Interview

„Der Europa-Garten kann so nicht bleiben“: Frankfurter Ortsvorsteher gibt Ausblick auf 2024

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Michael Weber (CDU) in der Mitte des Europa-Gartens, der im kommenden Jahr umgeplant wird.
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Ein Interview über die Sanierung des Europa-Gartens im Gallus, den Zustand des Bahnhofsviertels und die Taubenpopulation in der Frankfurter Innenstadt.

Frankfurt – In einer Serie blickt die Frankfurter Rundschau zurück auf das Jahr 2023 in den 16 Ortsbeiräten. Was waren die wichtigsten Themen, die den Ortsbezirk in den vergangenen Monaten bewegt und beschäftigt haben? Welche Erfolge oder Niederlagen gab es für das Stadtteilparlament? Wie geht es jetzt im neuen Jahr weiter? Nun der Ortsbeirat 1 (Altstadt, Bahnhofsviertel, Europaviertel, Gallus, Gutleut, Innenstadt).

Bahnhofsviertel Frankfurt in den Medien: Hotspot, Waffenverbotszone, Drogenpolitik

Herr Weber, im vergangenen Jahr war das Bahnhofsviertel bundesweit in den Medien. Sie selbst sprachen damals von einem traurigen Höhepunkt. Wie steht es inzwischen um den Stadtteil?

Da hat sich zum Glück viel bewegt, ist vieles angestoßen worden. Allerdings ist die Situation noch lange nicht so, wie man sie sich wünscht.

Sie meinen, dass etwa für das Quartier neuerdings ein Waffenverbot gilt?

Ja, und ich hoffe, dass sich dadurch etwas ändert. Denn auch, wenn die Polizei ihre Kräfte verstärkt hat, fühlen sich noch immer viele Menschen nicht sicher. Ihnen kommt es so vor, als wäre das Viertel ein rechtsfreier Raum.

Helfen könnte da auch das Koordinierungsbüro Bahnhofsviertel, dass in diesem Jahr seine Arbeit aufgenommen hat, oder?

Das ist ein großer Fortschritt. Etwas in dieser Art hat der Ortsbeirat schon seit vielen Jahren gefordert. In dem Büro arbeiten Hauptamtliche, die sich ausschließlich um das Bahnhofsviertel kümmern. Die haben Zeit und Ressourcen, die uns nicht zur Verfügung stehen.

Gibt es bereits erste Erfolge?

Der François-Mitterrand-Platz etwa konnte dank des Büros im Sommer aufgewertet werden. Anlieger hatten sich da oft beschwert, dass der Platz von Dealern und Obdachlosen dominiert werde. Der Wasserspender dort wurde als Dusche und zum Waschen von Kleidung verwendet. Jetzt gibt es dort eine Gastronomie, wodurch das Areal aufgewertet wurde, eine Durchmischung stattfand – ohne dass andere verdrängt werden.

Waschen kann man sich seit April im Hygienezentrum in der Einrichtung Weser 5 der Frankfurter Diakonie. Reicht das?

Dass das so schnell gekommen ist, hätten wir nicht gedacht. Das ist maßgeblich Weser 5 zu verdanken. Doch genügt es leider nicht für das ganze Viertel. Wir brauchen dort viel mehr öffentliche Duschen – und vor allem Toiletten. Die fehlen zwar in der ganzen Stadt. Doch muss das Bahnhofsviertel priorisiert werden. Dort gibt es Stellen, wo der Geruch unerträglich ist. Deshalb muss es schnell gehen.

Als großes Problem wird auch immer der Müll im Viertel genannt. Gibt es da Fortschritte?

Die Stadt hat die AG Müll im Bahnhofsviertel ins Leben gerufen, die sich regelmäßig trifft. Aber leider sehe ich da bislang noch keine großen Erfolge. Es gibt da Idee und Ansätze, und die Stadt reinigt auch wirklich viel. Doch da muss noch mehr passieren.

Der Kaisersack ist nicht die beste Visitenkarte für die Stadt.

Passieren soll auch etwas am Ende der Kaiserstraße. Der Ortsbeirat will den Abschnitt umgestalten. Was versprechen Sie sich davon?

Der Kaisersack ist für viele der Eingang zur Stadt – und befindet sich zurzeit in einem grausamen Zustand. Dort sammeln sich Müll und E-Scooter, und es wird gedealt. Wir wollen, dass sich die Menschen da wohlfühlen können. Dafür soll der Abschnitt für Autos gesperrt werden und ein richtiger Platz entstehen. Zunächst noch temporär rechtzeitig vor der Fußballeuropameisterschaft. Aber dann auch langfristig.

Umgestalten will die Stadt die Fläche an der Staufenmauer. Da gab es Unmut von Anwohnern und Anwohnerinnen, dass der Bereich verkomme. Sind Sie zufrieden mit den Plänen?

Die sollen im nächsten Jahr umgesetzt werden. Das finde ich gut. Die Mauer wird bislang nicht wahrgenommen, weil der Platz an der Fahrgasse davor brachliegt. Dabei ist sie ein historisch wertvolles Objekt, das Aufmerksamkeit verdient. Gleiches gilt für die ehemalige Hauptsynagoge an der Kurt-Schumacher-Straße. Auch sie soll ja wieder sichtbar gemacht werden. Das ist wichtig.

