VonMyriam Lenzschließen
Der Insolvenzverwalter informiert die 180 Beschäftigten in einer Mitgliederversammlung über die Schließung. In den kommenden drei bis vier Monaten werden die letzten Aufträge abgearbeitet.
Ober-Schmitten (myl). Es ist eine denkbar schlechte Nachricht kurz vor Weihnachten: Die Spezialpapierfabrik Ober-Schmitten schließt endgültig. In einer Mitarbeiterversammlung hat der vorläufige Insolvenzverwalter Dr. Jan Markus Plathner die rund 180 Beschäftigten gestern über die notwendige Betriebseinstellung informiert.
Voraussichtlich noch drei bis vier Monate wird weitergearbeitet, um die bestehenden Aufträge abzuarbeiten. Insolvenzverwalter Jan Markus Plathner schreibt: »Im Bereich der hier hergestellten elektronischen Papiere, die beispielsweise in Kondensatoren, Kabeln, Transformatoren und Spulen zum Einsatz kommen, soll als nächstes die sogenannte Ausproduktion starten.« Kunden hätten der Spezialpapierfabrik feste Aufträge für dieses Produkt erteilt und erforderliche finanzielle Beiträge für die kommenden drei bis vier Monate zugesagt, die für diese Bestellungen geplant seien. Die Produktion sei vorbehaltlich der benötigten betrieblichen Versicherungen. Während dieser Zeit wäre es noch möglich, einen Interessenten für die Spezialpapierfabrik Ober-Schmitten zu finden, ergänzt Plathner.
Erst Hoffnung, dann Insolvenz
Damit scheint die letzte Hoffnung auf eine Fortführung des Traditionsbetriebes gestorben. Die Spezialpapierfabrik Ober-Schmitten wurde 1828 in Ober-Schmitten gegründet und agiert seit 2023 unter dem Dach der ISH-Gruppe. An der Spitze steht der türkische Unternehmer Ilkem Sahin, der die Papierfabrik erst vor einem Jahr von dem amerikanischen Unternehmen Glatfelter übernommen hatte und hohe Investitionen versprach. Unter anderem kündigte er an, eine neue Papiermaschine zu kaufen. Das Interesse an den Spezialpapieren aus Ober-Schmitten hatte er mit seinen anderen Firmen begründet. Ilkem Sahin hat seit einem Jahr die Marken Kentucky Fried Chicken und Pizza Hut in Deutschland unter sich. Pergamyn-Papier, auch bekannt als Pergamentpapier, besteht aus hochveredeltem Zellstoff und bietet dem Food- und Non-Food-Sektor maßgeschneiderte Lösungen für Verpackungen. Die zweite Sparte, die elektrotechnische Papiere, insbesondere feine Kondensatorpapiere, sind eine essenzielle Komponente einer Vielzahl elektrischer Bauteile.
Parallelen zu Firmen der IS-Holding
Von den Versprechungen Sahins blieb allerdings nicht viel. Er verschwand regelrecht von der Bildfläche, reagierte nicht auf Presseanfragen. Vor drei Monaten wurde die vorläufige Insolvenz beantragt. Wie jüngst die Wirtschaftswoche berichtete, gibt es markante Parallelen zwischen den Entwicklungen in Ober-Schmitten und anderer von Sahin übernommenen Firmen.
»Das sind bedrückende Nachrichten für die Mitarbeiter und ihre Familien in der Adventszeit«, sagt Niddas Bürgermeister Thorsten Eberhard im Gespräch mit dieser Zeitung. Eberhard hatte in den vergangenen Wochen noch von Interessenten gehört. »Da bestand die Hoffnung, dass sie zumindest noch teilweise einsteigen. Nun stehen knapp 200 Menschen auf der Straße und eine lange Tradition der Papierherstellung in Nidda geht jetzt endgültig verloren.«
2021 hatten die fast 100 Jahre alte Unternehmensgruppe Maria Soell in Eichelsdorf und Kopa-Film Elektrofolien GmbH mit Sitz in Ober-Schmitten ihre Tore geschlossen.
