Bäderchef redet Klartext

Schwimmfähigkeit nimmt ab – und der Respekt vorm Bademeister

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Sie können es, viele ihrer Altersgenossen aber nicht: Kasseler Grundschüler Mitte Juni beim Schulwettbewerb „Swim & Run“ im Auebad.
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Seit 1984 arbeitet Jens Herbst in Kassels Schwimmbädern. Warum können heute immer weniger Menschen schwimmen? Ein Interview.

Als Jens Herbst 1984 seine Ausbildung zum Bademeister begann, war es ziemlich selten, dass Grundschüler nicht schwimmen konnten. Heute sei das anders, beobachtet der 59-Jährige. Wie zum Beweis fährt wenige Minuten vor dem Interview im Auebad ein Schulbus vor. Dort steigt eine dritte Klasse der Rothenditmolder Valentin-Traudt-Schule ein.

Die acht- bis neunjährigen Schüler haben gerade einen Schwimmkurs hinter sich – für Anfänger. Zwei Unterrichtsstunden pro Woche verbringen sie seit mehreren Monaten im Becken. „Anfangs konnten 70 Prozent der Klasse nicht schwimmen. Jetzt sind es es nur noch 20 Prozent“, sagt die Lehrerin, die ihren Namen für sich behalten will. Dass die meisten erst jetzt das Seepferdchen machen, habe auch mit der „schwierigen Sozialstruktur“ im Viertel zu tun. Viele Eltern könnten selbst nicht schwimmen.

Herr Herbst, wie sehr besorgt sie ein Nichtschwimmeranteil von 70 Prozent bei Drittklässlern?
Das lässt uns natürlich nicht kalt. Dass der Anteil auf 20 Prozent gesenkt werden konnte, zeigt aber, wie sinnvoll Schwimmkurse sind.
Am vorletzten Sonntag ertrank im Stellbergsee bei Söhrewald ein 33-Jähriger – einer von drei Badetoten in Hessen an nur einem Wochenende. Kann das auch in Kasseler Bädern passieren?
Offene Gewässer wie Seen, Flüsse und das Meer bergen viel größere Gefahren als ein Schwimmbad. In den Bädern haben wir in der Regel ausgebildete Rettungskräfte, die das Becken überblicken. Und man kann bis auf den Grund schauen. Das Baden im See ist etwas völlig anderes. In dem jüngsten Fall hier aus der Gegend handelt es sich um einen See, der offensichtlich nicht zum Schwimmen deklariert war. Seit ich meine Ausbildung bei den Städtischen Werken gemacht habe, ist in unseren Schwimmbädern noch niemand ertrunken. Das soll auch so bleiben.
Seit gut 40 Jahren in Kasseler Bädern zuhause: Jens Herbst beobachtet, dass heute weniger Menschen schwimmen können als früher. Das Foto zeigt ihn an seinem Arbeitsplatz, dem Auebad.

Zur Person

Jens Herbst (59) ist Chef der Kasseler Schwimmbäder. Seit 1984 arbeitet er bei den Städtischen Werken, wo er seine Ausbildung zum Schwimmmeister machte. Anschließend leitete er verschiedene Bäder in der Stadt. Seit seinem Umbau im Jahr 2013 hat Herbst sein Büro im Auebad – mit jährlich 415.000 Besuchern (2024) die größte Badeanstalt Kassels. Herbst ist verheiratet und lebt in Habichtswald.

