VonMyriam Lenzschließen
Das Unternehmen steht erneut auf der Kippe. Die Geschäftsführer haben gestern ein vorläufiges Insolvenzverfahren beim Gericht in Friedberg beantragt. Die etwa 200 Beschäftigen müssen bangen.
Es war ein knappes Jahr voller Hoffnung in der Spezialpapierfabrik Ober-Schmitten (SPO). Am Mittwochmorgen schreckt die Nachricht Nidda auf: Die Geschäftsführer der Gesellschaften ISH Paper und der Spezialpapierfabrik Ober-Schmitten haben die vorläufige Insolvenz beim Gericht in Friedberg beantragt. Ewa 200 Mitarbeiter und fünf Auszubildende sind davon betroffen.
Es ist früher Nachmittag. Etwa ein Dutzend Männer steht in kleinen Gruppen auf dem Werksgelände der Fabrik zusammen. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. Sie rauchen, fragen sich, wie es soweit kommen konnte. Noch am Nachmittag wird der Insolvenzverwalter aus Frankfurt erwartet. Der Betriebsrat berät hinter verschlossenen Türen. Vor einem knappen Jahr demonstrierten sie hier, als der Konzern Glatfelter die traditionsbehaftete Papierfabrik schließen wollte. Mit der IS Holding, die Mitte August 2023 die Fabrik kaufte, schien die Rettung in Sicht.
Papierfabrik in Nidda: Große Pläne und Ankündigungen im April
Noch im April dieses Jahres präsentierten die Geschäftsführer Ilkem Sahin und Karani Gülec große Pläne. Sie kündigten eine fünfte Papiermaschine für 500 Millionen Euro an. Ihre Begründung: Das in Ober-Schmitten hergestellte Pergamyn- und das Kondensatorenpapier passen in das umfangreiche Portfolio des weltweit agierenden Unternehmens. Es umfasst verschiedene Lebensmittelketten, wie zum Beispiel Pizza Hut, Felgenhersteller, Medien, Landwirtschaft und vieles mehr. Alles klang stimmig und einer Strategie folgend. Ilkem Sahin sprach von Wertschätzung und seinem Respekt vor der Arbeitsauffassung der Deutschen.
Und doch lief in den folgenden Monaten nicht alles rund. Die Gewerkschaftsvertreter stritten mit dem Arbeitgeber über Schichten. Berichte über die erneute Insolvenz eines Felgenherstellers, der erst von der IS Holding gekauft wurde, und die offenbar geplatzte Übernahme einer Schokoladenfabrik in Oderwitz verunsicherten. In Sichtweite der Fabrik steht die Moufang-Villa, an der Sahin zu Beginn großes Interesse signalisierte. Als die Niddaer Stadtverwaltung über den anstehenden Versteigerungstermin informierte, erhielt sie keinerlei Reaktion.
Papierfabrik in Nidda: »Das ist ein Schock, zieht mir Schuhe aus«
Überhaupt war die Geschäftsführung immer schlechter zu erreichen: nicht nur für die Stadt, sondern auch für die Werkleitung und Gewerkschaft. Astrid Rasner, Sekretärin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), erzählt: »Die haben sich völlig weggeduckt, reagierten nicht mehr auf Anfragen.« Fragen dieser Zeitung zu den Plänen und insbesondere zur fünften Papiermaschine blieben ebenfalls unbeantwortet. Dann berichteten Mitarbeiter der Gewerkschaft, dass die Löhne für August nicht gezahlt wurden. Auch warten einige Lieferanten bis heute noch auf ihr Geld.
Werkleiter Hagen Knodt überrascht die Nachricht der Insolvenz während seines Griechenland-Urlaubs. »Das ist ein Schock, es zieht mir die Schuhe aus«, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Vor einem Jahr holten ihn die Geschäftsführer wieder nach Ober-Schmitten in den Betrieb. Sie wollten sich um die bestehenden Probleme kümmern, berichtet Knodt. Dann sei es ruhig geworden.
Papierfabrik in Nidda: Bürgermeister »enttäuscht« und »sprachlos«
Auch Niddas Bürgermeister Thorsten Eberhard hat mit dieser Entwicklung nicht gerechnet. »Ich bin mega-enttäuscht, sprachlos und kann das Ganze noch nicht einordnen«, bringt er zum Ausdruck. »Von jetzt auf gleich in eine Insolvenz zu gehen, dafür habe ich kein Verständnis.« Es sei ganz schlimm für die Leute, insbesondere für die Wiederkehrer. Diese müssten sich komplett verschaukelt fühlen. »Das ist einfach nur unfair den Menschen gegenüber.« Erklären könne er sich diese Abläufe noch nicht.
Ungläubig schaut auch Andreas Müth auf die Entwicklung. Der Kaufmann ist seit 33 Jahren im Betrieb. Müth hatte vor 30 Jahren schon eine Insolvenz in Ober-Schmitten mitgemacht. »Man fühlt sich in diese Zeit zurückversetzt.« Der hohe Investitionsbedarf sei offensichtlich, die Produktion jedoch gelaufen, die Aufträge vorhanden. »Was uns noch fehlt, ist die entsprechende Gesetzgebung über die Plastiksteuer. Das wäre die ideale Lösung.« Die Arbeiter und Angestellten der Papierfabrik seien krisenerprobt. Er bemüht sich um Haltung. Bei der ersten Insolvenz war er 30. Heute ist er 60. »Das ist schon ein mulmiges Gefühl.«
Sowohl die Gewerkschaftssekretärin Astrid Rasner als auch Werkleiter Hagen Knodt hoffen auf die Möglichkeiten des Insolvenzverwalters, um die Produktion der Spezialpapiere in Ober-Schmitten doch noch fortzusetzen.
