VonValerie Schaubschließen
Altersarmut wird in Zukunft in Stadt und Landkreis Kassel immer mehr Menschen beschäftigen. Die Zahl derer, die Sozialleistungen beziehen, steigt.
Kreis Kassel – Sowohl in der Stadt Kassel als auch im Landkreis nimmt die Zahl der Menschen zu, die im Alter Grundsicherung beantragen oder berechtigt dazu sind, teilen beide Pressestellen mit. Sie rechnen damit, dass sich diese Entwicklung fortsetzt.
Schon jetzt hat bundesweit jeder Zweite Angst vor Armut im Alter, hat eine Umfrage des Institutes Yougov ergeben. Frauen fürchten sie noch mehr als Männer. Das passt zu Aussagen von Beratungsstellen. „Armut im Alter ist oft Frauenarmut“, sagt etwa Anja Walter, die im östlichen Landkreis ältere Menschen berät und auch Hausbesuche macht. Sie berichtet von Rentnern, die in einem heruntergekommenen Einzimmerappartment leben und auf der Couch schlafen, „obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet haben.“
Gleichzeitig hätten viele Betroffene keine Angehörigen, die sich um sie kümmern könnnen. „Die Vereinzelung trägt dazu bei, dass sie aufgeben.“ Daher beantragten sie oft auch keine Hilfe, weil die Formulare sie überforderten. „Es ist keiner für sie da, der sie abholt und sie ausfüllt“, sagt die Beraterin. Auch Warteschlangen oder Online-Formulare seien Hindernisse. So beantragten manche Bedürftige keine Hilfe, obwohl sie ihnen zustehen würde. „Dann rutscht man schnell in Armut.“
Trotzdem steigen die Summen, die Stadt und Landkreis an Bedürftige im Alter als Leistung auszahlen, seit einigen Jahren an, heißt es auf Anfrage. Das hat auch mit der Demografie zu tun: Laut einem Bericht des Statistischen Landesamtes steigt die Zahl der Menschen zwischen 65 und 80 Jahren bis 2035 an: in der Stadt von rund 27 000 Menschen (Stand 2021) auf 33 000, im Landkreis von 40 000 auf 51 000.
Ein großer Unterschied zwischen Stadt und Landkreis ist dabei die Wohnsituation. Die meisten der Beratungssuchenden im Landkreis haben ein Eigenheim, sagt Anja Walter von der Beratungsstelle in Kaufungen. In der Stadt sehe das sicherlich anders aus.
Trotzdem kann auch das zur Armutsfalle werden. Wenn beispielsweise der Ehemann stirbt, können sich viele Witwen kaum mehr leisten, dieses Eigenheim zu erhalten, berichtet Anke Schäfer von der Allgemeinen Sozial- und Lebensberatung in Hofgeismar. Die wenigsten wüssten, dass sie auch als Hausbesitzer an der Wohngeldstelle einen Lastenzuschuss beantragen können.
Bei manchen Betroffenen werden aber schon kleinere Dinge zur Armutsfalle. Laut Anke Schäfer können beispielsweise schon eine Gleitsichtbrille oder der Zahnersatz zu einer nicht zu leistbaren Belastung führen. Wer mit 800 Euro Rente im Monat klarkommen muss, davon 450 Euro Miete zahlt, der kann sich keine Gleitsichtbrille für 700 Euro leisten. Selbst nicht mit einem Mietzuschuss, rechnet Schäfer vor. Und Hilfen für die Brille gebe es nicht, Krankenkassen zahlten ebensowenig. Also behielten viele ihre Brille, auch wenn sie schon 20 Jahre alt ist.
Das Thema Armut im Alter ist oft auch schambesetzt, auf dem Land noch mehr als in der Stadt, das wissen viele Beratungsstellen. „Der Weg zum Amt ist schwer“, sagt Anke Schäfer. Wenn Betroffene Kinder haben, werden diese vom Sozialamt angeschrieben, unabhängig davon, wie viel sie verdienen. Viele Kinder müssten zwar nicht für die Eltern aufkommen – die Verdienstgrenzen sind sehr hoch – aber allein für diesen Brief schämten sich viele.
Auch Einsamkeit spielt eine Rolle, weiß Elke Tiemeyer von der Seniorenberatung des Diaonischen Werks im Wolfhager Land. „Je einsamer Menschen sind, desto bedrohlicher können Sorgen werden.“ Das sei auch so, wenn Entspannung fehle, etwa wenn Menschen nicht mehr mobil sind oder sich keine Veranstaltungen mehr leisten können.
Auch bei den Tafeln macht sich die Altersarmut bemerkbar. Aber nicht erst seit kurzem, sagt Wolfgang Rodermund von der Baunataler-Schauenburger-Tafel. Weil seit Anfang des Jahres mehr Menschen für Wohngeld berechtigt sind, kämen jetzt auch mehr Menschen zur Tafel. Denn das berechtige sie auch für ein Essen bei der Tafel. Rodermund rechnet auch in Zukunft mit mehr älteren Menschen bei der Essensausgabe.
