VonMatthias Lohrschließen
Das nachhaltigste T-Shirt ist das, das man gar nicht erst kauft, heißt es. Darum stellt dich die Frage: Wie nachhaltig kann nachhaltige Mode sein? Zwei Kasseler Unternehmer haben Antworten.
Kassel – Von Esprit bis Gerry Weber – in den vergangenen Jahren mussten zahlreiche Textilhersteller und Modegeschäfte Insolvenz anmelden. Fachleute diagnostizieren den dramatischen Niedergang einer ganzen Branche. Zwei junge Kasseler Unternehmen behaupten sich dagegen seit zehn Jahren am Markt mit nachhaltiger Mode: Mela steht für fair und ökologisch produzierte Mode, Soki macht per Upcycling aus alter Wäsche neue Textilien. Wir sprachen mit den Gründern Henning Siedentopp (Mela) und Kira Kimm (Soki).
Frau Kimm, Herr Siedentopp, wie groß sind Ihre Kleiderschränke zuhause?
Kira Kimm: Ich habe einen begehbaren Kleiderschrank. Da ist noch viel Platz. Ich habe nicht viel Kleidung, weil ich eher der Typ bin, der immer wieder das Gleiche anzieht, bis es auseinanderfällt.
Henning Siedentopp: Mein Kleiderschrank ist etwa ein Meter mal 1,50 Meter. Der ist zu zwei Dritteln voll. Ich habe extrem wenig Klamotten.
Sie haben Ihre Firmen beide vor zehn Jahren gegründet, um nachhaltige Mode zu produzieren. Damals setzte sich bei vielen der Gedanke durch, dass es gut ist, nicht zu viel zu kaufen. Hatten Sie die richtige Idee zur richtigen Zeit?
Kimm: Es war auf jeden Fall eine Zeit, in der das Bewusstsein wachgerüttelt wurde. Ein Jahr zuvor war in Bangladesch die Textilfabrik Rana Plaza eingestürzt. Mehr als 1100 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben, mehr als 2000 wurden verletzt. Viele in unserer Generation hat das wachgerüttelt und gezeigt, dass es mit dem System Fast Fashion so nicht weitergehen kann und man alternative Wege gehen sollte. Ich war damals auf Jobsuche, es gab aber keine wirklichen Jobs in der Branche. Deswegen haben wir uns selbstständig gemacht.
Siedentopp: Bei mir wäre es unternehmerisch besser gewesen, zwei oder drei Jahre früher anzufangen. Mit der Gründung kamen wir etwas zu spät. Erst als ich meinen Uni-Abschluss und fünf Jahre Berufserfahrung sowie ein Sabbatjahr gemacht hatte, war ich bereit. Für mich persönlich war es so genau der richtige Moment.
Heute schätzen Experten den Umsatzanteil nachhaltiger Mode immer noch auf maximal ein bis vier Prozent. Ist der Hype schon wieder vorbei?
Siedentopp: Bis zu fünf Prozent am Branchenumsatz, das kommt hin, denke ich. Auf dem Nachhaltigkeitsniveau, auf dem Mela produziert, sind es eher 0,1 Prozent. Das Interesse ist in jedem Fall groß. Allerdings haben die vergangenen beiden Jahre die Stimmung getrübt. Für viele Menschen ist der Geldbeutel kleiner geworden. Das hat zu einer Stagnation geführt. Seit sechs Monaten sehen wir jedoch, dass die Nachfrage wieder anzieht. Trotz Krieg, Inflation und Energiekrise denken die Leute wieder um. Zudem haben wir die Krise genutzt, um zu schauen: Was können wir anders machen?
Was machen Sie anders?
Siedentopp: Wir haben bewusst investiert. In der Krise sind wir aus der Nordstadt in unser neues Gebäude im Schillerviertel mit 2500 Quadratmetern Fläche gezogen und haben unser Team verdoppelt. Wir haben einen neuen Webshop entwickelt, der in den nächsten Wochen live geht. Unser Produkt-Portfolio haben wir krass erweitert. Die Produktbereiche Socken und Home sind dazu gekommen. So konnten wir Dämpfer in anderen Bereichen ausgleichen. Dazu kommt ein verändertes Logo. Mit all dem sprechen wir andere Märkte an.
