VonAnna-Laura Weyhschließen
Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die an Essstörungen wie Anorexie, Bulimie und Binge-Eating leiden, ist laut Daten der Kaufmännischen Krankenkasse gestiegen - auch in Kassel.
Kassel – Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden laut Daten der Kaufmännischen Krankenkasse unter Essstörungen wie Anorexie, Bulimie und Binge-Eating. Vor allem bei den 12- bis 17-jährigen Mädchen sei ein massiver Anstieg zu erkennen – von 2020 auf 2021 um rund 30 Prozent. Die Entwicklung sei auch im Raum Kassel sichtbar, sagt Dr. Dietmar Eglinsky, Klinikdirektor der Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Kassel.
„Es ist definitiv so, dass auch bei uns Häufigkeit und Schweregrad von Essstörungen zugenommen haben“, sagt der Mediziner. Generell beobachten Expertinnen und Experten das bei allen psychischen Krankheitsbildern seit der Corona-Pandemie. „Weil soziale Kontakte in Schulen und Vereinen weggefallen sind, blieben Essstörungen, aber auch andere Erkrankungen länger unentdeckt“, sagt Eglinsky.
Auffällig sei auch, dass die Betroffenen bereits im sehr jungen Alter erste Symptome zeigen: „Schon mit 11 oder 12 Jahren sehen wir Mädchen, die an Magersucht leiden“, sagt der Klinikdirektor. Auch Jungen seien mittlerweile betroffen. „Das ist bei anorektischen Essstörungen eher unüblich.“
Was sind Anorexie, Bulimie und Binge-Eating?
Expertinnen und Experten unterscheiden drei Hauptformen von Essstörungen: Die Magersucht (Anorexie), bei der Menschen bis zu einem lebensbedrohlichen Untergewicht hungern. Die Ess-Brech-Sucht (Bulimie), bei der Betroffene nach Essattacken erbrechen oder Abführmittel missbrauchen, um nicht zuzunehmen. Die Binge-Eating-Störung, die mit wiederkehrenden, unkontrollierbaren Essattacken einhergeht und zu starkem Übergewicht oder gar Adipositas führt.
Die Krankenkasse begründet den Anstieg der Essstörungen unter anderem mit der vermehrten Nutzung von Social-Media-Plattformen wie Instagram und Tiktok, da dort ein unrealistisches Körperideal vermittelt werde. Psychologin Karolin Wache, die bei der Kasseler Beratungsstelle Kabera arbeitet, sagt aber: „Die ältere Generation sieht das oft kritisch. Jugendliche selbst benennen es aber weniger als Auslöser für eine Essstörung.“
Es gebe hingegen genetische, soziale und psychische Ursachen dafür. „Wichtiger sind der Einfluss der Freunde und der Umgang in der eigenen Familie mit dem Thema Essen“, sagt Wache. Auch Eglinsky stimmt dem zu und ergänzt: „Die gesellschaftlichen Ideale, mit denen die Kinder in den sozialen Medien konfrontiert werden, sind dann noch das i-Tüpfelchen.“
Auch Kabera, die Beratungsstelle für Essstörungen an der Goethestraße, erreiche seit zwei Jahren noch mehr Anfragen als zuvor: „Wir haben Wartezeiten von bis zu drei Monaten“, so Wache. Häufig gebe es ein auslösendes Ereignis für eine Essstörung. „Es hat mit dem Verlangen nach Kontrolle zu tun. Das Außen kann man nicht kontrollieren, wohl aber den eigenen Körper“, sagt die Psychologin. Damit beginne der Suchtkreislauf.
Familie spielt wichtige Rolle
Bei der Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Kassel (KJP) werden die Betroffenen ambulant oder stationär behandelt. „Der Body-Mass-Index ist nicht allein ausschlaggebend für die Behandlungsart“, sagt Klinikdirektor Dr. Dietmar Eglinsky. Die Eltern seien als Kooperationspartner wichtig für das Klinikteam. „Wenn sie die Kraft haben, die Behandlung zu Hause zu begleiten, geht es oftmals auch ambulant“, sagt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.
Insgesamt spiele die Familie eine große Rolle: „Die Essstörung hat sich in der Familie entwickelt. Sie sollte auch dort gelöst werden. Ich sage immer: Nicht das Kind, sondern die Familie hat eine Essstörung“, so Eglinsky. Weil alle Familienmitglieder beteiligt seien, müsse die Dynamik auch in der Familie aufgelöst werden: „Deshalb ist Familientherapie ein wichtiger Teil unserer Arbeit.“
In der KJP gibt es eine Schwerpunktstation für Essstörungen. „Dort behandeln wir aber nicht nur essgestörte Patientinnen, sondern auch Kinder und Jugendliche mit anderen psychiatrischen Krankheitsbildern“, sagt Eglinsky. So können alle Kinder voneinander lernen.
Das Beratungsangebot von Kabera in Kassel kann der Erstkontakt beim Verdacht auf eine Essstörung sein. „Häufig kommen die Betroffenen und ihre Eltern aber auch nach einem Klinikaufenthalt oder einer Psychotherapie zu uns“, sagt Psychologin Karolin Wache. Da es sich bei Essstörungen um ein langfristiges Krankheitsbild handele, gebe es häufig wechselnde Settings. „Wir schauen gemeinsam, wie es weitergehen kann, und unterstützen bei der Vermittlung“, so Wache.
Die Versorgung in Kassel sei gut: „Die Stadt ist gut aufgestellt mit Wohngruppen für Betroffene. Und die ärztliche Zusammenarbeit ist eng“, sagt sie.
Die meisten Kinder und Jugendlichen, die essgestörtes Verhalten zeigen, leiden an Magersucht. Dabei handele es sich um eine lebensbedrohliche psychische Erkrankung, betont Wache. „Man sagt: Bei etwa einem Drittel der Betroffenen geht die Essstörung wieder weg, ein Drittel wird rückfällig und bei einem Drittel wird die Essstörung chronisch.“
Kabera leistet auch Präventionsarbeit und bietet Schulungen und Workshops für Schulen, Vereine und weitere Einrichtungen an.
Hilfe für Jugendliche, die an Essstörungen leiden, sowie für Angehörige in Kassel
Kabera: Die Beratungsstelle Kabera ist erreichbar montags 14 bis 15 Uhr sowie mittwochs 10 bis 11 Uhr unter Tel.: 05 61/43 07 70 57 oder per E-Mail: info@kabera.de und bietet Beratungstermine, Gruppenangebote für Betroffene und Eltern sowie Präventionsarbeit.
Klinik: Die Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Kassel ist erreichbar unter Tel. 05 61/3 10 06 31 00 55 oder per Mail: kjp@vitos-kurhessen.de – der erste Kontakt sollte aber über den Kinderarzt oder die Kinderärztin laufen.
Beratungstelefon: Das Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung steht Betroffenen und Angehörigen für Fragen rund um Essstörungen zur Verfügung unter Tel. 02 21/89 20 31, montags bis donnerstags: 10 bis 22 Uhr, freitags bis sonntags: 10 bis 18 Uhr. Auf der Webseite unter bzga-essstoerungen.de gibt es weitere Infos rund um Essstörungen und eine Online-Suche für Beratungsangebote in der Umgebung.
