- VonKlaus Kächlerschließen
Der Schock sitzt bei den Heimbewohnern tief: Viele müssen nach der Kostenerhöhung Sozialhilfe beantragen.
Kreis Gießen . Für den 90-Jährigen und seine zwei Jahre jüngere Frau bricht Anfang Juli eine Welt zusammen. An diesem Tag flattert ihnen Post vom Betreiber ihres Seniorenheims im Landkreis Gießen ins Zimmer. In dem Brief ist von einer satten Erhöhung der Unterbringungskosten die Rede. Die nackten Zahlen lassen die beiden erschaudern. Unterm Strich reicht ihr eigentlich nicht gerade niedriges Einkommen nicht mehr aus, sie müssen Unterstützung beantragen.
Die ältere Dame ist verzweifelt: »Wir haben das Land nach dem Krieg mit aufgebaut, unser ganzes Leben lang gearbeitet und Kinder groß gezogen. Und jetzt müssen wir Sozialhilfe beantragen, das ist demütigend.«
Bernd Klein, Geschäftsführer des Oberhessischen Diakoniezentrums Johann Friedrich Stift Laubach, das Senioren- und Pflegeheime in Laubach, Hungen und Lich betreibt, musste genau das seinen Kunden in den Einrichtungen mitteilen. Wie er im Gespräch mit dem Gießener Anzeiger berichtet, sah er sich daraufhin vielen verbalen Angriffen ausgesetzt. Nach seinen Worten »hart, aber verständlich«. Allerdings: Personalmangel und ständig steigende Betriebskosten ließen den Trägern nur wenig Spielraum.
»Eine Katastrophe in Tüten«, so Klein. In den nächsten Jahren werde der demografische Wandel gnadenlos zuschlagen. »Wir stopfen derzeit nur die Löcher. Wichtige, nachhaltige Dinge werden vernachlässigt. Irgendwann wird die Bombe platzen«, prophezeit Klein, der seit fünf Jahren an der Spitze des Diakoniezentrums steht.
Nach Auskunft der AOK Hessen gibt es derzeit im Landkreis Gießen (inklusive der Stadt Gießen) 30 vollstationäre Heime, mit denen die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Reine Seniorenheime seien damit nicht gemeint, denn dort stünden pflegerische Leistungen nicht im Mittelpunkt.
In den vergangenen Jahren sind die Kosten für Pflegepersonal, aber auch fr Unterkunft und Verpflegung extrem stark gestiegen.
Die Folge: Die Eigenbeteiligung der pflegebedürftigen Heimbewohner steigt stetig an. Tendenz steigend.
5,4 Millionen Menschen in Deutschland gelten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes aktuell als pflegebedürftig. Rund eine Million davon leben in Pflegeheimen. Vier von fünf Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt.
Um sie zu versorgen, arbeiten heute bereits knapp 1,7 Millionen Menschen in der Pflege. »Das sind mehr als doppelt so viele Beschäftigte wie in der deutschen Automobilindustrie«, rechnet Thomas Greiner, Präsident des Arbeitgeberverbands Pflege, vor.
Weil die Gesellschaft immer älter wird, dürfte sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2050 auf 7,5 Millionen erhöhen. Entsprechend groß ist der Bedarf an Pflegeplätzen und Personal.
Private, kirchliche, gemeinnützige und kommunale Träger müssten mit der Politik an einen Tisch, um gemeinsam nach verlässlichen Rahmenbedingungen für Finanzierung und Standards zu suchen, so Greiner.
Denn: Nicht nur die auf Pflege angewiesenen Personen zahlen die Zeche. Auch die Träger solcher Einrichtungen arbeiten oft am Limit. Insgesamt gab es laut einer Statistik des Arbeitgeberverbands Pflege von Januar 2023 bis Juli 2024 über 1000 Schließungen, Insolvenzen oder Angebotsreduzierungen wie Kündigungen von Verträgen oder Aufnahmestopps bei ambulanten Diensten. 106 Pflegeheime haben 2023 bundesweit dicht gemacht.
Nach Einschätzung der Krankenkassen sei dies vor allem auf den Personalmangel zurückzuführen. Fehlen Fachkräfte, können nicht alle Plätze in den Heimen genutzt werden, was wiederum zu finanziellen Verlusten führt. Fehlendes Pflegepersonal mit Leiharbeitern zu besetzen, ist teuer. Viele Betreiber können das nicht lange durchhalten. Vor allem dann, wenn auch Lohn- und Energiekosten steigen und die Inflation zuschlägt.
»Wir können nicht alles an unsere Kunden weitergeben«, macht Klein klar. »Auf der anderen Seite muss sich unser Angebot rechnen.«
In Lich werden 56 Plätze angeboten, in Laubach sind es 76 und in Hungen 90. Überall gibt es Wartelisten.
Von vollstationärer Pflege in einem der drei Seniorenzentren über ambulante Pflege zu Hause und Beratung bis hin zu Begleitung oder Betreuung in der letzten Lebensphase - das Spektrum der Diakonie in der Altenpflege ist breit.
»Unser Ziel muss es sein, den ambulanten Dienst weiter auszubauen«, so Klein. Denn immer mehr Menschen wollten ihr soziales Umfeld nicht verlassen.
Der schlimmste limitierende Faktor sei nach wie vor der Fachkräftemangel. »Wir bilden aus, gehen an Schulen und werben über Vermittlungsagenturen Fachkräfte im Ausland etwa in Indien oder der Türkei an«, zählt Klein auf. Doch trotz vieler Versprechen der Politik habe sich kaum etwas geändert: »Der bürokratische Auswand ist immens und bei der Anerkennung ausländischer Qualifikationen hapert es auch immer noch.«
Gegenwärtig beschäftigt das Diakoniezentrum rund 200 Pflegekräfte und ist mit 36 Fahrzeugen unterwegs.
Für viele ist es eine schwere Entscheidung: In ein Pflegeheim zu ziehen und sein Zuhause und sein Umfeld zu verlassen, fällt den meisten alten Menschen schwer. Weitere Sorgen sind die finanzielle Unsicherheit und die Angst, sich einen Heimplatz nicht leisten zu können und damit womöglich die Kinder zu belasten.
Einen festen Preis für einen Platz im Heim gibt es nicht. Jeder Träger kann die Kosten für seine Einrichtung selbst kalkulieren. Auch Erhöhungen, wie kürzlich geschehen, müssen sie sich von den Pflegekassen genehmigen lassen.
Zwar zahlen die Pflegekassen Zuschüsse zu den Kosten für die Pflege - je länger man im Heim lebt, umso höher fällt die Unterstützung aus -, dennoch müssen Pflegebedürftige immer tiefer in die Tasche greifen. Heimbewohner mussten im ersten Jahr im Heim im bundesweiten Schnitt 2871 Euro pro Monat selbst zahlen (Stand: 1. Juli 2024). Das geht aus einer Statistik des Verbandes der Ersatzkassen hervor.
»Wie soll ein Rentner mit einem durchschnittlichen Einkommen von 1200 Euro das bezahlen?«, fragt Klein. Die Finanzierung müsse endlich auf belastbare Beine gestellt werden.
Rainer Berk aus Lich, dessen Mutter und Vater beide in einem Heim untergebracht sind, weiß, wie sehr seine Eltern geschockt waren, als sie feststellten, dass ihre Rente plötzlich nicht mehr reicht. Von den Trägern wünscht er sich einen sensibleren Umgang mit dem Thema. Schließlich bringt er es auf den Punkt: »Wir müssen uns fragen, wie wir künftig mit unseren Alten umgehen wollen.« Respekt sei gefragt.
Foto: Kächler