere Gruppierung mit einer Liste aufgestellt hat, spricht wohl dafür, dass die beiden bestehenden Fraktionen recht viele Themen abdecken – abseits des bundespolitischen Programms. Es liegt also mehr an den Menschen, ihren Ideen und ihrem Engagement, und nicht an deren Fraktionszugehörigkeit.
Zweifel von Ihrer Seite an einer erneuten Kandidatur gab es, wie sie sagen, keine. Gab es denn in Ihrem engeren Umfeld Stimmen, die gesagt haben: „24 Jahre – reicht doch, oder?“
Es ist bei einer Aufgabe wie dem Bürgermeisteramt schon so, dass die größte Belastung wahrscheinlich für die Familie entsteht. Es sind zwar keine 80 Stunden in der Woche, die ich dienstlich verbringe, aber auch selten nur 40. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und dann fehlt man Zuhause.
Gerade was unsere Kinder angeht, lagen die Aufgaben vor allem bei meiner Frau. Sie hat mich immer unterstützt und hatte meistens auch Verständnis für meine Termine am Wochenende und abends. Das ist nicht selbstverständlich und ich weiß, ohne sie wäre das nicht möglich gewesen.
Wo holen Sie nach all der Zeit noch Ihre Ideen her?
Die Ideen kommen schon allein daher, wenn man mit offenen Augen durch unsere Gemeinde läuft. Gerade was die Themen Belebung des Körler Ortskerns und den Leerstand angeht, die ja auch schon in meinem Programm 2017 standen. Jetzt hat vor Kurzem die Fleischerei Wilke geschlossen.
Es bleibt also eine Daueraufgabe und es ist ein langer Atem von Nöten. Nur eine Amtszeit ist da schnell rum und zu wenig Zeit, um etwas zu verwirklichen. 23 Jahre mögen jetzt lang erscheinen, mir kam es aber recht kurz vor (lacht).
Sind Ihre Besuche bei Feiern wie Geburtstagen und Jubiläen auch eine wichtige Quelle?
Auf jeden Fall, diese Termine sind wie eine Sprechstunde. Ich erfahre von den Menschen, was funktioniert und was nicht. Ich nehme immer auch was an Aufgaben mit. Aber es ist auch schön, gespiegelt zu bekommen, wenn etwas funktioniert hat. Und nach fast 24 Jahren kann ich mich immer noch darüber freuen, wenn eine Sache gelingt, ob es Kleinigkeiten sind oder ob ein größeres Projekt gut funktioniert.
Dann ist an dieser Stelle auch Zeit für Eigenlob: Auf welches Projekt in 23 Jahren Amtszeit sind Sie besonders stolz?
In meinem ersten Wahlprogramm stand unter der Rubrik „Mobilität verbessern“ der Einkaufsbus – heute Bürgerbus genannt. Das haben wir damals bereits im Oktober 2000, kurz nach meinem Amtsantritt, an den Start bringen können. Und wir sind damit hier in Körle schon ein wenig die Mutter der Bürgerbusse. Daran erfreue ich mich noch heute, auch, weil das Angebot weiterhin sehr gefragt ist.
Und zum Abschluss noch Ihr größter Griff ins Klo als Bürgermeister?
Naja, Griff ins Klo würde ich es nicht nennen, aber ich hatte mal eine Idee, bei der ich im Nachhinein glücklich bin, dass sie nicht realisiert wurde. Am Waldkindergarten sollte es dauerhaft ein Esel-Projekt geben. Gerade als Körler dachte ich, dass man aus dem Thema Esel doch etwas mehr machen könnte (lacht).
Für den Kauf von Eseln hatten wir sogar schon Spenden gesammelt, doch es gab dann Stimmen, die das Ganze für eine Schnapsidee hielten. Ja, die Haltung und Pflege der Esel beansprucht sehr viel Zeit. Und beim zweiten und dritten Mal Nachdenken wurde die Idee dann auch wieder verworfen. Auch, wenn es die Kinder bestimmt gefreut hätte.
Steckbrief zu Mario Gerhold
Mario Gerhold (53) ist in Kassel geboren, in Körle aufgewachsen und lebt dort noch heute mit seiner Frau Carmen. Sie haben zwei Töchter, die 19 und 25 Jahre alt sind. Nach dem Besuch der Gesamtschule in Guxhagen begann er eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten bei der Gemeinde Körle, die er 1989 abschloss und wonach er als Sachbearbeiter in verschiedenen Bereich fest eingestellt wurde.
Er bildete sich währenddessen zum Verwaltungsfachwirt fort. Im August 1999 wurde er zum ersten Mal zum Bürgermeister von Körle gewählt, mit 67 Prozent der Stimmen. Werner Glöckner war der Gegenkandidat. Seit 2016 ist Gerhold Mitglied des Kreistags, dort Vorsitzender des Umweltausschusses. Seit Oktober 2022 ist er außerdem Mitglied im Präsidium des hessischen Städte- und Gemeindebundes.
Gerhold ist bei der Feuerwehr und im Naturschutz aktiv. In den Urlaub fährt er am liebsten dorthin, wo man wandern oder mit dem Rad fahren kann.
(William Abu El-Qumssan)
