VonBea Rickenschließen
Ein Gastronom kritisiert die Bundesregierung. Ginge es nach ihm, hätte es schon bei der Einführung der Mehrwertsteuer keine Ungleichbehandlung geben dürfen.
Wolfhager Land – Während der Corona-Pandemie sollte die Mehrwertsteuersenkung auf sieben Prozent Gastro-Betriebe entlasten. Sie läuft Ende des Jahres aus. Eine mögliche Erhöhung auf 19 Prozent würde auch Unternehmen im Kreis Kassel vor Herausforderungen stellen.
„Viele Betriebe hängen nach Corona immer noch hinterher“, sagt Lukas Frankfurth, Dehoga-Kreisvorsitzender für die Stadt Kassel und den Landkreis. Verständnis für eine Mehrwertsteuererhöhung habe der Betreiber des Parkhotels Emstaler Höhe in Bad Emstal daher nicht. Er sei verärgert von den unklaren Aussagen der Bundesregierung: „Olaf Scholz hat uns im Wahlkampf versichert, die gesenkte Mehrwertsteuer nicht wieder abzuschaffen.“ Durch die Energiekrise und gestiegene Preise bei Milch, Öl und Butter sei die Situation für viele Gastro-Betriebe ohnehin schon prekär. Dazu kämen unfaire Wettbewerbsverhältnisse:
„Lieferdienste müssen weniger Steuern erheben als Restaurants.“ Sollte die Mehrwertsteuer tatsächlich erhöht werden, gehe er davon aus, dass einigen Gastro-Betrieben die Schließung droht. Von anderen Gastronomen habe er bereits gehört, dass diese ihre Speisekarte verkleinern. Dies sei für ihn keine Option. „Trotzdem müssen auch wir die Preise erhöhen“, bedauert er.
Wolfhager Gastronom verärgert: Erhöhter Satz schon immer ungerecht
Sehr ärgerlich darüber ist auch Jörg Waßmuth, Betreiber des Schiffchen in Wolfhagen. Es sei schon 1968 bei der Einführung der Steuer ungerecht gewesen, diesen Satz in der Gastronomie einzuführen. Bei weniger Gästen müsse man die Preise um 30 Prozent erhöhen, um denselben Rohertrag zu erzielen. „Die Gastronomie im ländlichen Raum wird sterben“, prophezeit Waßmuth.
Jörg Waßmuth ist so sauer über die Aufhebung der Mehrwertsteuersenkung, dass er jetzt einen Brief an alle Landtags- und Bundestagsabgeordneten des hiesigen Wahlkreises verfasst hat. Darin schreibt er, dass bei der Einführung der Mehrwertsteuer im Jahr 1968 beschlossen worden sei, dass Speisen zum Bedürfnis des täglichen Bedarfs zählten und somit den reduzierten Steuersatz erhalten müssten. „Die Speisen im Restaurant wurden aber ungerechter Weise als Verpflegungsdienstleistung eingestuft und mit dem vollen Satz besteuert“, sagt Waßmuth.
2020, während der Pandemie, mussten Restaurants schließen, aber Betriebe für das Bedürfnis des täglichen Bedarfs hätten geöffnet bleiben dürfen. Dann habe die Regierung beschlossen, dass beruflich reisende Hotelgäste im Restaurant bewirtet werden dürfen, da die Bewirtung im Restaurant ein Bedürfnis des täglichen Bedarfs sei.
Verschärfte Lage in der Gastronomie: 2000 Betriebe könnten schließen
Letzteres sei dann wohl aufgefallen und deshalb habe man unter anderem Vorwand, nämlich zur Unterstützung der Gastronomie, die Speisen im Restaurant mit dem reduzierten Steuersatz belegt, um nicht zugeben zu müssen, dass die Gastronomie seit 1968 ungerecht behandelt würde, vermutet der Wolfhager Gastronom. „Aus meiner Sicht ist die befristete Senkung eine Notlüge.“
Waßmuth rechnet mit einem Szenario von 2000 Betrieben, die in Deutschland schließen müssten, wenn sich die Lage durch die erhöhte Mehrwertsteuer verschärfe. Die Zahlen stammten vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Hinzu kämen Entlassungen von 80 000 Mitarbeitern und kaum noch Investitionen in die Gastronomie.
Bei 20 Prozent weniger Konsumenten müssten die Preise bei der Erhöhung um über 30 Prozent brutto erhöht werden, um denselben Rohertrag zu erzielen. „Die Gastronomie im ländlichen Bereich wird komplett sterben, aber 40 Millionen Investitionen in nur ein ländliches Hotel Sababurg sind kein Problem“, sagt Jörg Waßmuth bitter. Diesen Betrag könne dieser Betrieb doch niemals selbst erwirtschaften. (Bea Ricken)
Ein Wolfhager Gastronom hat eine Hilfsaktion für einen Freund gestartet, der durch die sintflutartigen Regenfälle in Griechenland hart getroffen wurde.