Wie spürt man die Krise bei Soki?
Kimm: Als Teil des stationären Einzelhandels bekommt man direkt mit, dass vieles rückläufig ist. Vor Weihnachten steigt die Hoffnung, dass viele Menschen den stationären Einzelhandel supporten. Das muss man immer wieder laut bewerben. Wenn man ständig im Internet einkauft, muss man sich nicht wundern, wenn der Laden um die Ecke irgendwann nicht mehr da ist. Gerade in Kassel haben zuletzt viele coole Einzelhändler aufgegeben. Wir sind nach wie vor überzeugt, dass nachhaltiger Konsum die Zukunft ist – und sein muss. Dabei geht es auch um die Frage: Wie viele Artikel braucht man? Soki und Mela zeigen, dass nachhaltiger Konsum nicht teuer sein muss.
Inwiefern muss man als Anbieter in einer solchen Krise auch billiger produzieren?
Kimm: Das geht nicht, wenn man einen Anspruch hat, wie wir ihn haben. Man muss flexibel sein und vielleicht andere Märkte ansprechen. So haben wir in der Krise Kooperationen mit anderen Unternehmen gestartet. Mit dem Handball-Bundesligisten MT Melsungen haben wir ein Trikot-Upcycling begonnen. Durch die Geisterspiele in der Pandemie hatte der Verein viele Trikots übrig. Daraus haben wir in unserer Werkstatt zeitlosen und nachhaltigen Merch genäht. Wir haben mit Kasseler Museen zusammengearbeitet. Und seit kurzem upcyceln wir Trikots für den Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg. Unser Ziel ist es, textile Ressourcen zu retten. Wir verhindern, dass Bettwäsche einfach weggeschmissen wird. Stattdessen machen wir daraus etwas Neues. Das machen wir jetzt auch mit Trikots.
Mela produziert in Indien. Warum nicht in Europa, etwa in Portugal, wo Soki auch in der Vergangenheit Teile produzieren ließ?
Siedentopp: Wir haben vom ersten Tag an in Indien produziert. Es gibt drei Orte auf der Welt, wo Baumwolle im großen Stil angebaut wird. Ein Drittel des Marktes liegt in China, wo es keine Menschenrechte gibt, ein Drittel in den USA, wo genmanipuliertes Saatgut dominiert, und ein Drittel in Indien. Nur hier funktioniert Fair Trade und Bio. Zudem wird hier nicht nur Baumwolle im großen Stil angebaut, auch Garne, Stoffe und Färbungen kommen von dort. Das schafft kein anderes Land und sorgt für kürzere Transportwege. Fast alle Textilien, die in Europa produziert werden, werden aus Zutaten hergestellt, die aus Fernost stammen. In Indien können wir eine maximale Wertschöpfung im Land des Rohstoffs lassen. Das ist nachhaltiger, als Rohstoffe für möglichst wenig Geld nach Europa zu schaffen.
Damit hängt eine grundsätzliche Frage zusammen: Wie nachhaltig kann nachhaltige Mode sein?
Siedentopp: Es gibt zwei Denkschulen. Die eine sagt: Ich kaufe wenig oder gar nicht. Die andere empfiehlt: Ich kaufe Dinge, die gut sind und den Menschen und der Umwelt nicht schaden. Mela glaubt: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Gar nicht kaufen, ist ein toller Ansatz, aber irgendwann kommt der Punkt, wo man Kleidung braucht. Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder kaufe ich es günstig und toxisch belastet oder aber fair, was gut für Mensch und Umwelt ist. Darum haben wir unsere Produkte mit einem Code ausgestattet. Wir werden alle Produkte zurücknehmen und neue Stoffe oder Garne daraus machen. Das wird ein geschlossener Kreislauf. Man kann also konsumieren und Ressourcen schonen. Trotzdem sollte vor jeder Kaufentscheidung die Frage stehen: Brauche ich das wirklich?
