VonMatthias Lohrschließen
Die Kasseler Markthalle soll umgebaut werden. Die ursprünglichen Planungen sind jedoch nicht mehr umzusetzen. Trotzdem soll bald ein jüngeres Publikum angelockt werden.
Kassel – Ohne Corona wäre die Kasseler Markthalle vielleicht schon um eine Kulturattraktion reicher. Ursprünglich sollten in die untere Ebene der regionalen Einkaufsstätte im Marstallgebäude der Jazz-Club Theaterstübchen und die Caricatura-Galerie einziehen. Dieses Vorhaben ist längst nicht mehr aktuell, wie Umbauplaner Matthias Tunnemann im Ortsbeirat Mitte berichtete. Der Umbau der Markthalle gehe dennoch voran und werde ab Januar auch für die Besucher sichtbar werden.
Dann soll das Treppenhaus Richtung Steinweg saniert und mit einem Fahrstuhl ausgestattet werden. Gebäudetechnik und Sanitäranlagen wurden bereits erneuert. Allein dies kostete zwei Millionen Euro. Insgesamt sollen laut Tunnemann, der Mitgeschäftsführer der Markthallen-Gmbh ist, zehn Millionen Euro investiert werden.
Ursprünglich war angedacht, den Marktbetrieb komplett auf der oberen Ebene anzusiedeln. Die sollte durch die mit einem Glasdach überbaute Außenfläche erweitert werden. Theaterstübchen und Caricatura hätten in der unteren Etage neues Publikum anlocken sollen.
Dies lässt sich laut Tunnemann nicht mehr realisieren. „2019 sah die Welt anders aus“, sagt der 65-Jährige und verweist auf die Pandemie sowie die Folgen des Ukraine-Kriegs mit Energiekrise und Inflation. Nun werde mit den Marktbeschickern ein neues Konzept für die Markthalle entwickelt.
Klar ist aber schon jetzt, dass das Stadtarchiv, das bislang im dritten Stock residiert, im Frühjahr nach unten zieht. Mögliche Ausstellungen könnten ebenso junge Besucher anlocken wie die Kinderspielecke, die mit dem Verein Rote Rübe ausgebaut werden soll, und Modenschauen. Im Dachgeschoss sind Büros und Praxen angedacht. Auch das soll die Markthalle beleben.
Derzeit gibt es laut Tunnemann mehr als 40 Marktbeschicker. Eine gewisse Fluktuation sei normal. So wird als Ersatz für die geschlossene Eisdiele am 1. Dezember ein Café mit Konditorei eröffnen. Die Modernisierung der Markthalle im laufenden Betrieb bezeichnet Tunnemann als „Operation am offenen Herzen“.
Als Ortsbeiratsmitglied bekommt Dieter Seidel nicht nur von Menschen aus dem Stadtteil Mitte häufig eine Frage gestellt. Viele wollen von dem SPD-Kommunalpolitiker wissen: „Weißt du denn, was sich in der Markthalle tut?“ Seidel muss dann meistens passen. So erzählte er es am Mittwoch in der Sitzung des Ortsbeirats, in der Mitgeschäftsführer Matthias Tunnemann von den neuen Plänen für die regionale Einkaufsstätte berichtete. Tunnemann gab zu, dass die Informationspolitik der Markthalle besser werden müsse. Denn trotz verspäteter Planungen für den schon lange angedachten Umbau gibt es mehrere neue Aspekte. Eine Übersicht.
- Die Infrastruktur: Vieles, was sich schon getan hat, nehmen Besucher auf den ersten Blick nicht unbedingt wahr. So wurde die Haustechnik mit Heizung und Lüftung erneuert, außerdem die Sanitäranlagen. Die Glühbirnen wurden gegen LED-Lampen ausgetauscht. Und es gibt ein W-Lan für alle.
- Die Kunst: Tunnemann ist 65 Jahre alt und weiß, dass die Stammkundschaft der Markthalle etwa in seinem Alter ist. Darum sagt er: „Wir brauchen junge Kundschaft.“ Dafür sollen zum Beispiel Kunstausstellungen mit der Initiative Artvanced und Lesungen sorgen. Demnächst gibt es eine Modenschau. Das alles soll ein neues Publikum anlocken.
- Die Kinderspielecke: Junge Familien würden die Markthalle bereits jetzt schätzen, sagt Tunnemann, denn: „Die Markthalle ist ein geschützter Raum, in dem sich die Kinder frei bewegen können.“ Dies soll ausgebaut werden, in dem die bereits vorhandene Kinderspielecke mit dem Verein Rote Rübe weiterentwickelt wird. Auch die Kinderkrippe der documenta fifteen könnte eines Tages ein neues Zuhause in der Markthalle finden. Im vorigen Sommer war das Kunstwerk „Eltern und Kleinkinder Krippe / Public Daycare“ der Brasilianerin Graziela Kunsch ein Treffpunkt für junge Familien im Fridericianum. Bereits seit Längerem werden Spenden gesammelt, um die Kunst-Kita anzukaufen. Für Tunnemann sind solche „nicht kommerziellen Aufenthaltsorte“ wichtig, weil sie in der Innenstadt fehlen. Er weiß, dass das nicht ganz uneigennützig ist, denn: Wer sein Kind in der documenta-Kita abgibt, kann in Ruhe einkaufen.
- Der Mobilitäts-Hub: Hinter dem Begriff, der nach Marketing-Denglisch klingt, verbirgt sich etwas ganz Konkretes: Auf der Freifläche werden zwei Carsharing-Stellplätze für E-Autos mit Lademöglichkeiten sowie Stellplätze für E-Bikes und E-Scooter eingerichtet. Außerdem soll eine Paketbox für DHL und andere Paketdienste dazukommen. Auch das soll die Markthalle attraktiver machen.
- Das Fest: Für das Markthallenfest am Samstag, 7. Oktober (19 Uhr), mit Livemusik und DJs wird nicht nur auf Instagram und Facebook Werbung gemacht. Am Eingang der Markthalle ist ein Infoscreen angebracht, auf dem über Neuigkeiten berichtet wird. In Zukunft soll niemand mehr sagen können, er wisse nicht, was sich in der Markthalle tut. (Matthias Lohr)