Der Platz an der Staufenmauer soll aufgewertet werden.

Am anderen Ende der Fahrgasse liegt das Fischerplätzchen. Dort gab es zuletzt Beschwerden von Menschen, dass es nachts zu laut werde auf dem Platz. Wie geht es da weiter?

Dort soll es einen Runden Tisch mit den Gastronomen und den Anliegern geben. Zwischen den Akteuren gab es bislang noch keinen richtigen Austausch. Beide Seiten haben sich bislang nur an den Ortsbeirat gewendet. Doch da kann man das nicht klären.

Taubenproblem in der Innenstadt von Frankfurt: „Situation ist sehr unglücklich“

Geklärt werden muss auch, wie es mit den Tauben in der Stadt weitergeht. Das Taubenhaus auf dem Parkhaus Hauptwache ist nur noch bis März geduldet. Gibt es Pläne, was dann passiert?

Die Situation ist sehr unglücklich, da sind wir schon lange dran. Doch anstatt, dass wir vorankommen, geht es Schritte zurück. Die Taubenhäuser abzubauen, verschärft die Problematik nur. Die braucht man, um die Population der Tiere kontrollieren und reduzieren zu können.

Sie meinen, indem dort Eier gegen Attrappen ausgetauscht werden.

Ja. Deshalb muss man neue Standorte finden und auch die Finanzierung sichern. Derzeit heißt es, man arbeite an einem Konzept. Das darf nur nicht so lange dauern, sonst suchen sich die Tauben andere Plätze.

Die Euro-Skulptur am Willy-Brandt-Platz soll erhalten werden.

Eine zeitnahe Lösung muss auch für die Euro-Skulptur am Willy-Brandt-Platz her. Trifft es zu, dass der Ortsbeirat will, dass es bleibt?

Ja. Das ist ein wichtiges Wahrzeichen der Stadt, das jeder kennt und das auf Millionen von Fotos verewigt ist. Die Frage ist nur, wie man den Erhalt finanziert.

War oder ist die Finanzierung der Wartung durch die private Initiative, der die Skulptur gehört, gefährdet?

Genau, und wenn die nicht mehr warten kann, muss die Skulptur eventuell verkauft werden. Mir wäre es egal, ob ein neuer Sponsor gefunden wird, die Stadt die Skulptur kauft oder die Initiative bezuschusst. Hauptsache sie bleibt.

Lösung für Europa-Garten gefordert: Ortsbeirat auch nach Öffnung der Anlage nicht zufrieden

Eine Lösung hat der Ortsbeirat auch für den Europa-Garten gefordert. Das Gremium war nach der Öffnung der Anlage Ende 2022 nicht zufrieden. Wie geht es da weiter?

Auch das Grünflächenamt hat gesehen, dass es so nicht bleiben kann. Deshalb wird der gesamte Park jetzt noch einmal komplett saniert, für viele Millionen Euro.

Das heißt, die Anlage bleibt wieder für Jahre gesperrt?

Nein. Es soll immer nur abschnittsweise saniert werden. Doch bevor es losgeht, soll es eine Bürgerbeteiligung geben – die sollte eigentlich bereits im Herbst starten, wird jetzt aber im Frühjahr kommen. Denn wenn man es noch einmal angeht, sollen hinterher die Menschen zufrieden sein. Klar ist, dass es auf jeden Fall mehr Bäume geben wird. Die riesige Freifläche wird derzeit im Sommer unerträglich heiß. Das muss klimagerecht angepasst werden.

Womit werden Sie sich im kommenden Jahr noch befassen?

Die Stadt plant, dass auf dem Industriegebiet neben der Wurzelsiedlung im Gutleut ein neues Wohngebiet entsteht. Mit der Planung soll 2024 begonnen werden. Das wird eine spannende Geschichte, wie das Areal gestaltet werden kann, was für Wohnungen entstehen und welche Infrastruktur entsteht. Noch gehört die Fläche der HFM Managementgesellschaft für Hafen und Markt. Und in der ersten Sitzung im kommenden Jahr wird das Projekt wohl Thema sein.

Interview: Boris Schlepper

Zur Person

Michael Weber ist seit 2021 Vorsteher des Ortsbeirats 1 (Altstadt, Bahnhofsviertel, Europaviertel, Gallus, Gutleut, Innenstadt). Der 45-Jährige ist seit 2016 für die CDU-Fraktion Mitglied des Gremiums und arbeitet als Lehrer an einer Frankfurter Schule.

Im Ortsbezirk 1 leben etwa 65 766 Menschen (Stand 30. Juni 2023).

Stärkste Fraktion im Ortsbeirat sind die Grünen mit sechs Mandaten, die mit Petra Thomsen auch die stellvertretende Ortsvorsteherin stellen. CDU und SPD haben jeweils drei Sitze, FDP und Linke je zwei. Ökolinx, Die Partei und BFF haben jeweils ein Mandat.

Die erste Sitzung im kommenden Jahr findet voraussichtlich am 16. Januar, 19 Uhr, im Saalbau Gutleut, Rottweiler Straße 32, Raum Westhafen, statt. bos

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