Stürmische Rede von Žižek

Buchmesse startet im Schatten des Nahostkrieges: Gleich zur Eröffnung kommt es zum Eklat

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Slavoj Žižek sorgte mit seiner Rede für Wirbel.
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Zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse thematisiert Philosoph Slavoj Žižek die Situation der Palästinenser. Es kommt zu Zwischenrufen aus dem Publikum.

Frankfurt – In einer stürmischen, von Zwischenrufen unterbrochenen Rede hat der slowenische Philosoph Slavoj Žižek zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse am Dienstagabend (17. Oktober) für mehr Menschlichkeit auf beiden Seiten des Krieges im Nahen Osten geworben.

„Ich verurteile den Angriff der Hamas auf die Israelis ohne Wenn und Aber. Ich gebe Israel auch das Recht, sich zu verteidigen und die Bedrohung zu zerstören“, setzte Žižek an. Sobald man aber den Hintergrund analysiere, gerate man in Verdacht, den Terrorismus unterstützen zu wollen, fuhr er fort.

„Was ist das für ein Analyseverbot?“, fragte Žižek. Es erinnere ihn an einen Bienenstaat, der totalitär organisiert sei, weshalb er das Motto des Ehrengastlands Slowenien „Waben der Worte“ für „idiotisch“ halte. „Wir müssen in der Situation auch Millionen von Palästinensern erwähnen.“ Žižek bedauerte, dass die palästinensischen Araber und Araberinnen seit der Staatsgründung Israels in einem „Schwebezustand“ gehalten würden.

Rede bei Eröffnung der Frankfurter Buchmesse: „Kein Frieden ohne Lösung der Palästinenserfrage“

„Die Palästinenser werden nur als Problem behandelt, der Staat zeigt ihnen keine positive Rolle auf“, sagte er. „Es kann im Nahen Osten keinen Frieden geben, ohne eine Lösung der Palästinenserfrage.“ Aus dem Publikum kam der Zwischenruf, Žižek relativiere mit seinen Äußerungen den Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober. „Ich relativiere nichts, ich rechtfertige nicht das Verbrechen: Israel hat das Recht, sich zu verteidigen“, rief Žižek zurück. „Man sollte die palästinensischen Rechte verteidigen und den Antisemitismus bekämpfen.“

Die Frankfurter Buchmesse, weltgrößte Bücherschau, eröffnet in Zeiten des Krieges.

Dass der „Liberaturpreis“ nicht – wie geplant – auf der Buchmesse, sondern erst später an die palästinensische Autorin Adania Shibli verliehen wird, empfinde er als „skandalös“. „Ich bin nicht nur stolz, hier zu sein, ich schäme mich auch ein bisschen.“ „Es ist die Freiheit des Wortes. Die müssen wir hier so stehen lassen“, sagte Buchmesse-Direktor Juergen Boos. „Ich bin froh, dass wir diese Rede zu Ende gehört haben“, auch wenn sie traurig mache.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne), die slowenische Staatspräsidentin Nataša Pirc Musar, der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) und die hessische Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) hatten zuvor den terroristischen Angriff der Hamas verurteilt, ohne dezidiert auf die Lage der Palästinenser und Palästinenserinnen einzugehen. (Florian Leclerc)

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