Welcher Denkschule gehört Soki an?
Kimm: Man sollte in jedem Fall bewusst konsumieren. Wir bekommen immer wieder Anrufe von Menschen, deren Großeltern gestorben sind und die nicht wissen, wohin mit den ganzen Textilien. Über diese alten Schätze freuen wir uns sehr, weil ältere Bettwäsche meist eine ganz tolle Qualität hat. In der Regel ist sie besser produziert, als es heute der Standard ist. Daraus können wir einzigartige Produkte machen.
Andere Firmen ziehen früher oder später nach Berlin. Warum ist Kassel ein guter Standort für Sie?
Siedentopp: Für uns ist Kassel ein strategischer Standort. Die Region ist ein Logistik-Hub. Unsere DHL-Pakete erreichen fast 99 Prozent der Kunden bereits am nächsten Tag. Auch die Lebensqualität ist hier sehr hoch. Wir kommen beide aus Kassel und wissen, warum Kassel die glücklichste Großstadt Deutschlands ist. Unser Sitz ist übrigens im Zentrum der Stadt. Kollegen von uns sitzen entweder auf dem Land oder haben ihre Logistik am Rand einer Metropole wie Hamburg. Es ist ein Luxus für uns, direkt am Hauptbahnhof zu sein. In einer anderen Stadt wäre das unmöglich.
Wie finden Sie die Kasseler Innenstadt, wo Soki 2017 während der documenta einen zweiten Laden in der Treppenstraße hatte?
Kimm: Unser zweiter Standort war nur für die Zeit während der documenta gedacht. Auf Dauer hätte sich das nicht gelohnt. Kassels Innenstadt ist nicht so schön anzusehen. Die Ketten und der Leerstand laden nicht zum Flanieren ein. Ganz anders ist es an unserem Standort im Vorderen Westen. Auch viele Kunden von außerhalb kommen bewusst dorthin, weil man in dem Quartier gut bummeln kann. Sie sind total begeistert von der Friedrich-Ebert-Straße zwischen Bebelplatz und Annastraße.
Viele Unternehmen klagen über das EU-Lieferkettengesetz, das die die Einhaltung von Menschenrechten in globalen Lieferketten regeln soll. Was wünschen Sie sich von der Politik?
Siedentopp: Der größte Wettbewerbsnachteil für uns ist, dass Mode aus Indien mit 12 Prozent Zoll belastet ist, während Mode aus Billiglohnländern wie Bangladesch und Pakistan mit 0 Prozent Zoll importiert werden darf. Vordergründig soll dies Entwicklungshilfe sein. In Wirklichkeit hat die Politik mit den Ländern, in denen am billigsten produziert wird, die besten Zoll-Deals ausgehandelt. Das ist eine Doppelbelastung: Einmal wird Indien bestraft, wo die Standards höher sind als anderswo. Und als Hersteller muss man ein teureres Produkt einkaufen. Es sollte aber nicht bestraft werden, wenn man als Hersteller in ein demokratisches Land geht. Zudem sollten Fairtrade- oder Bioprodukte einen Zollvorteil bekommen. Das wäre das Beste, das der Branche und dem Globalen Süden passieren könnte.
Kimm: Bürokratie sollte es selbstverständlich nur so viel geben, wie es unbedingt nötig ist. Wenn wir als kleiner Betrieb dieselben Auflagen erfüllen müssen wie ein Großkonzern, der viel mehr Manpower hat, ist das eine Herausforderung für uns. Trotzdem ist Transparenz wichtig. Die Kunden sollen nachvollziehen können, wo und wie Sachen gefertigt wurden. Bei soki und Mela wird alles offen gelegt. Aber gerade Unternehmen, bei denen die Produktion menschenunwürdig ist und die Natur leidet, sind gefordert. (Matthias Lohr)
