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Nur wenige Tage dem Görtz-Aus in Kassel steht fest: Auch Elke Berndt in Bad Wilhelmshöhe hört Ende April mit ihrem Geschäft auf.
Kassel – Wenngleich die Gründe vielfältig sind, ist auffällig, dass in den vergangenen Jahren immer wieder Kasseler Schuhläden dichtmachen mussten.
Mitte 2023 bereits hatte Görtz die Filiale im City-Point aufgegeben. Nun ist die Hamburger Firma abermals in die Insolvenz gerutscht und zieht sich völlig zurück. Roland Schuhe, Klauser Schuhe, Schuh Surup – es gab sie mal. Jetzt sind sie alle Geschichte.
Elke Berndt betreibt ihren Laden an der Wilhelmshöher Allee seit mehr als 25 Jahren
Wie viele Schuhläden genau es in Kassel gab und gibt, ist gar nicht so einfach zu beziffern. Laut der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg können die Zahlen nur der Orientierung dienen. In der Mitgliederstatistik sei ein Rückgang im Schuheinzelhandel in Kassel insbesondere nach der Corona-Pandemie zu sehen, sagt Oliver Stöhr von der IHK. Im Jahr 2018 wurden noch 32 Schuhgeschäfte gezählt, in diesem Jahr sind es nur noch 19.
Elke Berndt betreibt ihren Laden an der Wilhelmshöher Allee seit mehr als 25 Jahren. Bis 2010 war sie in der Innenstadt zu finden. „Die Lage in Bad Wilhelmshöhe ist top“, sagt die 68-Jährige. Dennoch hat sie schon länger geplant, einen Schlussstrich zu ziehen. „Mit knapp 70 möchte ich mich wieder stärker Themen wie Reisen und Sport widmen.“ Schön sei, dass voraussichtlich wieder ein Modegeschäft einzieht. Geplant ist, dass dort zumindest auch Schuhe verkauft werden.
Auch Berndt hat neben Damenschuhen auch Damenoberbekleidung verkauft. Viele treue Stammkunden habe sie in den vergangenen Jahren gewinnen können. „Anfangs hatte ich noch einige Mitbewerber. Das hat sich gravierend verändert.“ An der Wilhelmshöher Allee ist sie seit einiger Zeit die einzige Anlaufstelle für klassische Schuhkäufe gewesen.
Verkäufer finden Beratung essenziell
Davon, dass Schuhläden vor großen Herausforderungen stehen, kann auch Vera Neumeyer ein Lied singen. Sie arbeitet bei Ecco in der Kasseler Innenstadt und ist schon seit 1980 im Verkauf tätig. Damals hat sie bei Salamander gelernt, dem Vorgänger von Schuhhaus Schäfer. „Selbstverständlich ist der Online-Handel ein großes Problem“, sagt sie. Früher habe man allein bis mittags um die 20 Paar Schuhe verkauft. „Heute kann man froh sein, wenn so viele Paare am Tag weggehen.“
Man müsse sich vom Sortiment breiter aufstellen, mehr Marken ins Programm aufnehmen, jüngeres Publikum anziehen, um relevant zu bleiben, sagt Neumeyer. Schließlich sei eine gute Beratung, insbesondere beim Schuhkauf, eigentlich enorm wichtig. „Gerade eben hatte ich einen Kunden mit Fußproblemen.“ Online könne man da überhaupt nicht die passende Ware auswählen. „Das braucht Zeit und man muss verschiedene Modelle anprobieren.“
So sieht es auch Elvira Münchberg, die in Kassel und Göttingen in ihrem Laden Schuh Rösel verkauft. „Ich bin in der ganzen Bundesrepublik vernetzt.“ Dass immer mehr Einzelhändler im Bereich Textil – auch Schuhverkäufer – schließen müssen, sei überall gleichermaßen bekannt. „Da gibt es sogar Städte, die noch heftiger betroffen sind als Kassel.“
Münchberg hält es ähnlich wie Neumeyer für unerlässlich, den richtigen Schuh vor Ort anzuziehen. „Ein Schuh ist etwas vollkommen anderes als eine Hose.“ Immer wieder sehe sie vor allem junge Menschen, die vollkommen falsch gehen, weil sie die falschen Schuhe tragen. „Das kann schwerwiegende Rückenprobleme nach sich ziehen“, weiß die erfahrene Verkäuferin. (Daria Neu)
Branche kämpft
Dass die Branche zu kämpfen hat, zeigen auch Hochrechnungen des BTE Handelsverband Textil Schuhe Lederwaren. Demzufolge sind die Umsätze mit Schuhen in Deutschland im vergangenen Jahr um 90 Millionen Euro auf 11,62 Milliarden Euro gesunken. Besonders betroffen sei der stationäre Schuhfachhandel mit Einbußen in Höhe von 100 Millionen Euro (minus 1,5 Prozent) gewesen. Der Online-Handel habe hingegen um 20 Millionen Euro (0,7 Prozent) zugelegt. Auch für dieses Jahr sind die Umsatzerwartungen der Schuhhändler laut dem Handelsverband sehr verhalten.

