Schlupfwespen schützen Mais

Mithilfe von Drohnen: Biologisches Verfahren ersetzt Pestizide in der Landwirtschaft

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Drohne über Maisfeld: Der von Laurenz Blickwedel gesteuerte Multicopter wirft Schlupfwespeneier ab. Begeistert von der Technik sind (von links) Landwirt Eike Hancken, Jan-Max Werner (LLH) und Michel Lenz (RP Gießen).
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Pestizide müssen nicht sein, vor allem nicht beim Maisanbau. Dass mithilfe von Schlupfwespen und einer Drohne Pflanzen biologisch von Schädlingen befreit werden können, zeigt ein Landwirt in Grimelsheim.

Kreis Kassel – Pflanzenschutzmittel schützen Nutzpflanzen vor Schadinsekten, Pilzinfektionen oder unerwünschten Konkurrenzpflanzen. Der Einsatz von Bioziden hat aber stets auch Auswirkungen auf die Artenvielfalt sowie Boden und Wasser. Deshalb hat das Land Hessen einen „Pestizid-Reduktionsplan 2023 bis 2030“ aufgelegt. Mit dem Plan soll der Einsatz von Spritzmitteln bis zur Jahrzehntwende um 30 Prozent gesenkt werden.

Die Landesregierung hat das Ziel, „Pestizide in allen Bereichen zu reduzieren, die Abnahme der biologischen Vielfalt aufzuhalten und zum Schutz und Wiederherstellung der natürlichen Ressourcen beizutragen“, schreibt Umweltministerin Priska Hinz in ihrem Vorwort zum Pestizid-Reduktionsplan.

Eine Möglichkeit, den Einsatz von Bioziden herunterzufahren, ist die Anwendung biologischer Methoden zur Schädlingsbekämpfung. Geeignet dazu sind beispielsweise Schlupfwespen. Die winzig kleinen Tiere werden in Nordhessen aktuell im Maisanbau gegen den Maiszünsler eingesetzt. Der Schmetterling ist seit etwa zehn Jahren in der Region anzutreffen.

Schädlingsbekämpfung ohne Pestizide: Maiszünsler-Befall für hohen Ertragsverlust verantwortlich

Wird der Maiszünsler nicht bekämpft, so führt der Befall zu 30 Prozent und mehr Ertragsverlusten, sagt Michael Lenz, beim RP Gießen zuständig für den Pflanzenschutzdienst. Es gäbe heute in Nordhessen keinen Maisschlag mehr, der nicht vom Zünslerbefall betroffen sei, so Lenz. In den vergangenen Jahren habe der Befall bis zu 80 Prozent aller Pflanzen erreicht.

Multicopter-Pilot Laurenz Blickwedel kann am Tag bis zu 150 Hektar zu überfliegen. Die GPS-gesteuerten Drohnen werfen Kügelchen mit Schlupfwespeneiern punktgenau im Abstand von zehn Metern über dem Mais ab.

Wurde in früheren Jahren der Maiszünsler im konventionellen Landbau mit der Giftspritze bekämpft, so können sich Landwirte heute der Schlupfwespen als Schädlingsbekämpfer bedienen. Davon macht in diesen Tagen auch Eike Hancken vom Gut in Grimelsheim Gebrauch.

Hancken baut Mais auf 60 Hektar für seine Biogasanlage an. Vor einigen Jahren brachte er die an Kärtchen gehefteten Schlupfwespeneier noch per Hand an den Stängel der Maispflanzen an. Inzwischen bekämpft er den Maiszünsler aus der Luft per GPS gesteuerten Drohnen. Der Einsatz der Kleinsthubschrauber (Multicopter) kostet Hancken rund 70 Euro pro Hektar – etwa ebenso viel wie eine konventionelle Insektizidbehandlung. Aber die Zünslerbekämpfung mit Schlupfwespen hat einen entscheidenden Vorteil: Sie schont andere Nützlinge und hat keine negativen Auswirkungen auf den Naturhaushalt und Oberflächengewässer. So, wie es die Landesregierung fordert.

Viele Akteure sind an der Bekämpfung des Maiszünslers beteiligt

Mais wird auf allen Erdteilen angebaut. Für Millionen Menschen gehört er zu den Grundnahrungsmitteln. In Deutschland wird vor allem Silomais zur Gewinnung von Biogas angebaut. Aber auch der Anbau von Körnermais hat in den vergangenen Jahren zugenommen. „Mais ist die mit Abstand bedeutendste ackerbauliche Sommerkultur“, sagt Michael Lenz vom Pflanzenschutzdienst Hessen beim RP Gießen.

Die gesamte Anbaufläche von Körner- und Silomais beträgt in Hessen etwa elf Prozent der Ackerfläche. Das gelte auch für Nordhessen, so Lenz. Im Sommer ist der Pollen des in der Blüte stehenden Maises eine wichtige Nahrungsquelle für Bienen und andere Insekten.

Weil der Mais auch mit wärmeren Temperaturen gut zurechtkommen kann, ist er „in Zeiten des Klimawandels eine interessante weil resistente Frucht“, so Lenz. Umso wichtiger ist deshalb die umweltschonende Bekämpfung des Maiszünslers. Der kleine Schmetterling ist der größte Schädling im Maisanbau. Insbesondere im Körnermais ist er nicht zu tolerieren. Denn wenn der Kolben befallen ist, kann es zu Pilzinfektionen kommen, die wiederum für Mensch und Vieh giftige Stoffwechselprodukte zur Folge haben.

Maiszünsler im Larvenstadium. Die Larve kann im unteren Bereich des mit Bast ausgepolsterten Stängels überwintern. Daher sollten Stoppeln untergepflügt werden.

„Die Bekämpfung des Maiszünslers ist ein Zusammenspiel von vielen Akteuren“, weiß Landwirt Eike Hancken. Da sind der Pflanzenschutzdienst Hessen und der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH). Sie informieren den Landwirt durch Beobachtung des Falterfluges, der Eiablage und der Witterung über den richtigen Einsatztermin der Schlupfwespen. Der Maschinenring Kassel beschafft die kleinen Nützlinge zentral von den Produzenten, zum Beispiel der Firma Biocare in Einbeck.

Für die Applikation der Schlupfwespeneier an den Pflanzen ist dann unter anderem Ingenieur Andreas Steiner von der Firma Dobbix in Kassel zuständig. Er sorgt mit seinen Multikopter-Piloten für die Drohnenflüge über den Maisschlägen. Sein Pilot Laurenz Blickwedel schafft es, bis zu 150 Hektar am Tag zu überfliegen. Bei dem Verfahren wird gewährleistet, dass sich pro Hektar mindestens 200 000 Schlupfwespen in mehreren Schlupfwellen auf die Suche nach Maizünslereigelegen begeben. (Gerd Henke)

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