Zurück zu den Kindern. Warum können sie seltener schwimmen als früher?
Besonders deutlich wurde das während der Corona-Pandemie. In dieser Zeit waren die Bäder teilweise lange geschlossen. Viele Kinder wurden nicht an das Medium Wasser herangeführt. Damit fehlt ihnen ein Entwicklungsschritt wie das Seepferdchen, worauf sie aufbauen und das Schwimmen richtig lernen können.
Was bedeutet das Seepferdchen?
Das Abzeichen bescheinigt Grundzüge des Schwimmens und bedeutet nicht, dass man gut schwimmen kann. Es gibt immer wieder Eltern, die sich in einer trügerischen Gewissheit wiegen: Ach mein Kind kann ja schon schwimmen, da wird schon nichts passieren. Nicht nur das: Oft sind die Erwachsenen abgelenkt. Der kurze Blick aufs Handy wird immer länger. Dann geht das Kind im Zweifelsfall Richtung Becken, ob mit Schwimmflügeln oder ohne. Das ist dann schon eine gefährliche Situation.
Das Seepferdchen bescheinigt erste Schwimmkenntnisse. Die fehlen zunehmend auch Ewachsenen.
Versagen die Eltern?
Die Eltern sind immer die erste Adresse, wenn es darum geht, ins Schwimmbad zu gehen und die Kinder überhaupt erstmal ans Wasser zu gewöhnen. Die Kinder machen zum Beispiel die Erfahrung, nicht in Panik zu geraten, wenn der Kopf mal unter Wasser ist. Das fängt im Kleinkindalter an. Zudem gibt es ja viele Kursangebote von der DLRG bis zu privaten Schwimmschulen.
Laut DLRG-Statistik sind drei Viertel aller Badetoten Männer. Überschätzen sich Männer, gerade die jüngeren?
Tatsächlich sind Männer risikobereiter, egal in welchem Alter. Nicht immer geht es um Mutproben, sondern schlicht um Selbstüberschätzung. Nach dem Motto: Ich schwimme mal in der Fulda auch bei einer großen Strömung, das schaffe ich schon. Oder: Ich schwimme jetzt ans andere Ufer des Sees. Aber irgendwann ist man vielleicht in großer Not, und es gibt keine Rettungsschwimmer, die einen sehen und helfen könnten.
Wie stellen Sie hier im Auebad sicher, dass nichts schief geht?
Allein für den Außenbereich haben wir bis zu sechs Leute, die die Aufsicht machen. So hat auch immer jemand den Zehn-Meter-Turm im Blick. Seit kurzem hilft uns auch Künstliche Intelligenz: Wir testen KI-Sensoren, die Ertrinkende erkennen können. Wenn sich das System im Hallenbad bewährt, wollen wir das auch im Außenbereich installieren.
Was hat sich in den letzten 40 Jahren, die Sie überblicken, in den Kasseler Bädern besonders verändert?
Ich sage es mal so: Früher haben die Badegäste uns – die Leute, die im Bad arbeiten – mehr respektiert. Wenn die Aufsichtskraft gesagt hat, okay, du kannst noch nicht so sicher schwimmen, geh bitte ins Nichtschwimmerbecken, dann gab es da keine Diskussionen. Heute sieht das ein bisschen anders aus. Die Leute wollen ständig diskutieren, es gibt mehr Konflikte.
Müssen Sie heute mehr Gäste rauswerfen als früher?
Das passiert schon hin und wieder – und sicherlich häufiger als früher. Früher reichte oft ein Hinweis wie „Lass das bitte sein“, und das wurde dann akzeptiert. Heute hingegen wird man eher mit einem „Was willst du überhaupt?“ konfrontiert.
Badespaß: Freibäder sind eigentlich zur Erfrischung da. Manche Gäste suchen dort aber Konflikte.
Woran liegt das?
Ich denke, das ist ein gesellschaftliches Problem. Wenn ich mich mit Polizisten unterhalte, sagen sie auch, dass sie nicht mehr so respektiert werden wie früher. Ähnliches berichten Rettungskräfte: Bei manchen Einsätzen werden die Leute aggressiv und stellen sich sogar in den Weg. Von daher ist da schon eine Veränderung zu erkennen.
In Berlin gibt es Freibäder, in denen die Polizei für Sicherheit sorgen muss. Wie weit ist Kassel von solchen Zuständen entfernt?
Ich hoffe, dass es bei uns gar nicht dazu kommt. An besonders warmen Tagen, wenn es eher Ärger geben kann, haben wir hier auch ab und zu Security-Personal, das uns unterstützt. Ansonsten versuchen wir, mit eigenen Kräften auszukommen. Als Badegast möchte ich selbst auch nicht unbedingt immer Sicherheitskräfte sehen.
Angst vor dem Wasser? In Schwimmkursen für Erwachsene ist es der erste Schritt, die abzubauen. (zu dpa: «Kann ich als Erwachsener noch schwimmen lernen?»)
In den letzten Jahren hat sich unsere Gesellschaft auch durch Migration verändert. Merken Sie am Beckenrand, dass viele derer, die zu uns gekommen sind, nicht schwimmen können?
Da gibt es schon einen Zusammenhang. Es ist ja auch so, dass viele, die aus Ländern wie Syrien oder Afghanistan kommen, keine Infrastruktur an Schwimmbädern haben wie wir in Europa. Viele Erwachsene können nicht schwimmen. Umso wichtiger ist es, dass wir versuchen, die Leute zu integrieren und sie auch zum Schwimmenlernen zu animieren.
Bei Integration denkt man eher an Sprache und Job. Würden Sie sagen, Schwimmen gehört dazu?
Schwimmen ist auf gewisse Weise ein Kulturgut. Für Kinder ist es schwieriger, Arme und Beine zu koordinieren, um sich über Wasser zu halten. Je älter man wird, desto mehr ist das Schwimmenlernen eine Kopfsache. Da muss sich mancher überwinden. Aber es gibt kein Alter, in dem es zu spät ist, mit dem Schwimmenlernen anzufangen.

Immer mehr Badetote

In Deutschland sind im vergangenen Jahr 411 Menschen ertrunken – eine Zunahme von acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Laut Deutscher Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), die die Zahlen ermittelt hat, handelt es sich um den dritten Anstieg in Folge. Im Ländervergleich steht Hessen mit zwölf Badetoten noch verhältnismäßig gut da. Die meisten Ertrunkenen (70) verzeichnete Bayern. Bundesweit waren 76 Prozent aller Badetoten Männer. Die mit Abstand meisten tödlichen Unglücke ereigneten sich in offenen Gewässern. So kamen 138 Menschen in Flüssen ums Leben, 132 in Seen und 30 an den deutschen Küsten. In Schwimmbädern ertranken zwölf Menschen.

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