Kasseler Schokoladenkugeln gehen auf Briefwechsel der Brüder Grimm mit der Tante zurück

Neue Grimm-Kugeln nach Originalrezept in Kassel

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Naschen wie die Grimms: Claudia Ebbrecht, Amanda Dahl und Andrea Linnebach haben Original Grimm-Kugeln getreu dem Originalrezept aus dem Jahr 1812 entwickelt.
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Kein Wunder, dass die Brüder Grimm davon mehr wollten: Die Kugeln, die heute ihren Namen tragen, stecken voller Schokolade. Konditormeisterin Amanda Dahl hat sie zusammen mit ihrer Kollegin Tessa Bingemann mithilfe der wissenschaftlichen Expertise von Kulturhistorikerin Andrea Linnebach nach dem Originalrezept kreiert. Herausgekommen sind kleine, handgerollte Kugeln, die schmecken wie zu Grimms Zeiten.

Kassel – Vor einigen Jahren gab es bereits Grimm-Kugeln, basierend auf historischen Zeugnissen. Sie waren als Hohlpralinen gefertigt, also einem Verfahren, das erst im 20. Jahrhundert erfunden wurde und damit nicht originalgetreu war. Und die Zutat Sahne, die verwendet wurde, war zu Grimms Zeiten nicht üblich in Schokoladenkugeln. Die erste Milchschokolade wurde erstmals bei der Weltausstellung in Paris im Jahr 1878 präsentiert.

Auch aus diesen Gründen wurde die Rezeptur komplett überarbeitet. Das war eine Herausforderung für die beiden Konditorinnen, die noch nie mit mehr als 200 Jahre alten Originalrezepten gearbeitet haben. „Das Experimentieren hat Spaß gemacht“, sagt Amanda Dahl. Fünf Rohschokoladen wurden getestet, um den besten Geschmack und die perfekte Konsistenz zu treffen.

Bei den Zutaten hielten sie sich streng an das Rezept des Hofkonditors Johann Christian Eupel aus Gotha. Am dortigen Hof lebte Kurfürstin Wilhelmine Caroline im Exil – nach der Eroberung Hessens 1806 durch Napoleon. Mit dabei war ihre Kammerfrau Henriette Zimmer, die Tante der Brüder Grimm. Über sie kamen die beiden auch in den Genuss von Senf und Olivenöl.

Ein authentisches Schokoladenkugel-Rezept zu finden, war nicht einfach, da im regen Briefwechsel der Tante mit den Neffen keine Zutaten genannt wurden, teilt Wissenschaftlerin Linnebach mit. Das Luxusprodukt Schokolade war damals als Getränk bekannt. Goethe war ein Schokoladenliebhaber, und Schiller soll sich gerne noch einen Schuss Wein ins Getränk genehmigt haben. Schokolade wurde damals in Apotheken verkauft und taucht als „Gesundheitsschokolade“ in Grimms „Deutsches Wörterbuch“ auf. Bekannt waren bereits mit Kakao versetzte Bonbons und Dragees. Der Kasseler Konditor Meny annoncierte zu Weihnachten 1795 zum Beispiel ein „Chocoladen Brod“.

Aufgrund der Briefe geht Andrea Linnebach davon aus, dass die Schokoladenkugeln auf der Rezeptur des Gothaer Hofkonditors Eupel beruhen, der in einem Buch „Der vollkommene Conditor“ (1819) ein Rezept veröffentlicht hat, das den Namen „Pralins von Chokolade“ trug. Zuckerpaste, Staubzucker, Vanille und feingeriebenes warmes Kakaopulver sollte zu haselnussgroßen Kugeln gerollt und mit warmer Kakaomasse überzogen werden. „Sind sie kalt geworden, so können sie für den Verkauf aufbewahrt werden“, heißt es im Rezept.

Heute werden die Kugeln aus Schokolade der Sorte „Ur-Maya-Kakao“, Kakaobutter, Zucker, Wasser und Vanille hergestellt, von Hand gerollt und in knallbunte Alufolien gewickelt. Obenauf ein Aufkleber mit dem Konterfei der Brüder Grimm, und fertig ist die Grimm-Kugel. So erklärt sich auch der Preis: Eine Sechserpackung kostet zwölf Euro. Bislang sind sie nur in der Pralinenwerkstatt Schmunzelgeist (Gilsastraße 19) erhältlich.

Besonders sind auch die Verpackungen, die an die bunten Tapeten erinnern, die auch in der Grimmschen Wohnung hingen. Es waren Tapeten der Arnold’schen Tapetenfabrik, berichtet Claudia Ebbrecht, die das Layout erstellt hat. Mit Johann Christian Arnold waren die Grimms befreundet, Bruder Ludwig Emil hatte dort sein Maler-Atelier. All das erfahren die Käufer in einem illustrierten Büchlein, das jeder Verpackung beiliegt. (Claudia FeseR)

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